Wer keine Heimat hat, hat keine Zukunft

Vor der Morgenröte

In Amerika wird Stefan Zweig (Josef Hader) begeistert gefeiert, die Damenwelt liegt ihm zu Füßen. Gekonnt wechselt er zwischen den Sprachen, hält Lesungen für zweitausend Leute. Unermüdlich, bis an den Rand der Erschöpfung, reist er mit seiner zweiten Frau und ehemaligen Sekretärin Lotte hin und her – von der eisigen Kälte New Yorks in die gleißende Tropensonne Brasiliens.

Auf dem Schriftstellerkongress der internationalen Schriftstellervereinigung P.E.N. in Buenos Aires ist er Ehrengast, soll sich zu den Verbrechen des Nazi-Regimes äußern. Die Nationalsozialisten haben gerade die Wehrpflicht auf zwei Jahre erhöht. Doch für Zweig ist die Veranstaltung ein einziger Jahrmarkt der Eitelkeiten. Von einem Journalisten zu einer Stellungnahme gedrängt, antwortet er ihm: „Jede Widerstandsgeste, die kein Risiko birgt und keine Wirkung hat, ist nichts als geltungssüchtig.“ Er sei Schriftsteller, wolle sich nicht auf das Niveau jener herunter begeben, die seine Sprache für Menschen verachtende Parolen missbrauchen würden. Sein Wunschtraum sei ein grenzenloses Europa, das er aber wohl nicht mehr erleben würde.

In New York trifft er seine erste Ehefrau Friderike (Barbara Sukowa), die ihm weiter herzlich zugetan ist, ihm Linzertorte mitbringt und einen Packen Briefe von Freunden und Kollegen mit Bitten um Hilfe bei der Beschaffung von Visa, damit sie ebenfalls emigrieren können. Zweig in seiner privilegierten Situation ist verzweifelt, hat Schuldgefühle. Zu viele brauchen Hilfe, wen soll er retten, wen nicht. Jeder, dem er nicht hilft, ist möglicherweise dem Tode geweiht.

In Petrópolis, in der Nähe von Buenos Aires lässt er sich nieder. Hat Kontakte mit anderen Exilanten, versucht, im brasilianischen Urwald ein Stückchen Heimat zu entdecken. In einer großartigen letzten Szene sieht man von einem Raum hinaus in den Garten. Menschen laufen hin und her, weinen – man merkt, es ist etwas Schreckliches geschehen. Nur für einen kurzen Augenblick schwenkt die Kamera auf eine Schrank-Spiegeltür – man erkennt das Ehepaar eng umschlungen tot auf dem Bett liegen -, um rasch diskret wieder wegzuschwenken. Der Abschiedsbrief wird gefunden und vorgelesen: „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen, nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.“ Stefan Zweig hat resigniert.

In sechs losen Episoden erzählt der Film Szenen aus dem Exil. Es gelingt Zweig nicht, heimisch zu werden. Bei einem Empfang in einem brasilianischen Dorf sagt der Bürgermeister: „Denn – wie ein altes brasilianisches Sprichwort sagt: Wer keine Heimat hat, hat keine Zukunft.“ Und lässt ihm zu Ehren die Dorfkapelle aufspielen, eine schaurig-schräge Version der schönen blauen Donau. Was Zweig zu Tränen rührt. Nicht der Verlust der Heimat, wohl aber die Unmöglichkeit, eine neue zu finden, lässt ihn zerbrechen.

Der Kabarettist Josef Hader stellt Zweig als stillen, freundlichen, geduldigen Menschen dar, der immer tiefer in die Depressionen versinkt und am Ende keinen Ausweg mehr sieht. Ich hab nie eine historische Rolle gespielt, das heißt, ich hatte auch Angst vor der Art, mich zu bewegen, vor der Art, wie ich den Anzug trage, aber die Maria (Schrader, die Regisseurin) hat gemeint, ich soll das alles, ich kann das alles und ich hab mir dann gedacht: was hast du zu verlieren, eh nicht viel, nur das die Leute nachher sagen, er kann es halt nicht.“, so Hader über seine Rolle. Und er kann es.

Ein Film mit aktuellen Bezügen angesichts der Flüchtlingsströme und angesichts der Tatsache, dass das grenzenlose Europa wieder dabei ist, neue Zäune zu errichten.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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5 Antworten zu Wer keine Heimat hat, hat keine Zukunft

  1. SätzeundSchätze schreibt:

    Oh ja, der Hader konnte das sehr gut! Ich war auch sehr angetan von dem Film. Und Zweig spukt auch mir seit Monaten durch den Kopf angesichts der politischen Lage(n). Es wird zu schnell vergessen, was Exil und Flucht bedeutet – dabei haben die Europäer darin eine leidvolle Erfahrung, die nicht so lange zurückliegt.
    Den Kinobesuch kann ich ebenfalls jedem empfehlen!

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  2. Danke für diesen Beitrag über einen meiner Lieblingsfilme der letzten Jahre. Also mein Tipp: Unbedingt anschauen, nicht nur wegen des großartigen Haders (sorry, ich bin halt ein Hader-Fan :)… gut wäre es, meiner Meinung nach, zuvor Zweigs Schachnovelle zu lesen, die im Film am Ende auch erwähnt wird.

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