Die Katze in der leeren Wohnung

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Pierre Bonnard_Le chat blanc

 

Die Katze in der leeren Wohnung

Sterben – das tut man einer Katze nicht an,
Denn was soll die Katze
in einer leeren Wohnung.
An den Wänden hoch,
sich an Möbeln reiben.
Nichts scheint sich hier verändert zu haben,
und doch ist alles anders.
Nichts verstellt, so scheint es,
und doch alles verschoben.
Am Abend brennt die Lampe nicht mehr.

Auf der Treppe sind Schritte zu hören,
aber nicht die.
Die Hand, die den Fisch auf den Teller legt,
ist auch nicht die, die es früher tat.

Hier beginnt etwas nicht
zur gewohnten Zeit.
Etwas findet nicht statt,
wie es sich gehört hätte.
Jemand war hier und war,
dann verschwand er plötzlich
und ist beharrlich nicht da.

Alle Schränke durchforscht.
Alle Regale durchlaufen.
Unter Teppichen geprüft.
Trotz des Verbots
die Papiere durchstöbert.
Was bleibt da noch zu tun.
Schlafen und warten.

Komme er nur,
zeige er sich.
Er wird´s schon erfahren.
Einer Katze tut man sowas nicht an.
Sie wird ihm entgegenstolzieren,
so, als wollte sie´s nicht,
sehr langsam,
auf äußerst beleidigten Pfoten.
Noch ohne Sprung, ohne Miau.

Wisława Szymborska (übersetzt von Karl Dedecius)

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Tanz zur Musik der Zeit

zzzzNicolas Poussin_ Tanz zur Musik der Zeit (1636)

„Irgendwie weckt der Anblick von Schnee, der auf Feuer fällt, in mir immer Gedanken an die Welt der Antike (…). Diese Projektionen beschworen plötzlich die Szene eines Gemäldes von Poussain, in der die Jahreszeiten, Hand in Hand und nach außen gewandt, zu der Musik der Leier tanzen, die der geflügelte, nackte Graubart spielt. Und diese allegorische Darstellung der Zeit weckte dann Gedanken an das irdische Leben: an die Menschen, wie sie nach außen gewandt wie die Jahreszeiten, sich Hand in Hand in verschlungenen Rhythmen bewegen; wie sie langsam, methodisch und manchmal leicht unsicher schreiten in Wendungen, die erkennbare Formen annehmen, oder wie sie ausbrechen in wilde, scheinbar sinnlose Drehsprünge, während ihre Partner verschwinden, nur um dann wieder zu erscheinen und erneut dem Schauspiel eine Struktur geben; wie sie unfähig sind, die Melodie, und unfähig vielleicht auch, die Schritte des Tanzes zu bestimmen.“

Anthony Powell_Eine Frage der Erziehung. Band 1 des zwölfbändigen Romanzyklus „Ein Tanz zur Musik der Zeit“

 

Davon, dass der englische Schriftsteller Anthony Powell  (1905 – 2000) sein Lebensziel erreicht hatte („A wife with a title and a house with a drive“), konnte sich sein Übersetzer Heinz Feldmann persönlich überzeugen, als er Powell und seine Gattin Lady Violet auf dessen Landsitz in Somerset in den achtziger Jahren aufsuchte, wie er uns an einem Powell-Abend in der Essener Buchhandlung „Proust“ in der Reihe Literatur:Literatur! erzählte. Einige Schwierigkeiten bei der Übersetzung wollte er persönlich mit dem Autor besprechen, z. B. waren ihm zahlreiche grammatikalische Ungenauigkeiten oder Fehler im Text aufgefallen. War unschlüssig, ob er sie übernehmen sollte  – vielleicht würde jemand an seiner Qualifikation als Übersetzer zweifeln.

Der Autor – seine Sprache verriet unverkennbar den ehemaligen Etonschüler -, entpuppte sich als ein Mensch, der sich ständig über alles vor Lachen ausschütten konnte. „Wie ein kleines Kind“, erklärte Lady Violet, als Powell sich herzhaft amüsierte über die Vorstellung seines Gastes, er sei Heinz Feldmann. „Heinz like the soup.“ Ein nur mäßiger Witz, wie Feldmann selber fand.

zzzzAnthony Powell besuchte das Eton College, studierte in Oxford und heiratete eine Adlige. Er arbeitete als Lektor in einem Londoner Verlag, schrieb Drehbücher und Beiträge für britische Tageszeitungen, war Herausgeber des Magazins »Punch« und Autor zahlreicher Romane.

Der Zyklus „Ein Tanz zur Musik der Zeit“ —­ aufgrund­ seiner inhaltlichen­ wie formalen Gestaltung immer wieder mit Mar­cel Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« verglichen —­ gilt­ als­ sein­ Hauptwerk und gehört zu den bedeutendsten Romanwerken des 20. Jahrhunderts.

Inspiriert von ­dem ­gleichnamigen Bild des französischen Barockmalers Nicolas Poussin, zeichnet der Zyklus ein facettenreiches Bild der englischen Upperclass vom Ende des Ersten Weltkriegs bis in die späten sechziger Jahre. Aus der Perspektive des mit typisch britischem Humor und Understatement ausgestatteten Ich­-Erzählers Nicholas (nach Pussain genannt) Jenkins — der durch so­ manche­ biographische­ Parallele­ wie­ Powells­ Alter ­Ego­ anmutet — bietet der »Tanz« eine Fülle von Figuren, Ereignissen, Beobachtungen und Erinnerungen, die einen Einblick geben in die Gedanken­welt der in England nach wie vor tonangebenden Gesellschaftsschicht mit ihren durchaus merkwürdigen Lebensgewohnheiten.

Powell wollte den Erzählton seines Werkes so verstanden haben: Nicht der Ton ausgewogener Geschichtsschreibung, sondern der einer gemächlichen Erzählung „über den Esstisch hinweg“. Der Stil sei typisch für die Sprechweise der kultivierten Oberschicht: sehr formal und latinisiert in Satzbau und Wortwahl, doch gleichzeitig auch familiär und unpedantisch; Festlegungen vermeidend, aber auch präzise, lässig, ja oft lax im Hinblick auf grammatische Korrektheit. (Aus dem Nachwort des Übersetzers zum ersten Band, eine Ausgabe aus den 80er Jahren).

In deutscher Sprache ist Powells »Tanz« bisher unbekannt geblieben, mangelte es doch an einer Übersetzung des gesamten Zyklus. Drei Anläufe hat es in der Vergangenheit gegeben, alle scheiterten. Die Bände 1 bis 3 übersetzte Heinz Feldmann (geb. 1935) in den 80er Jahren. Doch es gab keine Reklame der Verlage, erklärte Feldmann. Die Feuilletons der großen Zeitungen ignorierten Powell.

Für die nun erscheinende Ausgabe beim Elfenbein Verlag wurden sie vollständig durchgesehen; die weiteren Bände werden in halbjährlichem Rhythmus erscheinen. Den sechsten habe er gerade vollendet, erzählte Feldmann. Im Herbst 2018 wird der Zyklus abgeschlossen sein — aus der Feder desselben Übersetzers, über den Anthony Powell in seinem Tagebuch vermerkte: “I am lucky to have him as a translator.“

Ich habe gerade den ersten Band, noch aus den 80er Jahren, beendet. Er beinhaltet Erlebnisse in der Schule (vermutlich Eton), Besuche der Elternhäuser von Schulkameraden, ein Sommeraufenthalt in Frankreich zwecks Studium der französischen Sprache, sowie Erlebnisse auf der Universität. Der knochentrockene typisch englische Humor macht Lust auf mehr. Evelyn Waugh verglich das Werk mit einer Fleischpastete und versicherte dem Koch/Autor: „Ich könnte davon essen, bis ich umfalle.“

Ein wenig mulmig wird mir, wenn ich an die Fülle von Personen (über 400) denke, die im Laufe des Zyklus auftauchen werden. Und wieder verschwinden, um erneut zu erscheinen. Ob ich den Überblick behalten kann?

Um auf dem Laufenden zu bleiben, empfiehlt sich daher auf jeden Fall Hilary Spurlings „Invitation to the Dance: A Handbook to Anthony Powell A Dance to th Music of  Time.“ Sämtliche Personen, alle im Text aufgeführten Gemälde und Bücher werden gelistet – Literatur und Malerei spielen eine große Rolle. Außerdem sind alle Kapitel einzeln stichwortartig zusammengefasst. Ist bisher noch nicht übersetzt worden.

Ein sehr gelungener Abend! Wozu nicht nur die Erläuterungen des Übersetzers Heinz Feldmann sowie die zahlreichen Anekdoten, sondern auch die Lesung zweier ausgewählter Kapitel aus weiteren Bänden, vorgetragen von dem Schauspieler Gregor Henze, beitrugen.

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Mache mich bitter

zzzz

 

 

 

 

 

 

 

 

Felix Nussbaum_Selbstbildnis mit Apfelblüte

 

Zähle die Mandeln,
zähle, was bitter war und dich wachhielt,
zähl mich dazu:

Ich suchte dein Aug, als du’s aufschlugst und niemand dich ansah,
ich spann jenen heimlichen Faden,
an dem der Tau, den du dachtest,
hinunterglitt zu den Krügen,
die ein Spruch, der zu niemandes Herz fand, behütet.

Dort erst tratest du ganz in den Namen, der dein ist,
schrittest du sicheren Fußes zu dir,
schwangen die Hämmer frei im Glockenstuhl deines Schweigens,
stieß das Erlauschte zu dir,
legte das Tote den Arm auch um dich,
und ihr ginget selbdritt durch den Abend.

Mache mich bitter.
Zähle mich zu den Mandeln.

Paul Celan

 

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Ringelnatzende S(p)innereien

zzzz

 

 

 

 

 

 

 

 

Odilon Redon_

 

Silvester 

Dass bald das neue Jahr beginnt,
spür ich nicht im geringsten.
Ich merke nur: Die Zeit verrinnt
genauso wie zu Pfingsten.

Die Zeit verrinnt. Die Spinne spinnt
in heimlichen Geweben.
Wenn heute Nacht ein Jahr beginnt,
beginnt ein neues Leben.

Ringelnatz

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Die Verlassene

martha-und-friedrich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Elisabeth N. Reuter_Martha und Friedrich – G. Kolmar

 

Die Verlassene
An K. J.

Du irrst dich. Glaubst du, daß du fern bist
Und daß ich dürste und dich nicht mehr finden kann?
Ich fasse dich mit meinen Augen an,
Mit diesen Augen, deren jedes finster und ein Stern ist.

Ich zieh dich unter dieses Lid
Und schließ es zu und du bist ganz darinnen.
Wie willst du gehn aus meinen Sinnen,
Dem Jägergarn, dem nie ein Wild entflieht?

Du läßt mich nicht aus deiner Hand mehr fallen
Wie einen welken Strauß,
Der auf die Straße niederweht, vorm Haus
Zertreten und bestäubt von allen.

Ich hab dich liebgehabt. So lieb.
Ich habe so geweint … mit heißen Bitten …
Und liebe dich noch mehr, weil ich um dich gelitten,
Als deine Feder keinen Brief, mir keinen Brief mehr schrieb.

Ich nannte Freund und Herr und Leuchtturmwächter
Auf schmalem Inselstrich,
Den Gärtner meines Früchtegartens dich,
Und waren tausend weiser, keiner war gerechter.

Ich spürte kaum, daß mir der Hafen brach,
Der meine Jugend hielt – und kleine Sonnen,
Daß sie vertropft, in Sand verronnen.
Ich stand und sah dir nach.

Dein Durchgang blieb in meinen Tagen,
Wie Wohlgeruch in einem Kleide hängt,
Den es nicht kennt, nicht rechnet, nur empfängt,
Um immer ihn zu tragen.

Gertrud Kolmar

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Heute ist ja auch Weihnachten

2-R42-D17-1907-10 (208963) 'Anbetung der Könige (II)' Modersohn-Becker, Paula; 1876-1907. 'Anbetung der Könige (II)', 1907. Öl auf Papier auf Pappe, 24,3 x 32,4 cm. Inv.Nr. 975-1967/23 Bremen, Kunsthalle. E: 'The Adoration of the Kings' Modersohn-Becker, Paula 1876-1907. - 'The Adoration of the Kings', 1907. - (1st version). Oil on card, 35.8 x 48.3cm. Bremen, Kunsthalle. F: Adoration des bergers / Modersohn-Becker Modersohn-Becker, Paula 1876-1907.-'L'Adoration de mages', 1 907. -(1re version). Huile sur carton, 35,8 x 48,3 cm. Brême, Kunsthalle.

Paula Modersohn-Becker_Anbetung der Könige (II), 1907

 

 

Die drei dunklen Könige

Er tappte  durch die dunkle Vorstadt. Die Häuser standen abgebrochen gegen den Himmel. Der Mond fehlte, und das Pflaster war erschrocken über den späten Schritt. Dann fand er eine alte Planke. Da trat er mit dem Fuß gegen, bis eine Latte morsch aufseufzte und losbrach. Das Holz roch mürbe und süß. Durch die dunkle Vorstadt tappte er zurück. Sterne waren nicht da.

Als er die Tür aufmachte (sie weinte dabei, die Tür), sahen ihm die blaßblauen Augen seiner Frau entgegen. Sie kamen aus einem müden Gesicht. Ihr Atem hing weiß im Zimmer, so kalt war es. Er beugte sein knochiges Knie und brach das Holz. Das Holz seufzte. Dann roch es mürbe und süß ringsum. Er hielt sich ein Stück davon unter die Nase. Riecht beinahe wie Kuchen, lachte er leise. Nicht, sagten die Augen der Frau, nicht lachen. Er schläft.

Der Mann legte das süße, mürbe Holz in den kleinen Blechofen. Da glomm es auf und warf eine Handvoll warmes Licht durch das Zimmer. Die fiel hell auf ein winziges rundes Gesicht und blieb einen Augenblick. Das Gesicht war erst eine Stunde alt, aber es hatte schon alles, was dazu gehört: Ohren, Nase, Mund und Augen. Die Augen mußten groß sein, das konnte man sehen, obgleich sie zu waren. Aber der Mund war offen, und es pustete leise daraus. Nase und Ohren waren rot. Er lebt, dachte die Mutter. Und das kleine Gesicht schlief.

Da sind noch Haferflocken, sagte der Mann. Ja, antwortete die Frau, das ist gut. Es ist kalt. Der Mann nahm noch von dem süßen, weichen Holz. Nun hat sie ihr Kind gekriegt und muß frieren, dachte er. Aber er hatte keinen, dem er dafür die Fäuste ins Gesicht schlagen konnte. Als er die Ofentür aufmachte, fiel wieder eine Handvoll Licht über das schlafende Gesicht. Die Frau sagte leise: Kuck, wie ein Heiligenschein, siehst du? Heiligenschein! dachte er, und er hatte keinen, dem er die Fäuste ins Gesicht schlagen konnte.

Dann waren welche an der Tür. Wir sahen das Licht, sagten sie, vom Fenster. Wir wollen uns zehn Minuten hinsetzten. Aber wir haben ein Kind, sagte der Mann zu ihnen. Da sagten sie nichts weiter, aber sie kamen doch ins Zimmer, stießen Nebel aus den Nasen und hoben die Füße hoch. Wir sind ganz leise, flüsterten sie und hoben die Füße hoch. Dann fiel das Licht auf sie. Drei waren es. In drei alten Uniformen. Einer hatte einen Pappkarton, einer einen Sack. Und der dritte hatte keine Hände. Erfroren, sagte er, und hielt die Stümpfe hoch. Dann drehte er dem Mann die Manteltaschen hin. Tabak war drin und dünnes Papier. Sie drehten Zigaretten. Aber die Frau sagte: Nicht, das Kind. Da gingen die vier vor die Tür, und ihre Zigaretten waren vier Punkte in der Nacht. Der eine hatte dicke umwickelte Füße. Er nahm ein Stück Holz aus einem Sack. Ein Esel, sagte er, ich habe sieben Monate daran geschnitzt. Für das Kind. Das sagte er und gab es dem Mann. Was ist mit den Füßen? fragte der Mann. Wasser, sagte der Eselschnitzer, vom Hunger. Und der andere, der dritte? fragte der Mann und befühlte im Dunkeln den Esel. Der dritte zitterte in seiner Uniform: Oh, nichts, wisperte er, da sind nur die Nerven. Man hat eben zuviel Angst gehabt. Dann traten sie die Zigaretten aus und gingen wieder hinein.

Sie hoben die Füße hoch und sahen auf das kleine schlafende Gesicht. Der Zitternde nahm aus seinem Pappkarton zwei gelbe Bonbons und sagte dazu: Für die Frau sind die.

Die Frau machte die blassen Augen weit auf, als sie die drei Dunkeln über das gebeugt sah. Sie fürchtete sich. Aber da stemmte das Kind seine Beine gegen ihre Brust und schrie so kräftig, daß die drei Dunklen die Füße aufhoben und zur Tür schlichen. Hier nickten sie nochmal, dann stiegen sie in die Nacht hinein.

Der Mann sah ihnen nach. Sonderbare Heilige, sagte er zu seiner Frau. Dann machte er die Tür zu. Schöne Heilige sind das, brummte er, und sah nach den Haferflocken. Aber er hatte kein Gesicht für seine Fäuste.

Aber das Kind hat geschrien, flüsterte die Frau, ganz stark hat es geschrien. Da sind sie gegangen. Kuck mal, wie lebendig es ist, sagte sie stolz. Das Gesicht machte den Mund auf und schrie.
Weint er? fragte der Mann.

Nein, ich glaube, er lacht, antwortete die Frau.

Beinahe wie Kuchen, sagte der Mann und roch an dem Holz, wie Kuchen. Ganz süß.

Heute ist ja auch Weihnachten, sagte die Frau.

Ja, Weihnachten, brummte er, und vom Ofen her fiel eine Handvoll Licht auf das kleine schlafende Gesicht.

 

Wolfgang Borchert (24. Dezember 1946)

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Lasset die Kindlein zu mir kommen

zzzz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Käthe Kollwitz_Plakatentwurf „Deutschlands Kinder hungern“ 1923

 

 

Lasset die Kindlein zu mir kommen

Als mit Birgit von Sätze&Schätze fragte, ob ich nicht auch einen Beitrag schreiben wolle, war ich zunächst ratlos. Ich hatte schon hin und wieder überlegt, welchen Klassiker ich wählen würde, bin aber nicht so recht einig mit mir geworden. Auch schien mir die Messlatte der vorgestellten Beiträge zu hoch, als dass ich da mithalten könnte.

Doch mit einem Mal war die Sache klar. Es gab keine Zweifel mehr. Kein dicker Wälzer, sondern die Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert: „Nachts schlafen die Ratten doch“, musste es sein.

Der Text wurde 1947 veröffentlicht und spielt am Ende des Zweiten Weltkriegs in den Trümmern einer deutschen Großstadt. Der kleine Bruder eines neunjährigen namenlosen Jungen liegt verschüttet unter einem zerbombten Haus. Um ihn vor den Ratten, die sich nach Aussage seines Lehrers von Toten ernähren, zu schützen, bewacht der Junge den Bruder und weigert sich beharrlich, den Platz zu verlassen. Er raucht – ein Hinweis, dass seine Kindheit schon zu Ende ist. Vor der Zeit gealtert. Hier trifft er auf einen ebenfalls namenlosen älteren Mann, der ihn mit dem (falschen) Hinweis beruhigt, dass nachts die Ratten schlafen und der übermüdete Junge deshalb abends nach Hause gehen und sich ausschlafen kann. Er verspricht ihm für den anderen Tag, ein Kaninchen mitzubringen. Das Tier als Symbol für das Leben – eine Zukunftsperspektive, die der Mann dem Jungen bietet.

Die Geschichte besteht überwiegend aus Dialogen, sehr knapp und lakonisch, sachlich, mit wenigen Erklärungen, und dennoch schwingen im Hintergrund so viele Emotionen mit. Für mich ist das ganz große Kunst – jenseits von Geschwafel die Dinge auf den Punkt zu bringen. Die Kriegsnachwirkungen sichtbar ohne große Gefühlsausbrüche zu machen. Und deshalb umso eindringlicher.

Ich habe den Text, wie so viele, in der Schule kennen gelernt.
Im Gegensatz zu vielen anderen Schullektüren berührte mich diese Geschichte sehr. Im Laufe der Jahre kam mir hin und wieder ins Gedächtnis. Ich kann sie nicht vergessen. Auch meine Kinder lasen sie in der Schule. Alles wiederholt sich.

Auch jetzt wieder erinnere ich mich an sie. Wenn es um die vermeintliche Lügenpresse oder Ausländer geht, gibt es Demonstrationen. Andersdenkende werden nieder gebrüllt. Das Gespräch wird verweigert. Wo ist der Aufschrei auf den Straßen gegen die Kriegshölle von Aleppo? Was ist das für eine seltsame Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal von Kindern? Dieser Mangel an Empathie? Eine ganze Generation wächst mit Traumata auf, ohne Eltern, ohne Dach über dem Kopf, ohne Schule. Eine Untersuchung hat einmal gezeigt, dass sich Kriegstraumata vererben, selbst wenn nachfolgende Generationen in Frieden leben. Mangelnde Bildung macht den Weg frei für Verführer, für Terroristen, die sie für ihre Zwecke missbrauchen. Was kommt da noch auf uns zu? In welche Welt wird mein noch ungeborener Enkel ankommen?

Lasset die Kindlein zu kommen, heißt es in der Bibel. Er soll die Wertschätzung der Kinder im Christentum verdeutlichen. Man muss kein gläubiger Mensch sein, um diesen Satz zu bejahen. Die Kinder brauchen wieder eine Lobby. Deshalb muss dieser Text von Borchert weiter gelesen werden.

»Nachts schlafen die Ratten doch« ist eine der bekanntesten Kurzgeschichten Wolfgang Borcherts. Wie alle Werke des Autors zählt sie zur Epoche der Trümmerliteratur. Sein Werk ist geprägt von seine Kriegserfahrungen und dennoch zeitlos. Sein Aufbäumen gegen den Krieg „Sag nein!!“ ist heute noch aktuell. Deshalb passt er als Klassiker in diese Reihe. Weil man seinen Text zu allen Zeiten wieder modern finden kann.

Er hat nur wenig hinterlassen. Mit 26 Jahren stirbt er an einer kriegsbedingten Krankheit.

Eine frohe Weihnacht wünsche ich allen! Trotz alledem. Und vielleicht als Lektüre unterm Tannenbaum das Buch „Das Gesamtwerk“ von W. Borchert, herausgegeben 2009 von Michael Töteberg, erschienen im Rowohlt-Verlag.

 

 

Mein Beitrag für die Reihe „Mein Klassiker“ bei Sätze & Schätze. Vielen Dank, liebe Birgit, für’s Reinstellen!

#MeinKlassiker (24): Wolfgang Borchert und ein eindringlicher Appell an die Leser heute

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