Amsel, Drossel, Fink und Star

Klee_landscape with yellow birds 1923

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Paul Klee_Landschaft mit gelben Vögeln 1923

 

Amsel, Drossel, Fink und Star

Nina zupfte ein paar welke Blätter, entfernte Verblühtes, schuf Platz für die Astern, die im Herbst ihre blauen Sternchenblüten über das gesamte Grab ausbreiten würden. Mutter hätte das gefallen, dachte sie. Der Herbst war ihre liebste Jahreszeit gewesen. Und im Garten hätte sie am liebsten nur Blaues gepflanzt. Vor drei Wochen war sie gestorben und seitdem war Nina fast täglich gekommen. Der Tod war eine Erlösung gewesen, die Schmerzen waren zum Schluss zu groß gewesen. „Eine einzige Quälerei. Sie hat die Ärzte angefleht … aber die durften ja nicht …“, hatte ihr Mutters Freundin bei der Beerdigung zugeflüstert. Mit ihr hatte die Mutter darüber nicht gesprochen, dachte Nina bitter. Aber das war wieder typisch Mutter.

Wenn sie sich nach der Grabpflege noch ein bisschen auf eine Bank setzte und die Stille spürte, beobachtete sie die anderen Friedhofsbesucher. Der alte Herr mit den ungebügelten Hosen und der speckigen Jacke, der sich nur mühsam mit dem Stock bewegen konnte, pflegte das Grab neben dem ihrer Mutter. Anschließend kramte er immer umständlich aus einem Beutel eine Tüte mit altem Brot, das er über dem Grab zerkrümelte.

Mit der Zeit hatte er begonnen, Nina mit einem Nicken zu begrüßen. „Ihre Frau?“, fragte ihn Nina zögernd, als sie beide einmal auf derselben Bank saßen. Der alte Herr nickte. „Luise hat Vögel so geliebt. Stundenlang konnte sie sie beobachten. Sie kannte sich aus, konnte Vogelstimmen nachmachen. Ornithologie hatte sie studieren wollen. Aber der Krieg …“ Er zog ein Taschentuch aus der Manteltasche und wischte über die Augen. „Jetzt streue ich Brotkrümel auf ihr Grab. Schauen Sie mal, da kommen sie schon.“ Und richtig – ein paar Spatzen waren angeflogen gekommen und pickten eifrig.

„Wie ist sie denn gestorben?“, fragte Nina. Der alte Herr antwortete nicht. In sich zusammen gesunken starrte er auf das Grab. Nach einer langen Pause antwortete er: „Ich bin schuld.“ Er knetete seine Hände, atmete heftig. „Sie hatte Alzheimer. Erkannte mich nicht mehr. Ich musste sie füttern wie ein kleines Kind, wickeln, nachts ans Bett fesseln, sonst wäre sie im Nachthemd auf die Straße gelaufen. Stundenlang pfiff sie. Amsel, Drossel, Fink und Star … zehn Jahre … zehn verdammte lange Jahre …“ Wieder griff er in die Tüte und warf den Spatzen eine Handvoll Krümel zu. „Ich hab’s irgendwann nicht mehr ausgehalten. Hab sie eingesperrt und bin einfach weggefahren. Als ich nach ein paar Tagen zurück kam, war sie tot.“

Jetzt weinte er hemmungslos. „Ich habe ihr ein Kleid angezogen und ihr ihren Lieblingshut aufgesetzt, den blauen mit dem breiten blau-weiß gestreiften Band. Sie mochte Hüte. Ich habe ein Hutgesicht, Viktor, hat sie immer gesagt. Der Hausarzt hat nichts gemerkt. Hat den Totenschein ohne Zögern unterschrieben.“ Schwerfällig stand er auf. „Ich gehe zur Polizei. Muss reinen Tisch machen. Hat doch keinen Sinn mehr, das Leben ohne Luise.“

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Ein weiterer Beitrag für Jutta Reichelts Geschichtengenerator:

(12) Geschichtengenerator in Aktion

 

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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8 Antworten zu Amsel, Drossel, Fink und Star

  1. juttareichelt schreibt:

    Ach schön, dass der Text jetzt auch hier zu lesen ist! Gerade hatte ich noch eine weitere Überlegung zu den konkreten Todesumständen angestellt – aber vielleicht ist das eh ein bisschen morbide … Gerne sehr lebendige Grüße!

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    • perlengazelle schreibt:

      Nein, nicht morbide. Der Tod gehört zum Leben. Der gewaltsame Tod ist grausam, schwer vorstellbar, manchmal nachvollziehbar. Aber vermeidbar im Fall von Viktor – gäbe es mehr Hilfen. Aber wir wissen ja, wie unzureichend Pflegebedingungen aussehen. Auch Alzheimer-Patienten können in Würde sterben. Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

      • juttareichelt schreibt:

        Tatsächlich habe ich einen ganz persönlichen Zugang zu dem Thema: Ich habe acht Jahre lang meine demente Tante im Haushalt begleitet/gepflegt, bis sie dann schließlich auch zu Hause gestorben ist. Daher kenne ich mich aus eigenem Erleben, aber auch aus Lektüre und Austausch ganz gut mit der Situation und eben ganz oft auch Überforderung pflegender Angehöriger aus. Vor allem, wenn sie, wie in deiner Geschichte selbst schon älter sind, allein(gelassen) mit dieser nervenaufreibenden Situation, kommt es vermutlich sehr viel häufiger zu irgendeiner Form von Gewalt, als „wir“ das wahrhaben wollen. Und wie du sagst: Das wäre mit anderer Unterstützung und auch anderem gesellschaftlichen Umgang mit (der) Krankheit zu verhindern … Ein schönes Wochenende wünsche ich dir!

        Gefällt 2 Personen

  2. eimaeckel schreibt:

    Hat mich richtig reingezogen, deine Geschichte. Schock am Ende. Da bleibt was hängen. 😉

    Gefällt 1 Person

  3. tomorrowdefinitely schreibt:

    einfach wunderbar

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  4. Pingback: Natürlich kann ich das! | gazelleblockt

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