Dreimal drei ist zwölfundzwanzig

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gwen John_Girl with cat, ca 1920

 

Katzen kann man alles sagen

Auf der Treppe saß ein Mädchen,
ein graues Kätzchen auf dem Schoß.
»Dreimal drei ist zwölfundzwanzig«,
flüsterte es ihm ins Ohr.
»Aber ja nicht weitersagen! «
Ernst sah es das Kätzchen an.

 

Keine Sorge! dacht ich,
als ich’s im Vorübergeh‘n vernahm.
Katzen kann man alles sagen.
Was man auch zu ihnen spricht,
sie verraten kein Geheimnis.
Katzen machen so was nicht!

Josef Guggenmos

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Humor ist ein klebriger Lappen

ida-simons„Sonn- und feiertags zankten sich meine Eltern in einem fort. Obwohl sie für gewöhnlich recht gut miteinander auskamen, häuften sich die Streitereien doch erheblich, weil wir als Juden mit dem doppelten Satz Feiertage gesegnet sind. Deshalb war es für mich  auch von allergrößter Bedeutung, auf welche Tage unsere jüdische Feste  im neuen Jahr fallen würden. Sobald ich lesen konnte, suchte ich sie schon im Dezember heraus, gleich wenn der neue Kalender gedruckt wurde.“

Een dwaaze maagd (Vor Mitternacht)

Ida Simons

 

Nein, für eine törichte Jungfrau (so der Titel im Original) halte ich sie nicht, aber noch für jung und unerfahren mit ihren 12 Jahren. Und so glaubt Gittel an wahre Freundschaft, als sie die fast 30jährigen Lucie Mardell während eines Aufenthaltes bei der Großmutter in Antwerpen kennenlernt. Dorthin flüchtet ihre Mutter von Den Haag mit ihr jedes Mal, wenn sich die Eltern wieder gestritten haben. Lucie bemüht sich sehr um das Mädchen, lädt sie zu sich in ihr Elternhaus ein, wo sie die Möglichkeit bekommt, auf einem Steinway zu spielen – sie möchte Konzertpianistin werden -, ernsthafte Gespräche mit Lucies Vater zu führen und eine ganz andere Welt als die ihr bekannte kennen zu lernen. Um so tiefer trifft es sie, als sie merkt, dass sie für Lucie nur Mittel zum Zweck ist – nämlich ihre (Lucies) Liebe zu Gabriel, einem Angestellten von Herrn Mardell, geheim zu halten. Dieser Verrat bedeutet das Ende ihrer Kindheit.

Ida Simons‘ Roman Vor Mitternacht führt uns ins Belgien und in die Niederlande der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Aus Sicht des Mädchens Gittel zeigt er ein farbiges Bild jüdischen Lebens. Mit trockenem Humor und leichter Ironie werden die zahlreichen teilweise höchst schrägen Familien- und Gemeindemitglieder skizziert. So prophezeit Onkel Wally jedes Mal, wann Gittels Mutter nach einem Ehekrach wieder nach Hause zurückzukommen wird. Das wird schriftlich hinterlegt, in Gegenwart von vier Zeugen: „Ich, oben genannter weiser Wally, erkläre, dass sie noch vor Ablauf von sechs Wochen nach Hause zurück kehren wird, und zwar aus freien Stücken und frohen Muts. Rechtskräftig gezeichnet, Wally. Dieses Dokument wird in sechs Wochen im Beisein von Zeugen geöffnet und es wird von diesen dann ausnahmslos, demütig und offiziell anerkannt werden, dass Wally recht hatte.“

Noch ist nichts von der späteren Bedrohung durch die Nationalsozialisten zu spüren. Nur einmal durchbricht die Autorin die Perspektive: „Opa Harry war Jude und Antisemit; das kam unter seinen Zeitgenossen durchaus häufiger vor. Es bereitet ihnen ein ziemlich unschuldiges Vergnügen, das der Gaskammergeneration nicht mehr gegeben ist.“

Ida Simons gehörte selbst zu dieser Generation. Viel Autobiographisches findet sich im Roman. Ida Simons wurde 1911 in Belgien in eine jüdische Familie hinein geboren. Sie war ursprünglich eine gefeierte Pianistin, als man sie mit Mann und Sohn 1943 nach Westerbork deportiert, von da ein Jahr später nach Theresienstadt.  Am 5.2.1945 kamen sie überraschend frei und gelangten in die Schweiz: im Tausch von Juden gegen Kriegsmaterial. Ida Simons nannte das ein großes Wunder. Es war eine einmalige Aktion von Himmler. Als Hitler davon erfuhr, verbot er jede weitere Tauschaktion. Nach dem Krieg war sie wegen der Folgen ihrer KZ-Haft den strapaziösen Tourneen nicht mehr gewachsen und begann als Autorin zu arbeiten. 1959 schrieb sie Vor Mitternacht, ein Roman, der ganz Holland bewegte. Eine Fortsetzung konnte sie nicht mehr vollenden. Überraschend starb sie 1960. Nach dem frühen Tod geriet Vor Mitternacht rasch in Vergessenheit. Erst 2014 wurde der Roman wieder entdeckt und wurde schnell erneut erfolgreich.

Humor ist „de kleverige lap die een wond moet bedekken“, (ein klebriger Lappen, der eine Wunde zu bedecken hat) schrieb sie in einem Gedicht. Witz und Ironie halfen ihr zu überleben.

 

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Durch geheime Gänge und Gedärme

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

André Gill_Le Lapin agile (= Lapin à Gill)

 

Ostern

Wenn die Schokolade keimt,
Wenn nach langem Druck bei Dichterlingen
„Glockenklingen“ sich auf „Lenzesschwingen“
Endlich reimt
Und der Osterhase hinten auch schon presst,
Dann kommt bald das Osterfest.

Und wenn wirklich dann mit Glockenklingen
Ostern naht auf Lenzesschwingen, —
Dann mit jenen Dichterlingen
Und mit deren jugendlichen Bräuten
Draussen schwelgen mit berauschten Händen —
Ach, das denk ich mir entsetzlich,
Ausserdem – unter Umständen –
Ungesetzlich.

Aber morgens auf dem Frühstückstische
Fünf, sechs, sieben flaumweich gelbe, frische
Eier. Und dann ganz hineingekniet!
Ha! Da spürt man, wie die Frühlingswärme
Durch geheime Gänge und Gedärme
In die Zukunft zieht
Und wie dankbar wir für solchen Segen
Sein müssen.

Ach, ich könnte alle Hennen küssen,
Die so langgezogene Kugeln legen.

Ringelnatz

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Gaudeamus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Théophile-Alexandre Steinlen

 

Die Katze

Ist so lebenstüchtig,

So launisch und so eifersüchtig,

So taubensanft, so schlangenschlau

Wie eine nur zweibeinje Frau.

Tut sie auch keusch wie ’ne Novize –

’ne Messalina ist die Mieze.

 

Ja, schon zur Zeit der Pyramiden,

War sie nicht unter den Frigiden!

Mascha Kaléko

 

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Blauer Dienstag

Joan Miró 1925

 

Träumerei in Hellblau

Alle Landschaften haben
Sich mit Blau gefüllt.
Alle Büsche und Bäume des Stromes,
Der weit in den Norden schwillt.

Blaue Länder der Wolken,
Weiße Segel dicht,
Die Gestade des Himmels in Fernen
Zergehen in Wind und Licht.

Wenn die Abende sinken
Und wir schlafen ein,
Gehen die Träume, die schönen,
Mit leichten Füßen herein.

Zymbeln lassen sie klingen
In den Händen licht.
Manche flüstern, und halten
Kerzen vor ihr Gesicht.

Georg Heym 1911

 

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So nackt, so fufu furchtbar nackt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ringelnatz_Fische 1920

 

 

Kleines Gedicht für große Stotterer

Ein Fischge, Fisch, ein Fefefefefischgerippe
Lag auf der auf, lag auf der Klippe.
Wie kam es, kam, wie kam, wie kam es
Dahin, dahin, dahin?

Das Meer hat Meer, das Meer, das hat es
Dahin, dahin, dahingespület,
Da llllliegt es, liegt, da llllliegt, llliegt es
Sehr gut, sogar sehr gut!

Da kam ein Fisch, ein Fefefefefisch, ein Fefefefefefe-Fefefefefefe-
(schriller Pfiff) feFe feFe feFe feFefischer,
Der frischte, fischte frische Fische.
Der nahm es, nahm, der nahm, der nahm es
Hinweg, der nahm es weg.

Nun llllliegt die, liegt, nun llliegt die Klippe
Ganz o o o ohne Fischge Fischgerippe
Im weiten, weit, im We Weltenmeere
So nackt, so fufu furchtbar nackt.

Kurt Schwitters (um 1934)

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Die Katze in der leeren Wohnung

 bonnard-cat

Pierre Bonnard_Le chat blanc

 

Die Katze in der leeren Wohnung

Sterben – das tut man einer Katze nicht an,
Denn was soll die Katze
in einer leeren Wohnung.
An den Wänden hoch,
sich an Möbeln reiben.
Nichts scheint sich hier verändert zu haben,
und doch ist alles anders.
Nichts verstellt, so scheint es,
und doch alles verschoben.
Am Abend brennt die Lampe nicht mehr.

Auf der Treppe sind Schritte zu hören,
aber nicht die.
Die Hand, die den Fisch auf den Teller legt,
ist auch nicht die, die es früher tat.

Hier beginnt etwas nicht
zur gewohnten Zeit.
Etwas findet nicht statt,
wie es sich gehört hätte.
Jemand war hier und war,
dann verschwand er plötzlich
und ist beharrlich nicht da.

Alle Schränke durchforscht.
Alle Regale durchlaufen.
Unter Teppichen geprüft.
Trotz des Verbots
die Papiere durchstöbert.
Was bleibt da noch zu tun.
Schlafen und warten.

Komme er nur,
zeige er sich.
Er wird´s schon erfahren.
Einer Katze tut man sowas nicht an.
Sie wird ihm entgegenstolzieren,
so, als wollte sie´s nicht,
sehr langsam,
auf äußerst beleidigten Pfoten.
Noch ohne Sprung, ohne Miau.

Wisława Szymborska (übersetzt von Karl Dedecius)

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