Durch geheime Gänge und Gedärme

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

André Gill_Le Lapin agile (= Lapin à Gill)

 

Ostern

Wenn die Schokolade keimt,
Wenn nach langem Druck bei Dichterlingen
„Glockenklingen“ sich auf „Lenzesschwingen“
Endlich reimt
Und der Osterhase hinten auch schon presst,
Dann kommt bald das Osterfest.

Und wenn wirklich dann mit Glockenklingen
Ostern naht auf Lenzesschwingen, —
Dann mit jenen Dichterlingen
Und mit deren jugendlichen Bräuten
Draussen schwelgen mit berauschten Händen —
Ach, das denk ich mir entsetzlich,
Ausserdem – unter Umständen –
Ungesetzlich.

Aber morgens auf dem Frühstückstische
Fünf, sechs, sieben flaumweich gelbe, frische
Eier. Und dann ganz hineingekniet!
Ha! Da spürt man, wie die Frühlingswärme
Durch geheime Gänge und Gedärme
In die Zukunft zieht
Und wie dankbar wir für solchen Segen
Sein müssen.

Ach, ich könnte alle Hennen küssen,
Die so langgezogene Kugeln legen.

Ringelnatz

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Gaudeamus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Théophile-Alexandre Steinlen

 

Die Katze

Ist so lebenstüchtig,

So launisch und so eifersüchtig,

So taubensanft, so schlangenschlau

Wie eine nur zweibeinje Frau.

Tut sie auch keusch wie ’ne Novize –

’ne Messalina ist die Mieze.

 

Ja, schon zur Zeit der Pyramiden,

War sie nicht unter den Frigiden!

Mascha Kaléko

 

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Blauer Dienstag

Joan Miró 1925

 

Träumerei in Hellblau

Alle Landschaften haben
Sich mit Blau gefüllt.
Alle Büsche und Bäume des Stromes,
Der weit in den Norden schwillt.

Blaue Länder der Wolken,
Weiße Segel dicht,
Die Gestade des Himmels in Fernen
Zergehen in Wind und Licht.

Wenn die Abende sinken
Und wir schlafen ein,
Gehen die Träume, die schönen,
Mit leichten Füßen herein.

Zymbeln lassen sie klingen
In den Händen licht.
Manche flüstern, und halten
Kerzen vor ihr Gesicht.

Georg Heym 1911

 

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So nackt, so fufu furchtbar nackt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ringelnatz_Fische 1920

 

 

Kleines Gedicht für große Stotterer

Ein Fischge, Fisch, ein Fefefefefischgerippe
Lag auf der auf, lag auf der Klippe.
Wie kam es, kam, wie kam, wie kam es
Dahin, dahin, dahin?

Das Meer hat Meer, das Meer, das hat es
Dahin, dahin, dahingespület,
Da llllliegt es, liegt, da llllliegt, llliegt es
Sehr gut, sogar sehr gut!

Da kam ein Fisch, ein Fefefefefisch, ein Fefefefefefe-Fefefefefefe-
(schriller Pfiff) feFe feFe feFe feFefischer,
Der frischte, fischte frische Fische.
Der nahm es, nahm, der nahm, der nahm es
Hinweg, der nahm es weg.

Nun llllliegt die, liegt, nun llliegt die Klippe
Ganz o o o ohne Fischge Fischgerippe
Im weiten, weit, im We Weltenmeere
So nackt, so fufu furchtbar nackt.

Kurt Schwitters (um 1934)

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Die Katze in der leeren Wohnung

 bonnard-cat

Pierre Bonnard_Le chat blanc

 

Die Katze in der leeren Wohnung

Sterben – das tut man einer Katze nicht an,
Denn was soll die Katze
in einer leeren Wohnung.
An den Wänden hoch,
sich an Möbeln reiben.
Nichts scheint sich hier verändert zu haben,
und doch ist alles anders.
Nichts verstellt, so scheint es,
und doch alles verschoben.
Am Abend brennt die Lampe nicht mehr.

Auf der Treppe sind Schritte zu hören,
aber nicht die.
Die Hand, die den Fisch auf den Teller legt,
ist auch nicht die, die es früher tat.

Hier beginnt etwas nicht
zur gewohnten Zeit.
Etwas findet nicht statt,
wie es sich gehört hätte.
Jemand war hier und war,
dann verschwand er plötzlich
und ist beharrlich nicht da.

Alle Schränke durchforscht.
Alle Regale durchlaufen.
Unter Teppichen geprüft.
Trotz des Verbots
die Papiere durchstöbert.
Was bleibt da noch zu tun.
Schlafen und warten.

Komme er nur,
zeige er sich.
Er wird´s schon erfahren.
Einer Katze tut man sowas nicht an.
Sie wird ihm entgegenstolzieren,
so, als wollte sie´s nicht,
sehr langsam,
auf äußerst beleidigten Pfoten.
Noch ohne Sprung, ohne Miau.

Wisława Szymborska (übersetzt von Karl Dedecius)

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Tanz zur Musik der Zeit

zzzzNicolas Poussin_ Tanz zur Musik der Zeit (1636)

„Irgendwie weckt der Anblick von Schnee, der auf Feuer fällt, in mir immer Gedanken an die Welt der Antike (…). Diese Projektionen beschworen plötzlich die Szene eines Gemäldes von Poussain, in der die Jahreszeiten, Hand in Hand und nach außen gewandt, zu der Musik der Leier tanzen, die der geflügelte, nackte Graubart spielt. Und diese allegorische Darstellung der Zeit weckte dann Gedanken an das irdische Leben: an die Menschen, wie sie nach außen gewandt wie die Jahreszeiten, sich Hand in Hand in verschlungenen Rhythmen bewegen; wie sie langsam, methodisch und manchmal leicht unsicher schreiten in Wendungen, die erkennbare Formen annehmen, oder wie sie ausbrechen in wilde, scheinbar sinnlose Drehsprünge, während ihre Partner verschwinden, nur um dann wieder zu erscheinen und erneut dem Schauspiel eine Struktur geben; wie sie unfähig sind, die Melodie, und unfähig vielleicht auch, die Schritte des Tanzes zu bestimmen.“

Anthony Powell_Eine Frage der Erziehung. Band 1 des zwölfbändigen Romanzyklus „Ein Tanz zur Musik der Zeit“

 

Davon, dass der englische Schriftsteller Anthony Powell  (1905 – 2000) sein Lebensziel erreicht hatte („A wife with a title and a house with a drive“), konnte sich sein Übersetzer Heinz Feldmann persönlich überzeugen, als er Powell und seine Gattin Lady Violet auf dessen Landsitz in Somerset in den achtziger Jahren aufsuchte, wie er uns an einem Powell-Abend in der Essener Buchhandlung „Proust“ in der Reihe Literatur:Literatur! erzählte. Einige Schwierigkeiten bei der Übersetzung wollte er persönlich mit dem Autor besprechen, z. B. waren ihm zahlreiche grammatikalische Ungenauigkeiten oder Fehler im Text aufgefallen. War unschlüssig, ob er sie übernehmen sollte  – vielleicht würde jemand an seiner Qualifikation als Übersetzer zweifeln.

Der Autor – seine Sprache verriet unverkennbar den ehemaligen Etonschüler -, entpuppte sich als ein Mensch, der sich ständig über alles vor Lachen ausschütten konnte. „Wie ein kleines Kind“, erklärte Lady Violet, als Powell sich herzhaft amüsierte über die Vorstellung seines Gastes, er sei Heinz Feldmann. „Heinz like the soup.“ Ein nur mäßiger Witz, wie Feldmann selber fand.

zzzzAnthony Powell besuchte das Eton College, studierte in Oxford und heiratete eine Adlige. Er arbeitete als Lektor in einem Londoner Verlag, schrieb Drehbücher und Beiträge für britische Tageszeitungen, war Herausgeber des Magazins »Punch« und Autor zahlreicher Romane.

Der Zyklus „Ein Tanz zur Musik der Zeit“ —­ aufgrund­ seiner inhaltlichen­ wie formalen Gestaltung immer wieder mit Mar­cel Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« verglichen —­ gilt­ als­ sein­ Hauptwerk und gehört zu den bedeutendsten Romanwerken des 20. Jahrhunderts.

Inspiriert von ­dem ­gleichnamigen Bild des französischen Barockmalers Nicolas Poussin, zeichnet der Zyklus ein facettenreiches Bild der englischen Upperclass vom Ende des Ersten Weltkriegs bis in die späten sechziger Jahre. Aus der Perspektive des mit typisch britischem Humor und Understatement ausgestatteten Ich­-Erzählers Nicholas (nach Pussain genannt) Jenkins — der durch so­ manche­ biographische­ Parallele­ wie­ Powells­ Alter ­Ego­ anmutet — bietet der »Tanz« eine Fülle von Figuren, Ereignissen, Beobachtungen und Erinnerungen, die einen Einblick geben in die Gedanken­welt der in England nach wie vor tonangebenden Gesellschaftsschicht mit ihren durchaus merkwürdigen Lebensgewohnheiten.

Powell wollte den Erzählton seines Werkes so verstanden haben: Nicht der Ton ausgewogener Geschichtsschreibung, sondern der einer gemächlichen Erzählung „über den Esstisch hinweg“. Der Stil sei typisch für die Sprechweise der kultivierten Oberschicht: sehr formal und latinisiert in Satzbau und Wortwahl, doch gleichzeitig auch familiär und unpedantisch; Festlegungen vermeidend, aber auch präzise, lässig, ja oft lax im Hinblick auf grammatische Korrektheit. (Aus dem Nachwort des Übersetzers zum ersten Band, eine Ausgabe aus den 80er Jahren).

In deutscher Sprache ist Powells »Tanz« bisher unbekannt geblieben, mangelte es doch an einer Übersetzung des gesamten Zyklus. Drei Anläufe hat es in der Vergangenheit gegeben, alle scheiterten. Die Bände 1 bis 3 übersetzte Heinz Feldmann (geb. 1935) in den 80er Jahren. Doch es gab keine Reklame der Verlage, erklärte Feldmann. Die Feuilletons der großen Zeitungen ignorierten Powell.

Für die nun erscheinende Ausgabe beim Elfenbein Verlag wurden sie vollständig durchgesehen; die weiteren Bände werden in halbjährlichem Rhythmus erscheinen. Den sechsten habe er gerade vollendet, erzählte Feldmann. Im Herbst 2018 wird der Zyklus abgeschlossen sein — aus der Feder desselben Übersetzers, über den Anthony Powell in seinem Tagebuch vermerkte: “I am lucky to have him as a translator.“

Ich habe gerade den ersten Band, noch aus den 80er Jahren, beendet. Er beinhaltet Erlebnisse in der Schule (vermutlich Eton), Besuche der Elternhäuser von Schulkameraden, ein Sommeraufenthalt in Frankreich zwecks Studium der französischen Sprache, sowie Erlebnisse auf der Universität. Der knochentrockene typisch englische Humor macht Lust auf mehr. Evelyn Waugh verglich das Werk mit einer Fleischpastete und versicherte dem Koch/Autor: „Ich könnte davon essen, bis ich umfalle.“

Ein wenig mulmig wird mir, wenn ich an die Fülle von Personen (über 400) denke, die im Laufe des Zyklus auftauchen werden. Und wieder verschwinden, um erneut zu erscheinen. Ob ich den Überblick behalten kann?

Um auf dem Laufenden zu bleiben, empfiehlt sich daher auf jeden Fall Hilary Spurlings „Invitation to the Dance: A Handbook to Anthony Powell A Dance to th Music of  Time.“ Sämtliche Personen, alle im Text aufgeführten Gemälde und Bücher werden gelistet – Literatur und Malerei spielen eine große Rolle. Außerdem sind alle Kapitel einzeln stichwortartig zusammengefasst. Ist bisher noch nicht übersetzt worden.

Ein sehr gelungener Abend! Wozu nicht nur die Erläuterungen des Übersetzers Heinz Feldmann sowie die zahlreichen Anekdoten, sondern auch die Lesung zweier ausgewählter Kapitel aus weiteren Bänden, vorgetragen von dem Schauspieler Gregor Henze, beitrugen.

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Mache mich bitter

zzzz

 

 

 

 

 

 

 

 

Felix Nussbaum_Selbstbildnis mit Apfelblüte

 

Zähle die Mandeln,
zähle, was bitter war und dich wachhielt,
zähl mich dazu:

Ich suchte dein Aug, als du’s aufschlugst und niemand dich ansah,
ich spann jenen heimlichen Faden,
an dem der Tau, den du dachtest,
hinunterglitt zu den Krügen,
die ein Spruch, der zu niemandes Herz fand, behütet.

Dort erst tratest du ganz in den Namen, der dein ist,
schrittest du sicheren Fußes zu dir,
schwangen die Hämmer frei im Glockenstuhl deines Schweigens,
stieß das Erlauschte zu dir,
legte das Tote den Arm auch um dich,
und ihr ginget selbdritt durch den Abend.

Mache mich bitter.
Zähle mich zu den Mandeln.

Paul Celan

 

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