Der Tod hat nicht das letzte Wort

 

Gleich am Eingang zur Ausstellung im Zentrum für verfolgte Künste in Solingen „War einmal ein Bumerang  – Der Maler Joachim Ringelnatz kehrt zurück“ kann man Nora Gomringer auf einer Videoleinwand zuhören wie sie Ringelnatzens Abzählverse spricht. Anschließend rezitiert der Künstler selbst – das einzige Ton-und-Bild-Dokument:

 

 

Doch im Mittelpunkt der Ausstellung steht der (unbekannte) Maler Ringelnatz. Rund 50 der oft surrealen und düsteren Gemälde und Aquarelle des Autodiktakten, der mit Otto Dix und George Grosz befreundet war, sind zu sehen, aber auch zwei Wände voller Schwarz-Weiß-Fotos der Werke, die heute als verschollen gelten. Oft winzige Menschen inmitten der Naturgewalten – Ringelnatz male die „gefrorenen Abgründe der menschlichen Seele“ in einer „eiskalten Genauigkeit“, so der Ausstellungskatalog.

Ringelnatz_Eisschollen

 

 

Bei manchen sieht man der Einfluss großer Meister: ein Urwald-Bild erinnert an den naiven Maler Henri Rousseau, seine Eisschollen könnten von den Seerosen Monets inspiriert worden sein.

Hier das komplette Werkverzeichnis:

http://www.verfolgte-kuenste.de/wp-content/uploads/2016/04/Werkverzeichnis-Joachim-Ringelnatz_2016.pdf

Hier kann man die Beiträge des Audioguide hören:

http://www.verfolgte-kuenste.de/bildung/audioguide/ringelnatz/

 

Weitergehende Informationen zu Ringelnatz findet man bei Birgit von Sätze&Schätze:

Ein Bumerang kehrt zurück: Der talentierte Herr Ringelnatz

 

Die Basis für das „Zentrum der verfolgten Künste“ war die Begegnung mit dem Sammler Gerhard Schneider, der sich vor allem auf diffamierte und ausgegrenzte Künstler während der Nazidiktatur mit ihrer Vorstellung einer „entarteten“ Kunst fokussiert hat. Aber auch darauf, dass nach 1945 fast alle betroffenen Künstler im Abseits blieben und eine Rehabilitierung, geschweige eine Wiederentdeckung oder gar Ehrung nicht beabsichtigt war.

Im Obergeschoss des Museums kann man auf Dauer eine Präsentation dieser Sammlung sehen, wobei auch besonderer Wert auf die Lebensläufe der Künstler gelegt wurde.

Viele Bilder sind verschollen, andere sind zerstört, fielen den Bomben zum Opfer, andere wurden von Nachbarn gerettet und auf Dachböden, Kellern versteckt und tauchten nach und nach wieder auf..

Mit der Ausstellung von Ringelnatzens Bildern erhofft man sich als Nebeneffekt auch, dass verschollene Werke wieder auftauchen, dass der eine oder andere private Besitzer entdeckt, wen er da eigentlich zu Hause beherbergt. Eines der verschollenen Bilder ist bereits wieder aufgetaucht: Das Bild „11 Uhr nachts“ wurde im Fundus des Kunsthändlersohnes Cornelius Gurlitt entdeckt.

 

 

Netzband_Der Sieger

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Netzband_Der Sieger

Immer wieder bezogen Künstler unter Lebensgefahr Stellung zum Zeitgeschehen. Der Maler Georg Netzband (1900 – 1984) malte das Antikriegsbild Der Sieger vier Monate vor Beginn des Zweiten Weltkriegs im Geräteschuppen seines Schrebergarten. Es ist die Vision des kommenden Krieges und der vernichteten Reichshauptstadt, aus der einzig der Tod als Sieger hervorgeht. Im selben Jahr erfolgte seine Einberufung an die Ostfront. Eingerollt in Blechkisten vergrub er viele Arbeiten im Garten – eine wichtige Schutzmaßnahme besonders für die gesellschaftskritischen Bilder.

 

Zügel_Ikarus

 

 

 

 

 

 

 

Oskar Zügel_Ikarus 1935

Der Maler Oskar Zügel (1892 – 1968) war befreundet mit Paul Klee, Oskar Schlemmer, Willi Baumeister und Joseph Albers, sowie mit den Franzosen Fernand Léger und George Braque, von denen er den kubistischen Ansatz übernahm. Zügel war der einzige Künstler, der Regimekritik im kubistischen Stil übte. Die Figur des Ikarus steht für den Faschismus im Allgemeinen. Die stürzende Figur – deren Beine und Flügel die Form eines Hakenkreuzes andeuten – verliert ihre Form und stürzt. Dies zeigt das Ende der Nazi-Diktatur an.

Zügels Bilder wurden beschlagnahmt, er wurde mit dem Tod bedroht, so dass er nach Spanien floh. Die Franco-Hitler-Allianz veranlasste ihn, Spanien zu verlassen und ins argentinische Exil zu gehen. Da die Peronisten vielen Nazis Schutz boten, wurde er erneut  zur Zielscheibe von Repressalien. 1959 kehrte er nach Europa zurück. Einige seiner wichtigsten Arbeiten wurden von spanischen Fischern versteckt und für ihn gerettet, darunter auch der Ikarus.

Der Künstler Oskar Zügel hatte nach dem Krieg erhebliche Probleme, in Deutschland wieder Fuß zu fassen. Als er bei der Staatsgalerie Stuttgart für eine Ausstellung anklopft, wird er abgewiesen: „Sie sind doch Republikflüchtling, an Ihnen haben wir kein Interesse.“

Das Kunstmuseum Stuttgart besitzt gerade mal drei Gemälde von Oscar Zügel, ein Hauptwerk ist nicht darunter, nicht einmal das Bild „Zerstörung Stuttgarts“, dem ein fester Platz in der Kunstgeschichte der Stadt gebührt, wurde angekauft. Den schwierigen Weg, den dieser Künstler zurückgelegt hat, zeichnet die Ausstellung in Solingen eindrucksvoll nach: Zu besichtigen ist ein Werk, das in der Auseinandersetzung mit der Zeit imponierende Eigenständigkeit und Vielfalt beansprucht und Zügel als prononcierten Vertreter der Moderne ausweist. Die Frage, wie es sein kann, dass es so lange übersehen wurde, schärft den Blick darauf.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/der-maler-oscar-zuegel-joseph-goebbels-malte-er-abstrakt-12806473.html

 

In den nächsten Jahren werden neue Funde im Zentrum vorgestellt. Ein Besuch lohnt sich also immer – auch wenn die Ringelnatz-Ausstellung leider nur noch bis zum 18. Juli  in Solingen gezeigt wird. Und natürlich liegt der Fokus nicht nur auf verfemte Maler, sondern ebenso auch auf verbotene, verbrannte Dichter.

Weiterlesen: http://www.verfolgte-kuenste.de/

 

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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3 Antworten zu Der Tod hat nicht das letzte Wort

  1. SätzeundSchätze schreibt:

    Ach liebe Marion, Du wohnst ja auch da oben (tschuldige das diffuse „da oben“, aber für uns Südländer ist das halt alles eins) – schön, dass Du es in die Ausstellung geschafft hast, die es leider so nicht mehr zu sehen gibt. Ich habe inzwischen dort nachgefragt, es ist nicht beabsichtigt, den Ringelnatz auf Reisen zu schicken.
    Danke für Deinen runden Beitrag und die vielen weiterführenden Informationen – vielleicht kann ich dafür mal in Stuttgart auf Spuren Zügels gehen.
    Das Zentrum für Verfolgte Künste will ich mir jedoch auf jeden Fall einmal selber ansehen – wenn es soweit ist, melde ich mich bei Euch Bloggerinnen aus dem Pott!
    Übrigens hat auch Ingrid von Stift und Schrift über die Ausstellung berichtet …
    Danke für die Verlinkung und einen schönen Abend wünscht Dir Birgit

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    • perlengazelle schreibt:

      Solingen ist für uns hier oben so gerade noch erreichbar. 🙂
      Dumm nur, dass der Ausstellungskatalog restlos ausverkauft war, sogar das Ansichtsexemplar. Ich werde in Zukunft öfter mal nachschauen, was sich so Neues tut und nicht mehr auf den letzten Drücker hingehen.
      Als Ersatz bietet sich das hier an: http://www.wallstein-verlag.de/9783892443377-ringelnatz.html
      Zügel – wie auch viele andere – kannte ich vorher überhaupt nicht. Das Totschweigen ist wirklich infam …
      Bis die Tage in Solingen oder im Ruhrpott! 😉

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  2. verfolgtekuenste schreibt:

    Das Zentrum für verfolgte Künste sagt „Danke“ für den Überblicksartikel zu Ringelnatz und zu unserem Haus. Herzliche Grüße aus Solingen.

    P.S.: Wir planen aktuell die Herausgabe des ebooks „War einmal ein Bumerang. Der Maler Joachim Ringelnatz kehrt zurück“.

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