Buchgrimmen

John Frederick Peto_ Take Your Choice 1885

 

Ansprache eines Bücherwurms

Der Kakerlak nährt sich vom Mist,
Die Motte frißt gern Tücher,
Ja selbst der Wurm ist, was er ißt.
Und ich, ich fresse Bücher.

Ob Prosa oder Poesie,
Ob Mord – ob Heldentaten –
Ich schmause und genieße sie
Wie einen Gänsebraten.

Ich bin ein belesner Herr,
Nicht wie die andern Viecher!
Daß Bücher bilden, wißt auch ihr,
Und ich – ich fresse Bücher.

Die Nahrung, sie behagt mir wohl,
Verleiht mir Grips und Stärke.
Was andern Wurst mit Sauerkohl,
Das sind mir Goethes Werke.

Ich fraß mich durch die Literatur
So mancher Bibliotheken;
Doch warn das meiste, glaub es nur,
Bloß elende Scharteken.

Das Bücherfressen macht gescheit.
So denken sich´s die Schlauen.
Doch wer zuviel frißt, hat nicht Zeit,
Es richtig zu verdauen.

Drum lest mit Maß, doch lest genug,
Dann wird´s euch wohl ergehen.
Bloß Bücher fressen macht nicht klug!
Man muß sie auch verstehen.

Mascha Kaléko

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Qualnachtwald

Carl Gunschmann_ Hans Schiebelhuth 1920

Qualnachtwald

Vom Meer zum Mainkai Nebel webt
Wunschmann in Wut die Welt umläuft
Im Wurzelwerk ein Mahr Gold häuft
Hoch ob der Seewell Habicht schwebt

Der Maimond blauen Schlaftrank träuft
Wo hartgelehnt der Schüler strebt
An Thesen ist ein Narr wer klebt
Weil tief ein Denkschacht drunter teuft

Erdherzwärts trübes Blut musst kreisen
Sei dir auch Sonnenbahn verheißen
Und lichte Zwiesprach mit den Steinen

Tagshell mags grell sogar erscheinen
Bis alle Gramlast grabhaft ruht
Am Qualnachtwald. Hans Schiebelhuth.

Hans Schiebelhuth: Der Hakenkreuzzug – Neodadaistische Ungedichte, 1920

 

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10.00 – 10.05 Uhr

Ab 1. März 2018 läuft der Film („Das schweigende Klassenzimmer“) von Lars Kraume. Die Weltpremiere erfolgte am 20. Februar 2018 bei der 68. Berlinale in der Sektion Berlinale Special.

gazelleblockt

Er  [d.i. der Minister für Volksbildung der DDR und Abgeordneter der Volkskammer Fritz Lange] brüllte, Blödsinn, das könnten wir jemandem erzählen, der sich die Hose mit der Kneifzange anziehe. Hier gehe es um einen oder mehrere Rädelsführer. Er verlange, dass sich die Klasse von diesem oder diesen distanziere, die die Schweigeminute für die ungarischen Konterrevolutionäre organisiert hätten. Wir sollten ihm nichts von Puskás erzählen, hier seinen ganz andere Elemente am Werk, die sich auf die Seite des Klassenfeindes gestellt hätten. Was wir ihm sagen würden, das könne doch keiner glauben, die ganze Klasse könne sich doch nicht auf die Seite des Klassenfeindes stellen.

Dietrich Garstka_ Das schweigende Klassenzimmer

Budapest, 23. Oktober 1956

Der ungarische Volksaufstand beginnt mit einer friedlichen Großdemonstration der Studenten der Universitäten in Budapest, die demokratische Veränderungen forderte.

Die Regierung ließ am Abend in die schnell wachsende Menge schießen, daraufhin brach der bewaffnete Kampf aus.

Storkow, Mark Brandenburg…

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Inmitten meiner Zeilen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Felice Casorati_ Ritratto di Cesarina Gualino 1922

 

 

Inmitten meiner Zeilen

Ich bin ein Buch mit sieben Siegeln.
Schreib mich mal groß, doch meistens klein.
Ein Vogel mit gestutzten Flügeln.
Kann‘s das denn schon gewesen sein?

Ich steh inmitten meiner Zeilen,
Ich blätter vor und auch zurück.
Ich möchte manchmal zu dem Ende eilen.
Gibt‘s irgendwo ein bisschen Glück?

Du hast dich in mein Buch geschlichen.
Klammheimlich warst du einfach da.
Bin deinen Zeilen ausgewichen.
Doch insgeheim warst du mir nah.

Du ranntest mitten durch den Regen.
Und hieltst mein Buch in deiner Hand.
Am Bahnhof zwischen all den Zügen,
befand ich mich im Zauberland.

Am Fenster standst du vis-a-vis.
Du trankst Kaffee. Und hast gelacht.
In meinem Tee schwamm Elegie.
Was hast du nur mit mir gemacht?

Die Träume welken mit der Zeit.
Ich wache auf und seh den Regen fließen.
Kein Zauber hält in Wirklichkeit.
Ich werd die Traumtür fest verschließen.

Ein Happy-End wird es nicht geben.
Ich reiß die letzten Seiten raus.
Ich will doch weg vom Rand des Lebens.
Geh lieber in die Welt hinaus.

Du warst für mich die Traumgestalt
In meinem Buch mit sieben Siegeln.
Doch weiß ich längst: das Buch ist alt.
Ein Neues wird jetzt aufgeschrieben.

©perlengazelle

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Ins Heute aus dem Gestern

Ringelnatz_Fasching im Schnee

 

Der Glückwunsch

Ein Glückwunsch ging ins neue Jahr,
Ins Heute aus dem Gestern.
Man hörte ihn sylvestern.
Er war sich aber selbst nicht klar,
Wie eigentlich sein Hergang war
Und ob ihn die Vergangenheit
Bewegte oder neue Zeit.
Doch brachte er sich dar, und zwar
Undeutlich und verlegen.

Weil man ihn nicht so ganz verstand,
So drückte man sich froh die Hand
Und nahm ihn gern entgegen.

Ringelnatz

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So oder so leicht unter die Räder


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Picasso_Der blinde Bettler mit einem Jungen

 

Helfen

Es betteln Armut und Betrug.
Es betteln die Faulen und Schwachen.
Wer viel gegeben, gab nie genug.
Ehrliches Lachen darf lachen.

Wir reden gern uns die Schuld vom Hals
Und arbeiten ungern für Faule.
Es packt uns Reue erledigtenfalls
Oder Gruseln bei offenem Maule.

Und ganz erschüttert hörn wir und schreiben
Von Armen, die unerreichbar bleiben.

Wie leicht klingt das, wenn jemand spricht:
»Hart! Aber das Schwache muß sterben!«
Doch dürfen auch manche Leute nicht
Am ewigen Helfen verderben.

Ringelnatz

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Memento mori

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Paula Modersohn-Becker_Kinderkopf mit weißem Tuch, ca 1907

 

Memento
Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel, tast ich todentlang
Und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr:
Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
doch mit dem Tod der andern muß man leben.

Mascha Kaléko

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