Fremd ist der Fremde nur in der Fremde

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Felix Nussbaum_ „Der Sturm“ (Die Vertriebenen) 1941

 

Über die Bezeichnung Emigranten

Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab:
Emigranten.
Das heißt doch Auswanderer. Aber wir
Wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluss
Wählend ein andres Land. Wanderten wir doch auch nicht
Ein in ein Land, dort zu bleiben, womöglich für immer
Sondern wir flohen. Vertriebene sind wir, Verbannte.
Und kein Heim, ein Exil soll das Land sein, das uns da
aufnahm

Unruhig sitzen wir so, möglichst nahe den Grenzen
Wartend des Tags der Rückkehr, jede kleinste Veränderung
Jenseits der Grenze beobachtend, jeden Ankömmling
Eifrig befragend, nichts vergessend und nichts aufgebend
Und auch verzeihend nichts, was geschah, nichts verzeihend.
Ach, die Stille der Sunde täuscht uns nicht! Wir hören die
Schreie

Aus ihren Lagern bis hierher. Sind wir doch selber
Fast wie Gerüchte von Untaten, die da entkamen
Über die Grenzen. Jeder von uns
Der mit zerrissenen Schuhn durch die Menge geht,
Zeugt von der Schande, die jetzt unser Land befleckt.
Aber keiner von uns
Wird hier bleiben. Das letzte Wort
Ist noch nicht gesprochen.

B. Brecht 1937

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Quere Züge fahren durch das Leben

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Albert Birkle_S-Bahnhof Tiergarten, 1926

 

Bahnhof

Das ist der Bahnhof mitten in der Stadt:
Schon auf dem Schulweg sahen wir die Uhr,
Bräunlichen Stein, gebäudige Statur
Und dieses übermächtige Ziffernblatt.

Von diesem Bahnhof ging dann vieles aus.
Auf diesem Bahnhof kamen wir nach Haus.
Der Wartesaal!! Beim Klang der Kaffeetassen
Verließen wir und wurden wir verlassen.

Ja, damals hab‘ ich H. zum Zug gebracht
Und manchen Tod der Trennung durchgemacht.
Doch war’s nicht von verklärtem Licht ein Wink,
Als mich hier J. im vorigen Jahr empfing?

Die meisten gehn entschlossen und gereift,
Nur Kinder warten: wenn der Zug erst pfeift!
Hier raucht es. Das Gepäck wird aufgegeben.
Und quere Züge fahren durch das Leben.

Ernst Blass, 1929

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Stufen

 

 

 

 

 

 

 

Otto Modersohn_Überschwemmte Wümmewiese mit Entenschar 1939

 

Fortschritt

Und wieder rauscht mein tiefes Leben lauter,
als ob es jetzt in breitern Ufern ginge.
Immer verwandter werden mir die Dinge
und alle Bilder immer angeschauter.
Dem Namenlosen fühl ich mich vertrauter:
Mit meinen Sinnen, wie mit Vögeln, reiche
ich in die windigen Himmel aus der Eiche,
und in den abgebrochnen Tag der Teiche
sinkt, wie auf Fischen stehend, mein Gefühl.

Rilke_Das Buch der Bilder

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Dreimal drei ist zwölfundzwanzig

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gwen John_Girl with cat, ca 1920

 

Katzen kann man alles sagen

Auf der Treppe saß ein Mädchen,
ein graues Kätzchen auf dem Schoß.
»Dreimal drei ist zwölfundzwanzig«,
flüsterte es ihm ins Ohr.
»Aber ja nicht weitersagen! «
Ernst sah es das Kätzchen an.

 

Keine Sorge! dacht ich,
als ich’s im Vorübergeh‘n vernahm.
Katzen kann man alles sagen.
Was man auch zu ihnen spricht,
sie verraten kein Geheimnis.
Katzen machen so was nicht!

Josef Guggenmos

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Humor ist ein klebriger Lappen

ida-simons„Sonn- und feiertags zankten sich meine Eltern in einem fort. Obwohl sie für gewöhnlich recht gut miteinander auskamen, häuften sich die Streitereien doch erheblich, weil wir als Juden mit dem doppelten Satz Feiertage gesegnet sind. Deshalb war es für mich  auch von allergrößter Bedeutung, auf welche Tage unsere jüdische Feste  im neuen Jahr fallen würden. Sobald ich lesen konnte, suchte ich sie schon im Dezember heraus, gleich wenn der neue Kalender gedruckt wurde.“

Een dwaaze maagd (Vor Mitternacht)

Ida Simons

 

Nein, für eine törichte Jungfrau (so der Titel im Original) halte ich sie nicht, aber noch für jung und unerfahren mit ihren 12 Jahren. Und so glaubt Gittel an wahre Freundschaft, als sie die fast 30jährigen Lucie Mardell während eines Aufenthaltes bei der Großmutter in Antwerpen kennenlernt. Dorthin flüchtet ihre Mutter von Den Haag mit ihr jedes Mal, wenn sich die Eltern wieder gestritten haben. Lucie bemüht sich sehr um das Mädchen, lädt sie zu sich in ihr Elternhaus ein, wo sie die Möglichkeit bekommt, auf einem Steinway zu spielen – sie möchte Konzertpianistin werden -, ernsthafte Gespräche mit Lucies Vater zu führen und eine ganz andere Welt als die ihr bekannte kennen zu lernen. Um so tiefer trifft es sie, als sie merkt, dass sie für Lucie nur Mittel zum Zweck ist – nämlich ihre (Lucies) Liebe zu Gabriel, einem Angestellten von Herrn Mardell, geheim zu halten. Dieser Verrat bedeutet das Ende ihrer Kindheit.

Ida Simons‘ Roman Vor Mitternacht führt uns ins Belgien und in die Niederlande der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Aus Sicht des Mädchens Gittel zeigt er ein farbiges Bild jüdischen Lebens. Mit trockenem Humor und leichter Ironie werden die zahlreichen teilweise höchst schrägen Familien- und Gemeindemitglieder skizziert. So prophezeit Onkel Wally jedes Mal, wann Gittels Mutter nach einem Ehekrach wieder nach Hause zurückzukommen wird. Das wird schriftlich hinterlegt, in Gegenwart von vier Zeugen: „Ich, oben genannter weiser Wally, erkläre, dass sie noch vor Ablauf von sechs Wochen nach Hause zurück kehren wird, und zwar aus freien Stücken und frohen Muts. Rechtskräftig gezeichnet, Wally. Dieses Dokument wird in sechs Wochen im Beisein von Zeugen geöffnet und es wird von diesen dann ausnahmslos, demütig und offiziell anerkannt werden, dass Wally recht hatte.“

Noch ist nichts von der späteren Bedrohung durch die Nationalsozialisten zu spüren. Nur einmal durchbricht die Autorin die Perspektive: „Opa Harry war Jude und Antisemit; das kam unter seinen Zeitgenossen durchaus häufiger vor. Es bereitet ihnen ein ziemlich unschuldiges Vergnügen, das der Gaskammergeneration nicht mehr gegeben ist.“

Ida Simons gehörte selbst zu dieser Generation. Viel Autobiographisches findet sich im Roman. Ida Simons wurde 1911 in Belgien in eine jüdische Familie hinein geboren. Sie war ursprünglich eine gefeierte Pianistin, als man sie mit Mann und Sohn 1943 nach Westerbork deportiert, von da ein Jahr später nach Theresienstadt.  Am 5.2.1945 kamen sie überraschend frei und gelangten in die Schweiz: im Tausch von Juden gegen Kriegsmaterial. Ida Simons nannte das ein großes Wunder. Es war eine einmalige Aktion von Himmler. Als Hitler davon erfuhr, verbot er jede weitere Tauschaktion. Nach dem Krieg war sie wegen der Folgen ihrer KZ-Haft den strapaziösen Tourneen nicht mehr gewachsen und begann als Autorin zu arbeiten. 1959 schrieb sie Vor Mitternacht, ein Roman, der ganz Holland bewegte. Eine Fortsetzung konnte sie nicht mehr vollenden. Überraschend starb sie 1960. Nach dem frühen Tod geriet Vor Mitternacht rasch in Vergessenheit. Erst 2014 wurde der Roman wieder entdeckt und wurde schnell erneut erfolgreich.

Humor ist „de kleverige lap die een wond moet bedekken“, (ein klebriger Lappen, der eine Wunde zu bedecken hat) schrieb sie in einem Gedicht. Witz und Ironie halfen ihr zu überleben.

 

Weiter lesen:

 

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Durch geheime Gänge und Gedärme

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

André Gill_Le Lapin agile (= Lapin à Gill)

 

Ostern

Wenn die Schokolade keimt,
Wenn nach langem Druck bei Dichterlingen
„Glockenklingen“ sich auf „Lenzesschwingen“
Endlich reimt
Und der Osterhase hinten auch schon presst,
Dann kommt bald das Osterfest.

Und wenn wirklich dann mit Glockenklingen
Ostern naht auf Lenzesschwingen, —
Dann mit jenen Dichterlingen
Und mit deren jugendlichen Bräuten
Draussen schwelgen mit berauschten Händen —
Ach, das denk ich mir entsetzlich,
Ausserdem – unter Umständen –
Ungesetzlich.

Aber morgens auf dem Frühstückstische
Fünf, sechs, sieben flaumweich gelbe, frische
Eier. Und dann ganz hineingekniet!
Ha! Da spürt man, wie die Frühlingswärme
Durch geheime Gänge und Gedärme
In die Zukunft zieht
Und wie dankbar wir für solchen Segen
Sein müssen.

Ach, ich könnte alle Hennen küssen,
Die so langgezogene Kugeln legen.

Ringelnatz

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Gaudeamus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Théophile-Alexandre Steinlen

 

Die Katze

Ist so lebenstüchtig,

So launisch und so eifersüchtig,

So taubensanft, so schlangenschlau

Wie eine nur zweibeinje Frau.

Tut sie auch keusch wie ’ne Novize –

’ne Messalina ist die Mieze.

 

Ja, schon zur Zeit der Pyramiden,

War sie nicht unter den Frigiden!

Mascha Kaléko

 

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