Abhauen gibt’s nicht

junges-licht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenig Verständnis zeigt der Vater – wenn er „vonne Schicht“ kommt, will er sein Essen. Sein gutes Recht, schließlich hat er den ganzen Tag im Pütt malocht. Und da bekommt die Mutter schon mal ein derben Knuff, wenn sie vor Schmerzen gekrümmt auf dem Bett liegt und die Kartoffeln noch nicht geschält, der Tiefkühlspinat noch nicht aufgetaut ist. Sie hat es an der Galle oder eher an den Nerven, wie der Doktor meint. Der Junge Julian kriegt es zu spüren. Jede Woche wird er mit dem Kochlöffel verdroschen – routiniert stellt er selbst dann das Radio lauter. Damit die Nachbarn nichts mitkriegen.

Als Mutter mit der kleinen Schwester zur Erholung in die Sommerfrische fahren darf, zu den Großeltern auf’s Land, verbringen Vater und Sohn den heißen Sommer allein. Vater schuftet im Pütt, der Sohn schmiert seine Brote und versucht Anschluss an eine Jungsbande zu kriegen und langweilt sich ansonsten. Die Luft ist aufgeladen von Erotik. Die 15jährige Untermieterin Marusha –  schon „voll ausgebildet“ – zeigt ihre Reize und macht ständig Anspielungen. Der Hausbesitzer taucht überall auf und macht dem Jungen zweideutig-eindeutige Angebote. Die Jungs wollen, dass Julian ihnen Nacktphotos von Marusha bringt.

Der Balkon der Wohnung spielt eine wichtige Rolle. Von hier kann man ins Zimmer von Marusha schauen, die vor dem Spiegel posiert, wohl wissend, dass sie beobachtet wird. Hier wird Julian von der Mutter gedemütigt, weil sie ihn zwingt, sich vor den Augen Marusha auszuziehen, weil die Hose gewaschen werden muss. Hier steht Julian und schaut auf die Fabriken und die dampfenden Schlote und stellt sich seine Zukunft als Koker vor. Und auch ernsthafte Vater-Sohn-Gespräche gibt es – wenn sie gemeinsam ihre Kniften essen und über die Arbeit reden. Viele berufliche Möglichkeiten gibt es für Julian nicht. Entweder „auf Zeche“, „auf Stahlwerke“ oder in der Kokerei.

Das Leben der Vier erfährt einen einschneidende Veränderung, als der Vater Marushas Reizen erliegt und erwischt wird. Doch fatalistisch ergeben sie sich in ihr Schicksal. Einzig Julian packt seine Sachen und will weg. Weg von der prügelnden Mutter. Eher ein Hilferuf als ein ernsthaftes Vorhaben. Beim ziellosen Herumschlendern treibt es ihn an die Werkstore der Zeche – die Alarmglocke kündigt von einem Zwischenfall. Die Angst vor dem unausprechlichen Unglück ist unterschwellig immer vorhanden. Dort trifft er auf seinen Vater, der rechtzeitig nach oben gekommen ist:

„Was machst du denn hier, Junge?“

„Abgehauen bin ich.“

„So richtig mit Rucksack und Proviant und so?“

Julian nickt.

„Abhauen gibt’s nicht. Wär schön. Aber geht nicht.“

Und sie gehen nach Hause. Weiter machen im Trott, was auch sonst.

 

Der Regisseur Adolf Winkelmann hat den Film aus dem Ruhrgebietsmalochermilieu der sechziger Jahre nach dem gleichnamigen Buch von Ralf Rothmann an Originalschauplätzen gedreht. Rothmann ist selbst im Ruhrgebiet aufgewachsen und mehrere Bücher über das Ruhrgebiet in den  Wirtschaftswunderjahren geschrieben.

Die großartige Kamera geht ganz nah ran an die Personen, kriecht mit in die engen Schächte unter Tage, zeigt die rußgeschwärzten Häuser, wo man an manchen Tagen die Wäsche nicht draußen aufhängen kann, weil sie sonst schwarz wird. Man sieht beeindruckende Bilder von den Industrieanlagen – fast poetisch schön. Der Film wechselt von farbigen zu schwarz-weißen Bildern, die die Tristesse jener Siedlungen noch besonders verdeutlichen.

Wenig gesprochen wird in dem Film. Unbeholfen sind die Menschen, über Gefühle reden ist nicht ihre Sache. Der harte Alltag frisst sie auf. Sie funktionieren einfach. Und wenn der Vater zur Abwechslung mal einen Ausflug machen will, endet der beim Kollegen in einem Besäufnis. Julian mit seiner Tierliebe und seiner Lust zu photographieren und seiner Verträumtheit hätte ein anderes Milieu verdient.

Anschauen!

 

 

 

 

 

Advertisements

Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Abhauen gibt’s nicht

  1. eimaeckel schreibt:

    Gut geschrieben, aber klingt unerträglich ausweglos. Früher dachte ich ja, dass früher, also in Zeiten meiner Malocher-Eltern, alles besser war. Wars aber nicht, war nur übersichtlicher. Grad find ich die Gegenwart sehr spannend.

    Gefällt mir

  2. SätzeundSchätze schreibt:

    Ok. Wenn Du das mit Ausrufezeichen befiehlst. .. und weil es nach Rothmann ist und weil das Ganze für mich als „Südländerin“ fast schon „exotisch“ wirkt und weil du das interessant schilderst
    Aber was, um Himmels willen, sind Kniften?

    Gefällt mir

    • perlengazelle schreibt:

      Kniften sind belegte Brote. 🙂 Und was der Vater nicht aufaß und abends wieder mitbrachte, nannte man Hasenbrot. Leider wird in dem Film von Stullen gesprochen – das sagt man nun gar nicht bei uns. Rothmann müsste das eigentlich wissen, aber er lebt ja schon lange in Berlin. Und ich will ja nicht immer so erbsenzählerisch sein😉

      Gefällt 1 Person

  3. dergl schreibt:

    (Hoffe, der Kommentar kommt an, der erste Versuch stürzte ab.)

    Der Vater meiner Mutter kam von Siebenbürgen über Norddeutschland in dieses Millieu auf Zeche. Mir sagt das nichts, aber der Perlengazelle als Ruhrpott-Mensch vielleicht: Emil Emscher in Vogelheim, einem Ortsteil von Essen. Meine Mutter schaffte es nach München in „andere Kreise“, also ganz weit weg von ihrer Herkunft, die Söhne taten auch was Perlengazelle „den Absprung schaffen“ nennt. Nur die jüngste blieb da in dem Millieu, die dürfte jetzt Mitte 50 sein und immer noch irgendwo in Essen wohnen. Mein Stiefvater, Sohn eines Ruhrpott-Spediteur (Firma gibt es nicht mehr) spricht synomym zu Knifften auch mal von Dubbels. Ist bestimmt interessant in dem Film mal zu sehen wie für die so die Kindheit gewesen sein könnte.

    Gefällt mir

    • perlengazelle schreibt:

      Für mich war es wie eine Zeitreise in die Kindheit, obwohl ich dieses spezielle Milieu nicht mehr selbst erlebt habe. Aber es gab natürlich viele Erzählungen in der Familie. Und noch heute habe das mühsame Luftholen des Großvaters im Ohr, der an der Steinstaublunge litt, diese gefürchtete Bergarbeiterkrankheit. Heute gibt es keine Zeche mehr hier. Und der Himmel ist tatsächlich blau. Wenn’s nicht gerade regnet …😉

      Gefällt 1 Person

      • dergl schreibt:

        An meinen Großvater habe ich, da wir wo völlig anders wohnten, diesbezüglich keine Erinnerung. Ich weiß noch, dass man mir immer erzählt hat, der sei halt „auf Zeche“ gewesen und dass ich das als Kind nicht so ganz verstanden habe, weil es in Bayern wo wir wohnten keine Bergwerke gab. Vor einigen Jahren war ich mit meiner Mutter mal in einer Ausstellung und da hingen Bilder von Instrustriegebieten, fotografiert vom Ehepaar Becher, die glaubte sie zu erkennen. Laut den Täfelchen daneben sind diese Fotos woanders entstanden. Was nicht bedeutet, dass sie sich nicht an ähnliche Schornsteine erinnert und das dann verwechselt hat. Da erzählte sie dann auch, dass sie mittags immer zum Tor gehen musste und ihn abholen und dass es irgendwann ein Unglück gegeben hätte bei dem Kumpel gestorben wären, aber mehr weiß ich eigentlich nicht.

        Gefällt mir

  4. sylvia schreibt:

    „Anschauen!“ – dem kann ich mich nur anschließen. mir hat der film sehr gefallen, dachte ich wäre in eine zeitmaschine geraten. ich bin zwar nicht im ruhrpott aufgewachsen, aber in einer arbeitersiedlung hier in Hannover, dennoch kam mir vieles bekannt vor, vor allem in den wohnungen. bei uns heissen die kniften „stullen“ oder „bemmen“. und hasenbrot gabs auch!
    danke für die schöne besprechung!
    herzliche grüße
    Sylvia

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s