Ausgesetzt

Edward Hopper_Sunday 1926

 

Nachts

Zwischen dies & das

trage ich so rein

gar nichts mehr mit fassung

trage ich nur den hausschlüssel

durch die gegend

dabei führt er mich

nicht einmal nach hause

nur in ein haus mit bett

& die guten klamotten bewahre ich auf

für das leben

das nicht kommt

Lütfiye Güzel (Trägerin des Literaturpreises Ruhr 2017)

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Warte nur

James Ensor_Squelette arrêtant masques 1891

 

Warte nur

Irgendwann einmal
nimmt der Tod
die Sonnenbrille ab

und schaut dich an.

Franz Hohler

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Krimizeit – Wenn der Paketbote klingelt

Ihr Lieben, die Tage werden kürzer, die Abende länger und die perlengazelle sticht der Hafer. Häkeln ist nicht so ihr Ding. Bei Tee und Nussecken versucht sie sich an einem Krimi. Und Versuch macht ja bekanntlich kluch. Wenn ihr versteht, was ich meine. 😉

Here we go:

 

Wenn der Paketbote klingelt

Die meisten Leute denken, dass ein Paketbote ziemlich weit unten in der Rangfolge der big winners steht. Genauer gesagt, eigentlich schon eher im Minusbereich, so drei Meter unter der Grasnarbe. Kriegt nichts auf die Reihe, Loser, dumm geboren und nichts dazu gelernt. Meine Süße dachte ähnlich. Gut, am Anfang war große Liebe, sie könne ohne mich nicht leben, Herz und Schmerz und Schmalz. Ist auch wirklich voll auf ihre Kosten gekommen. Ging ab wie eine Rakete, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Doch nach kürzester Zeit ging‘s dann los. Sie träume von einer Familie, von Haus und Einbauküche und Garten und dem ganzen Spießerkram. Schicke Karre dazu, Pool, edle Fummel – das volle Programm eben. Natürlich reichten ihr meine paar Kröten nicht mehr und überhaupt könne sie mit mir über nichts reden. Mein Wortschatz wäre beschränkt, meine Kumpels alle unmöglich und sie hätte die Nase voll, jedes Wochenende mit diesen Blödmännern auf dem Fußballplatz abzuhängen und sich anschließend die Kante zu geben. Nachtigall, ich hör dir trappsen.

Reckte jedenfalls die Nase ganz schön hoch, die Süße. Meinte, sie wäre sonst was mit ihrer Apothekerlehre und ihrem weißen Kittel und frommen Augenaufschlag. Dreht den Leute Pillen an, die sie nicht brauchen, statt mal was Anständiges abzudrücken. So Sachen eben, die man einfach braucht. Mother‘s little helpers und so.

Die Sache eskalierte dann, als ich ihr vorschlug, mal einen Griff in den Apothekerschrank zu tun, den Giftschrank, der hinten im Aufenthaltsraum steht. Merkte kein Mensch. Ihr Chef wäre doch ein selten dämlicher Esel, der überhaupt nicht checkte. Eigentlich würde sie den ganzen Laden schmeißen. Damit hatte sie mir jedenfalls immer in den Ohren gelegen. Mit dem Zeug könne man doch ordentlich Kohle machen, wenn man wusste, wie – ein Schritt hin zu ihrem geliebten Spießerleben. Von nichts kommt eben nichts.

Du lieber Himmel, dass sie so unter die Decke gehen würde, hatte ich nicht erwartet. Hat mich doch glatt aus ihrer Bude geworfen, Schluss mit lustig. Ich könne froh sein, wenn sie nicht die Bullen holen würde. Ich ließ die Alte labern und verzog mich. Andere Mütter haben auch schöne Bräute.

Aber irgendwie wurmte mich die Sache. Die bunten Pillchen aus dem Giftschrank gingen mir nicht mehr aus Kopf. Die Kohle, die es dafür gab, konnte ich auch gut alleine auf den Kopf hauen. Einschließlich ein paar Träume hin und wieder. Nicht, dass ich das brauchen würde. Aber mit der Zeit ging mir diese dämliche Paketschlepperei doch gewaltig auf die Nerven. Und nur ein paar Bierchen mit den Kumpels machen die Kohl nicht fett.

Jedenfalls wurde die Sache langsam spruchreif. Mein Plan war wasserdicht. Mittwoch nachts hatte die Süße Nachtdienst, ging erst abends zur Apotheke und hatte tagsüber die Schlüssel zu Hause. Ich würde der Süßen ein Päckchen bringen und dann sanft überzeugen, wie das so meine Art ist. Wenn sie erst Mal eine paar Klunker in die Finger bekam, würde sie schon einsehen, dass ich the one and only war. Im Endeffekt sind doch diamonds girl’s best friend, wie der Franzose sagt. Hat jedenfalls mein Alter immer getönt, wenn er ordentlich getankt hatte. Und ein Familienleben ist eigentlich auch nicht zu verachten, mit genügend großem Polster. Nachschub würde es dank meine Süßen immer geben. Außerdem lagen noch ein paar Sächelchen in ihrem Keller. Die wollte ich schon lange verticken.

„Paketpost!“ Der Summer an der Haustür ertönte. Ich schnappte mir das Paket und stieg hoch in den dritten Stock. „Was willst du denn hier? Verschwinde, oder …“ „Freue mich auch, dich wieder zu sehen, Süße. Los, rein mit dir und Schnauze halten!“ Blitzschnell hatte ich sie in die Wohnung gedrängt, als ich plötzlich von hinten eins über gezogen kriegte. „Meine Verlobte hat mich schon vorbereitet, dass Sie wahrscheinlich mal einen Freundschaftsbesuch machen würden. Sie haben ja auch noch heiße Ware im Keller versteckt. Meinten wohl, sie kriegt davon nichts mit. Verstehe ich ja sehr gut, dass die Schächtelchen in meiner Apotheke zu verlockend sind. Na, im Knast können Sie ja mal ein paar Kartons falten. Zeit genug werden Sie ja haben. Sehr viel Zeit. Ich schätze, Verstoß gegen das BtMG ist noch Ihr geringstes Problem.“

Das ist die ganze Geschichte, Herr Anwalt. Meinen Sie, Sie können da was drehen?

©perlengazelle

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Abnehmendes Licht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alexander Kanoldt_Stillleben 1938

 

Eines Morgens riechst du den Herbst. Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig; es hat sich eigentlich gar nichts geändert – und doch alles. Es geht wie ein Knack durch die Luft – es ist etwas geschehen; so lange hat sich der Kubus noch gehalten, er hat geschwankt … , na … na … , und nun ist er auf die andere Seite gefallen. Noch ist alles wie gestern: die Blätter, die Bäume, die Sträucher … aber nun ist alles anders. Das Licht ist hell, Spinnenfäden schwimmen durch die Luft, alles hat sich einen Ruck gegeben, dahin der Zauber, der Bann ist gebrochen – nun geht es in einen klaren Herbst. Wie viele hast du? Dies ist einer davon. Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht, es solle nie, nie aufhören. Es ist die Zeit, in der ältere Herren sehr sentimental werden – es ist nicht der Johannistrieb, es ist etwas andres. Es ist: optimistische Todesahnung, eine fröhliche Erkenntnis des Endes. Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen beiden liegt. Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre.

Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit.

 

Kurt Tucholsky_… ganz anders, 1929

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Fremd ist der Fremde nur in der Fremde

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Felix Nussbaum_ „Der Sturm“ (Die Vertriebenen) 1941

 

Über die Bezeichnung Emigranten

Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab:
Emigranten.
Das heißt doch Auswanderer. Aber wir
Wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluss
Wählend ein andres Land. Wanderten wir doch auch nicht
Ein in ein Land, dort zu bleiben, womöglich für immer
Sondern wir flohen. Vertriebene sind wir, Verbannte.
Und kein Heim, ein Exil soll das Land sein, das uns da
aufnahm

Unruhig sitzen wir so, möglichst nahe den Grenzen
Wartend des Tags der Rückkehr, jede kleinste Veränderung
Jenseits der Grenze beobachtend, jeden Ankömmling
Eifrig befragend, nichts vergessend und nichts aufgebend
Und auch verzeihend nichts, was geschah, nichts verzeihend.
Ach, die Stille der Sunde täuscht uns nicht! Wir hören die
Schreie

Aus ihren Lagern bis hierher. Sind wir doch selber
Fast wie Gerüchte von Untaten, die da entkamen
Über die Grenzen. Jeder von uns
Der mit zerrissenen Schuhn durch die Menge geht,
Zeugt von der Schande, die jetzt unser Land befleckt.
Aber keiner von uns
Wird hier bleiben. Das letzte Wort
Ist noch nicht gesprochen.

B. Brecht 1937

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Quere Züge fahren durch das Leben

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Albert Birkle_S-Bahnhof Tiergarten, 1926

 

Bahnhof

Das ist der Bahnhof mitten in der Stadt:
Schon auf dem Schulweg sahen wir die Uhr,
Bräunlichen Stein, gebäudige Statur
Und dieses übermächtige Ziffernblatt.

Von diesem Bahnhof ging dann vieles aus.
Auf diesem Bahnhof kamen wir nach Haus.
Der Wartesaal!! Beim Klang der Kaffeetassen
Verließen wir und wurden wir verlassen.

Ja, damals hab‘ ich H. zum Zug gebracht
Und manchen Tod der Trennung durchgemacht.
Doch war’s nicht von verklärtem Licht ein Wink,
Als mich hier J. im vorigen Jahr empfing?

Die meisten gehn entschlossen und gereift,
Nur Kinder warten: wenn der Zug erst pfeift!
Hier raucht es. Das Gepäck wird aufgegeben.
Und quere Züge fahren durch das Leben.

Ernst Blass, 1929

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Stufen

 

 

 

 

 

 

 

Otto Modersohn_Überschwemmte Wümmewiese mit Entenschar 1939

 

Fortschritt

Und wieder rauscht mein tiefes Leben lauter,
als ob es jetzt in breitern Ufern ginge.
Immer verwandter werden mir die Dinge
und alle Bilder immer angeschauter.
Dem Namenlosen fühl ich mich vertrauter:
Mit meinen Sinnen, wie mit Vögeln, reiche
ich in die windigen Himmel aus der Eiche,
und in den abgebrochnen Tag der Teiche
sinkt, wie auf Fischen stehend, mein Gefühl.

Rilke_Das Buch der Bilder

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