Blogpäuschen

Marianne Werefkin_Steilküste bei Ahrenshoop

 

Mine Heimat

Wo de Ostseewellen trecken an den Strand,
Wo de gele Ginster bleuht in´n Dünensand,
Wo de Möwen schriegen, grell in´t Stormgebrus, –
Da is mine Heimat, da bün ick tau Hus.

Well- und Wogenrunschen, wir min Weigenlied,
Un de hogen Dünen, seg´n min Kinnertied,
Seg´n uch mine Sehnsucht, un min heit Begehr,
In de Welt tau fleigen öwer Land un Meer.

Woll het mi dat Leben dit Verlangen stillt,
Het mi allens geben, wat min Herz erfüllt,
Allens is verswunden, wat mi quält un drew,
Hev nu Frieden funden, doch de Sehnsucht blew.

Sehnsucht na dat lütte, stille Inselland,
Wo de Wellen trecken an den witten Strand,
Wo de Möwen schriegen grell in´t Stormgebrus, –
Denn da is min Heimat, da bün ick tau Hus.

Martha Müller-Grählert 1907

Advertisements
Veröffentlicht unter Uncategorized | 2 Kommentare

Kürbisschüsse

Henri Rousseau_Les Joueuers de football

Fußball
(nebst Abart und Ausartung)

Der Fußballwahn ist eine Krank-
Heit, aber selten, Gott sei Dank.
Ich kenne wen, der litt akut
An Fußballwahn und Fußballwut.
Sowie er einen Gegenstand
In Kugelform und ähnlich fand,
So trat er zu und stieß mit Kraft
Ihn in die bunte Nachbarschaft.
Ob es ein Schwalbennest, ein Tiegel,
Ein Käse, Globus oder Igel,
Ein Krug, ein Schmuckwerk am Altar,
Ein Kegelball, ein Kissen war,
Und wem der Gegenstand gehörte,
Das war etwas, was ihn nicht störte.
Bald trieb er eine Schweineblase,
Bald steife Hüte durch die Straße.
Dann wieder mit geübtem Schwung
Stieß er den Fuß in Pferdedung.
Mit Schwamm und Seife trieb er Sport.
Die Lampenkuppel brach sofort.
Das Nachtgeschirr flog zielbewußt
Der Tante Berta an die Brust.
Kein Abwehrmittel wollte nützen,
Nicht Stacheldraht in Stiefelspitzen,
Noch Puffer außen angebracht.
Er siegte immer, 0 zu 8.
Und übte weiter frisch, fromm, frei
Mit Totenkopf und Straußenei.
Erschreckt durch seine wilden Stöße,
Gab man ihm nie Kartoffelklöße.
Selbst vor dem Podex und den Brüsten
Der Frau ergriff ihn ein Gelüsten,
Was er jedoch als Mann von Stand,
Aus Höflichkeit meist überwand.
Dagegen gab ein Schwartenmagen
Dem Fleischer Anlaß zum Verklagen.
Was beim Gemüsemarkt geschah,
Kommt einer Schlacht bei Leipzig nah.
Da schwirrten Äpfel, Apfelsinen
Durch Publikum wie wilde Bienen.
Da sah man Blutorangen, Zwetschen
An blassen Wangen sich zerquetschen.
Das Eigelb überzog die Leiber,
Ein Fischkorb platzte zwischen Weiber.
Kartoffeln spritzten und Citronen.
Man duckte sich vor den Melonen.
Dem Krautkopf folgten Kürbisschüsse.
Dann donnerten die Kokosnüsse.
Genug! Als alles dies getan,
Griff unser Held zum Größenwahn.
Schon schäkernd mit der U-Bootsmine
Besann er sich auf die Lawine.
Doch als pompöser Fußballstößer
Fand er die Erde noch viel größer.
Er rang mit mancherlei Problemen.
Zunächst: Wie soll man Anlauf nehmen?
Dann schiffte er von dem Balkon
Sich ein in einem Luftballon.
Und blieb von da an in der Luft,
Verschollen. Hat sich selbst verpufft. –

Ich warne euch, ihr Brüder Jahns,

Vor dem Gebrauch des Fußballwahns!

Ringelnatz

Veröffentlicht unter Uncategorized | 1 Kommentar

Buchgrimmen

John Frederick Peto_ Take Your Choice 1885

 

Ansprache eines Bücherwurms

Der Kakerlak nährt sich vom Mist,
Die Motte frißt gern Tücher,
Ja selbst der Wurm ist, was er ißt.
Und ich, ich fresse Bücher.

Ob Prosa oder Poesie,
Ob Mord – ob Heldentaten –
Ich schmause und genieße sie
Wie einen Gänsebraten.

Ich bin ein belesner Herr,
Nicht wie die andern Viecher!
Daß Bücher bilden, wißt auch ihr,
Und ich – ich fresse Bücher.

Die Nahrung, sie behagt mir wohl,
Verleiht mir Grips und Stärke.
Was andern Wurst mit Sauerkohl,
Das sind mir Goethes Werke.

Ich fraß mich durch die Literatur
So mancher Bibliotheken;
Doch warn das meiste, glaub es nur,
Bloß elende Scharteken.

Das Bücherfressen macht gescheit.
So denken sich´s die Schlauen.
Doch wer zuviel frißt, hat nicht Zeit,
Es richtig zu verdauen.

Drum lest mit Maß, doch lest genug,
Dann wird´s euch wohl ergehen.
Bloß Bücher fressen macht nicht klug!
Man muß sie auch verstehen.

Mascha Kaléko

Veröffentlicht unter Uncategorized | 2 Kommentare

Qualnachtwald

Carl Gunschmann_ Hans Schiebelhuth 1920

Qualnachtwald

Vom Meer zum Mainkai Nebel webt
Wunschmann in Wut die Welt umläuft
Im Wurzelwerk ein Mahr Gold häuft
Hoch ob der Seewell Habicht schwebt

Der Maimond blauen Schlaftrank träuft
Wo hartgelehnt der Schüler strebt
An Thesen ist ein Narr wer klebt
Weil tief ein Denkschacht drunter teuft

Erdherzwärts trübes Blut musst kreisen
Sei dir auch Sonnenbahn verheißen
Und lichte Zwiesprach mit den Steinen

Tagshell mags grell sogar erscheinen
Bis alle Gramlast grabhaft ruht
Am Qualnachtwald. Hans Schiebelhuth.

Hans Schiebelhuth: Der Hakenkreuzzug – Neodadaistische Ungedichte, 1920

 

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

10.00 – 10.05 Uhr

Ab 1. März 2018 läuft der Film („Das schweigende Klassenzimmer“) von Lars Kraume. Die Weltpremiere erfolgte am 20. Februar 2018 bei der 68. Berlinale in der Sektion Berlinale Special.

gazelleblockt

Er  [d.i. der Minister für Volksbildung der DDR und Abgeordneter der Volkskammer Fritz Lange] brüllte, Blödsinn, das könnten wir jemandem erzählen, der sich die Hose mit der Kneifzange anziehe. Hier gehe es um einen oder mehrere Rädelsführer. Er verlange, dass sich die Klasse von diesem oder diesen distanziere, die die Schweigeminute für die ungarischen Konterrevolutionäre organisiert hätten. Wir sollten ihm nichts von Puskás erzählen, hier seinen ganz andere Elemente am Werk, die sich auf die Seite des Klassenfeindes gestellt hätten. Was wir ihm sagen würden, das könne doch keiner glauben, die ganze Klasse könne sich doch nicht auf die Seite des Klassenfeindes stellen.

Dietrich Garstka_ Das schweigende Klassenzimmer

Budapest, 23. Oktober 1956

Der ungarische Volksaufstand beginnt mit einer friedlichen Großdemonstration der Studenten der Universitäten in Budapest, die demokratische Veränderungen forderte.

Die Regierung ließ am Abend in die schnell wachsende Menge schießen, daraufhin brach der bewaffnete Kampf aus.

Storkow, Mark Brandenburg…

Ursprünglichen Post anzeigen 424 weitere Wörter

Veröffentlicht unter Uncategorized | 2 Kommentare

Inmitten meiner Zeilen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Felice Casorati_ Ritratto di Cesarina Gualino 1922

 

 

Inmitten meiner Zeilen

Ich bin ein Buch mit sieben Siegeln.
Schreib mich mal groß, doch meistens klein.
Ein Vogel mit gestutzten Flügeln.
Kann‘s das denn schon gewesen sein?

Ich steh inmitten meiner Zeilen,
Ich blätter vor und auch zurück.
Ich möchte manchmal zu dem Ende eilen.
Gibt‘s irgendwo ein bisschen Glück?

Du hast dich in mein Buch geschlichen.
Klammheimlich warst du einfach da.
Bin deinen Zeilen ausgewichen.
Doch insgeheim warst du mir nah.

Du ranntest mitten durch den Regen.
Und hieltst mein Buch in deiner Hand.
Am Bahnhof zwischen all den Zügen,
befand ich mich im Zauberland.

Am Fenster standst du vis-a-vis.
Du trankst Kaffee. Und hast gelacht.
In meinem Tee schwamm Elegie.
Was hast du nur mit mir gemacht?

Die Träume welken mit der Zeit.
Ich wache auf und seh den Regen fließen.
Kein Zauber hält in Wirklichkeit.
Ich werd die Traumtür fest verschließen.

Ein Happy-End wird es nicht geben.
Ich reiß die letzten Seiten raus.
Ich will doch weg vom Rand des Lebens.
Geh lieber in die Welt hinaus.

Du warst für mich die Traumgestalt
In meinem Buch mit sieben Siegeln.
Doch weiß ich längst: das Buch ist alt.
Ein Neues wird jetzt aufgeschrieben.

©perlengazelle

Veröffentlicht unter Uncategorized | 4 Kommentare

Ins Heute aus dem Gestern

Ringelnatz_Fasching im Schnee

 

Der Glückwunsch

Ein Glückwunsch ging ins neue Jahr,
Ins Heute aus dem Gestern.
Man hörte ihn sylvestern.
Er war sich aber selbst nicht klar,
Wie eigentlich sein Hergang war
Und ob ihn die Vergangenheit
Bewegte oder neue Zeit.
Doch brachte er sich dar, und zwar
Undeutlich und verlegen.

Weil man ihn nicht so ganz verstand,
So drückte man sich froh die Hand
Und nahm ihn gern entgegen.

Ringelnatz

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen