Das kurze Leben des Ernst Lossa

ernstEr ruft so laut er kann: Nur für ein paar Tage, Mutter – versprochen?“

Als Antwort lächelt sie. Sie küsst ihre Handfläche und bläst ihm ihren Kuss hinterher. Danach fährt sie sich mit der Hand über die Augen. Ernst sieht, wie sich ihre Lippen bewegen, als würden sie sagen: „Versprochen.“

Robert Domes – Nebel im August

 

 

 

Ernst Lossa (1929 – 1944 in der Anstalt Irsee)

Ernst ahnt in diesem Moment wohl nicht, dass er seine Mutter nie wiedersehen wird und nie wieder mit seinen Eltern zusammen sein darf. Seine Familie gehört zu den Jenischen. Im Winter wohnen sie meist in einer billigen Wohnung in Augsburg, im Sommer fahren sie mit dem Planwagen durch’s Land. Ernst` Eltern arbeiten als Restauratoren von Kirchenfiguren.  Ernst hat zwei jüngere Schwestern und einen kleinen Bruder. Ernst‘ Mutter leidet an Tuberkulose, kommt ins Krankenhaus – für die Fürsorgebehörde ein willkommener Anlass, Ernst und seine Schwestern in ein Kinderheim zu überstellen. Es wären in der großen weiteren Familie sicher Möglichkeiten vorhanden gewesen, die Kinder vorübergehend zu versorgen.

Die seit Mitte der 1930er Jahre von den Nationalsozialisten erheblich verschärften Maßnahmen zur „Bekämpfung der Zigeunerplage“ richteten sich schon vor 1933 nicht nur gegen Roma, sondern zugleich gegen „nach Zigeunerart umherziehende Landfahrer“, womit Jenische und andere „Fahrende“ gemeint waren. Vermehrt wurden nun Wandergewerbescheine verweigert oder Kinder in Fürsorgeerziehung überwiesen. (Wikipedia)

Es beginnt ein langer Weg durch verschiedene Heime. Es herrscht ein rauer Ton, die Stimmung unter Kindern ist gewalttätig – man muss sich einen Platz in der Hackordnung erkämpfen. Besuch bekommt er wenig, die Mutter und der kleine Bruder sterben, der Vater wird ins KZ Dachau verschleppt. Kein Wunder, dass Ernst aneckt, zu lügen und stehlen anfängt. Er landet schließlich nach mehreren immer strengeren Erziehungsheimen in der bayrischen Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee.  Dort befanden sich fast ausschließlich schwerkranke, teilweise hilflose Patienten.

Ein „psychiatrisches Gutachten“ macht aus ihm einen „zweifellos um einen an sich gutmütigen, aber völlig willenlosen, haltlosen, fast durchschnittlich begabten, triebhaften Psychopathen.“ Er wird bei seiner starken Triebhaftigkeit voraussichtlich nicht wesentlich gebessert werden können“. Als Degenerationszeichen wurde im Gutachten die Längengleichheit von Ring- und Zeigefinger der rechten Hand notiert. (Wikipedia)

Aber Ernst ist nicht dumm. Er merkt schnell, dass Kinder, die sich abends gesund ins Bett legten, am Morgen tot waren. Ein roter Himbeersaft, der ihnen eingeflößt wird, enthält eine tödliche Giftdosis. Damit wird er unbequem – sein Schicksal ist besiegelt.

Ernst ahnt, dass auch er sterben soll. „Lossa sagte einmal zu mir, er möchte sterben, solange ich noch da sei, weil er dann schön eingesargt werde. Ich habe gesagt, er sei doch ein gesunder und kräftiger Bursche und werde noch lange nicht sterben. Er gab mir dann sein Bild, welches ich bei mir habe.“, sagte später Max Ries aus, einer der ältesten Mitarbeiter in Irsee. Er war Ernsts Lieblingspfleger, der die Toten für die Beerdigung vorbereitete.

ernst-und-schwestern-1935

 

 

 

 

 

 

Ernst und seine beiden Schwestern Malchen (Amalie) und Nanna (Anna), ca 1935

 

Da Ernst sich gegen die Einnahme des „Himbeerwassers“ wehrt, werden ihm eines abends gewaltsam zwei Spritzen des starken Betäubungsmittels Morphium-Scopolamin verabreicht. Er stirbt mit 14 Jahren. Seine beiden Schwestern haben überlebt.

Den amerikanischen Besatzungsmächten untersuchten nach dem Krieg die Zustände in der Anstalt und stießen bei den Zeugenvernehmungen immer wieder auf den Fall Ernst Lossa, der offenbar viele Pfleger nachhaltig beschäftigte. Dadurch gibt es in den Vernehmungsprotokollen zahlreiche Hinweise auf und Beschreibungen über den Jungen, der weder in die Anstalt, noch in das von den Nazis propagierte Modell vom „Gnadentod“ passte. 1949 wurde der Mord an dem Jungen zum Präzedenzfall im Euthanasie-Prozess gegen Ärzte und Pfleger vor einem Augsburger Schwurgericht. Durch die Vernehmungen und Gerichtsprotokolle ist das Leben des Jungen und seine Ermordung im Vergleich zu den zahllosen unbekannten Euthanasie-Opfern gut dokumentiert.

Robert Domes hat anhand von diesen Fakten einen Roman über das kurze Leben des Ernst Lossa  aus Sicht des Kindes geschrieben. Wir wissen nicht, ob es genauso war, aber es könnte so gewesen sein. Stilsicher fängt er den Kinderton ein – das Buch ist als  Schullektüre vorgesehen. Aber auch als Erwachsener liest man es atemlos, immer in dem Bewusstsein des grausamen Schicksals. Ein wichtiges Buch, das den Fokus auf eine wenig bekannte Minderheit lenkt, die ebenfalls die Schrecken der Nazi-Zeit erleben musste und die es ebenso verdient hat, nicht vergessen zu werden.

Jetzt kommt eine Verfilmung in die Kinos. Der Regisseur Kai Wessel holte sich Prof. Dr. Michael von Cranach als Berater an Bord, der von 1980 bis 2006 die psychiatrische Klinik in Kaufbeuren geleitet hatte. Ein leidenschaftlicher Nazi-Euthanasie-Aufklärer, der ebenfalls den Autor Domes hilfsbereit bei der Abfassung des Buches unterstützt hat.

 

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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8 Antworten zu Das kurze Leben des Ernst Lossa

  1. SätzeundSchätze schreibt:

    Liebe Marion,
    ich freu mich sehr, dass Du dieses wichtige Buch hier so ausführlich vorstellst … ich bin da natürlich auch besonders „betroffen“, da ich jahrelang für die psychiatrischen Kliniken im bayerischen Schwaben – zu denen auch Kaufbeuren gehört – Pressearbeit gemacht habe und das engagierte Wirken von Dr. von Cranach aus erster Hand kenne. Er hat als einer der ersten Psychiater bundesweit für die Aufarbeitung der Euthanasie gesorgt – in Kaufbeuren und seinem Ableger Irsee wurden über 2000 Patienten ermordet – auch gegen den Widerstand mancher Lokalpolitiker, die von diesem „dunklen Kapitel“ der Geschichte negative Wirkungen befürchteten. Ernst Lossa ist natürlich auch noch ein besonderes Schicksal – aber ich denke, gerade auch der Mut dieses kleinen Jungen und sein grausames Ende haben bewirkt, dass Menschen über seine Person auf das Thema überhaupt aufmerksam wurden.
    Wenn man bedenkt, dass jetzt, anno 2016, beispielsweise ein rechter österreichischer Politiker Menschen mit Behinderung das Wahlrecht bzw. die Kompetenz sich an politischen Wahlen zu beteiligen, abspricht – dann muss man erst recht immer wieder und unablässig darauf drängen, dass Inklusion umgesetzt wird, dass psychische Erkrankungen nicht dazu führen, dass die betroffenen Menschen ausgeschlossen (von Teilhabe, Mitsprache, gesellschaftlicher Wahrnehmung) werden – denn wozu das im schlimmsten Fall führt, das zeigte sich an der Euthanasie.
    Liebe Grüße Birgit

    Gefällt 1 Person

    • perlengazelle schreibt:

      Liebe Birgit, vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar! Als ich die Ankündigung zu dem Film las, habe ich mir sofort Domes` Buch besorgt. Natürlich wusste ich einiges, aber Dr. von Cranach und sein Wirken kannte ich nicht. Ein Einzelschicksal wie das von Ernst Lossa gibt dem Ganzen noch ein besonderes Gesicht – es macht den Schrecken greifbarer. Fassungslos macht mich, dass die Täter mit relativ milden Strafen, bzw ungeschoren, davon gekommen sind.
      Bei der schulischen Inklusion liegt einiges im Argen in NRW – die gesamte Schulpolitik ist allerdings hier ein Desaster. Im Moment wird wieder Wahlkampf auf dem Rücken der Schüler gemacht. Aber das ist in anderes Thema …
      Fassungslos macht mich auch das Erstarken der Rechten hier und anderswo – es kann einem angst und bange werden …
      Liebe Grüße Marion

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      • SätzeundSchätze schreibt:

        Liebe Marion,
        ja, zur Zeit kann einen vieles fassungslos machen und den Glauben an die Menschheit verderben. Ich bin davon ausgegangen, dass in der BRD durch den Willen zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus doch ein breiter gesellschaftlicher Konsens des „Nie wieder“ besteht. Und wenn ich derzeit mitbekomme, wie viele Menschen nun völlig hemmungslos wieder Hass predigen, bereit sind andere, die anders sind – egal ob durch Nationalität, Kultur, Krankheit etc. – auszugrenzen, ja, das macht mich wütend, traurig, müde. Schlimm ist, wie wenig aus der Geschichte gelernt wird. Wie niedrig Hemmschwellen sind. Das Buch von Robert Domes habe ich übrigens auch mal besprochen, ist zwei Jahre her. Jetzt halt doch noch der Link: https://saetzeundschaetze.com/2014/01/14/2475/
        LG Birgit

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        • perlengazelle schreibt:

          Ich kann dieser völligen Mangel an Empathie, die absolute Weigerung, sich in andere hinein zu versetzen, nicht nachvollziehen. Ich weiß nicht, woher das kommt. Es scheint nur ein Funken zu genügen, dass die braune Glut wieder entfacht wird. Als ob sie nie weg war, sondern im Verborgenen immer weiter geglimmt hat. Und es geht durch alle Gesellschaftsschichten. Es läuft etwas gründlich schief.
          Dabei ist niemand davor gefeit, in ähnliche Situationen zu kommen – wir leben nicht auf einer Insel der Seeligen. Schon morgen kann es passieren, das wir uns auf den Weg machen müssen in eine unbekannte Welt, darauf angewiesen, dass uns fremde Menschen helfen. Schon morgen können wir von Krankheiten befallen werden, die uns hilflos machen. Ach, ein weites, schlimmes Feld … eigentlich müsste man den ganzen Tag weinen.
          Danke für den link!

          Gefällt 2 Personen

          • SätzeundSchätze schreibt:

            Ja, diesen Empathiemangel verstehe ich auch nicht und ich teile Dein Entsetzen, dass im Grunde die braune Glut nicht nur wieder entfacht ist – sondern wie man mitbekommt auch ungebrochen weitergeglommen hat in manchen Gruppen (und das nicht nur in „Unterschichten“, sondern auch im gutbürgerlichen Milieu). Weinen möchte ich auch, aber vor allem macht es mich wütend – und deshalb finde ich es auch wichtig, dass man sich nicht verkriecht oder stillhält, sondern jeder in seiner Weise diesem Gedankengut etwas entgegensetzt – beispielsweise durch solche Beiträge wie den deinen.

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  2. Pingback: Im Heim | Fädenrisse

  3. Fellmonsterchen schreibt:

    Hat dies auf Monstermeute & Zeuchs rebloggt und kommentierte:
    Via Dergl.

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