Ohne Bestand, ohne Hoffnung, ohne Spuren

Georg HermannDenn der Wind weht sehr anders als noch vor fünf oder drei Jahren, ja, als noch vor drei Monaten. Mit antisemitischen Pamphleten wird das Land überschwemmt. Proteste und Eingaben der christlichen holländischen Intellektuellen gegen die Schmach der ministeriellen Fremdenmaßnahmen – d. h. Judenmaßnahmen! – sind ganz und gar wirkungslos. Die anderen können machen, was sie wollen und in SA-Uniformen als Deutsche hier deutsche Vereine leiten. Die Nazis, hier auf ein Minimum in den Wahlen zwar zurückgedrängt, haben plötzlich Sitz und Stimme in der Regierung. Wenn auch nicht zugegeben, kurz gesagt: Holland bereitet sich langsam darauf vor, ein drittes oder viertes Österreich zu werden und bittet schon jetzt um gutes Wetter.

Georg Hermann_ Brief an seine Tochter Hilde, Hilversum 27.6.1938

 

Als der jüdische Schriftsteller Georg Hermann (eigentlich Georg Hermann Borchardt) diese Zeilen an seine Tochter Hilde, die in Kopenhagen lebte, schrieb, war er 67 Jahre alt und lebte schon fünf Jahre im Exil in Holland. Nach dem Reichtagsbrand 1933 hatte er beschlossen, Deutschland zu verlassen. Georg Hermanns Werke standen auf der „Schwarzen Liste“ und wurden bei den Bücherverbrennungen im Mai 1933 verbrannt. Mit seinen beiden jüngsten Töchtern und seiner geschiedenen Frau ging er nach Holland ins Exil.

Dort schrieb Hermann unter schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen „Eine Zeit stirbt“ sowie drei weitere Romane.  Zuletzt lebte Georg Hermann in Hilversum. Nach der Besetzung Hollands 1940 wurde er nach Amsterdam in ein improvisiertes Getto gebracht, danach ins Durchgangslager Westerbork deportiert. Er war inzwischen 72 Jahre alt und schwer herz- und zuckerkrank. Seine jüngste Tochter Ursula und sein Enkel waren noch bei ihm. Beide durften nach Palästina ausreisen. Als endlich auch die Ausreisegenehmigung für Georg Hermann eintraf, hatte man ihn bereits nach Auschwitz verschleppt. Der Transport mit 995 „Juden aus dem Lager Westerbork“ erfolgte am 16. September 1943 und erreichte Auschwitz am 17. November. Ob Georg Hermann  mit seinem schlechten Gesundheitszustand jemals dort angekommen ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Vielleicht hat er schon den Transport nicht überlebt. Als sein Todestag gilt der 19. November 1944.

 

Georg Hermann hatte große Erwartungen an sein Exilland Holland gehabt. Erstens kannte er das Land von seinen Reisen und liebte es. Zudem erschienen dort seine Bücher und man schätzte den Schriftsteller – also gab es Möglichkeiten, seinen Lebensunterhalt mit Schreiben zu bestreiten. Hermann war ein Bestseller-Autor. Seine beiden Bücher „Jettchen Gebert“ (1906) und die Fortsetzung „Henriette Jacoby“ (1908) erzielten Millionenauflagen.

Doch die Wirklichkeit sah anders aus. Es gelang ihm nicht mehr, Neues zu veröffentlichen. Seine Briefe  aus dem Exil an seine Tochter Hilde, seinem Mulleviehchen, geben einen tiefen Einblick in den Alltag eines Emigrantenschriftstellers, in den täglichen Kampf um Anerkennung. Immer mehr klagt er über den Verlust seiner Leser, wachsende Geldnot, Resignation. „Wenn man ihn das erste Mal sieht, gibt man ihm etwas und putzt damit sein mitleidiges Herz — nach einem Monat geht man an ihm vorbei, und nach sechs Monaten sagt man: Da ist doch der Kerl immer noch. Bringt ihn von der Straße!“ beschrieb er das Emigrantentum. Auch bot Holland keinen Schutz mehr vor den Nazis. Am 10. Mai 1940 überfiel  Deutschland die Niederlande und Belgien und griff später Frankreich an. Der Großteil der Niederlande war in kürzester Zeit besetzt.

Er schrieb außerdem über Probleme mit seiner heranwachsenden Tochter Ursula, die er alleine erzog, seine schlechte Gesundheit. Immer wieder und immer drängender flehte er Hilde an, sich um Übersetzungen und Vertrieb seiner Romane in den skandinavischen Ländern zu bemühen.  Auch gibt er ihr Ratschläge, welche Techniken man beim Schreiben beherzigen soll, um sich einen Brief später selbst auf die Schippe zu nehmen. „Meinen schönen und ausführlichen Brief: Die Kunst, in 24 Stunden eine berühmte dänische Schriftstellerin zu werden, hast du wohl erhalten.“ Diese Selbstironie blitzt immer wieder durch: „Ich lese seit Jahren fast keine Romane mehr. Ich sage immer, ich würde meine eigenen nicht gelesen haben, wenn ich sie nicht schriebe.“ Doch außer Lesen und Haushalten blieb ihm nicht viel zu tun. „Ich sitze hier bei schlechter Gesundheit und ohne eine Hilfe, wasch mir das Geschirr, kauf ein, schleppe die Kohlen und kehre – wenn überhaupt! die Zimmer selbst.“ Häufig konnte er sich nicht aufraffen zu schreiben.

Die Briefe seiner Tochter Hilde sind nicht erhalten. Hilde (aus erster Ehe) hatte bereits 1932 mit 28 Jahren Deutschland verlassen, um sich vom Vater abzunabeln. Sie hatte ihm den Haushalt geführt und sich um ihre Halbschwester Ursula (aus zweiter Ehe, die Mutter war früh gestorben) gekümmert. Nicht einfach – der Vater hatte sie sehr vereinnahmt und brachte außerdem immer neue Freundinnen ins Haus. Hinzu kam auch aber auch der immer größer werdende Antisemitismus.  Hilde wollte ihr eigenes Leben, aber wünschte auch Rat des Vaters in kulturellen Dingen: Literatur, Kunst, Antiquitäten, Schriftstellerei. Georg Hermann hatte Antiquitäten und Kunstgegenstände gesammelt, Kunstgeschichte studiert und sagte später, er wäre lieber Maler als Schriftsteller geworden. Sie wollte sich wohl für ihn einsetzen, aber nicht als Hauptbeschäftigung. Das aber erwartete er von ihr.  (Aus dem Nachwort von Laureen Nussbaum, Herausgeberin der Briefe)

Das Buch enthält neben den Briefen auch den Essay „Weltabschied für meine Kinder bestimmt“, in dem er seine Befürchtungen zum nahenden Weltuntergang zum Ausdruck brachte. Seit dem Beginn des Ersten Weltkrieges sei eine Lawine ins Rollen gekommen, die die Juden schließlich begraben werde. Triebfeder seines Schreibens war es, die untergehende Epoche vor dem Vergessen zu bewahren. „Ich habe keine Angst vor dem Nichtsein, nicht vor dem Nichtmehrsein, sondern vor dem Nichtmehrsein des einmal gelebten Seins.“ Weltabschied

„Was für eine Welt verläßt man! Eine Welt, die wie Chronos ihre eigenen Kinder frißt, die die Heere ständig auf Kosten jeder Lebensverbesserung vergrößert, die Länder verwüstet, Städte in den Grund schießt, Fabriken in Trümmer legt, die ins Blaue und Sinnlose hinein produziert, ohne eine Ahnung zu haben, wie das Produzierte verteilt werden soll und wie der Mensch dann an die Güter kommen soll, nach denen er schreit in seiner Notdurft und in seinem Hunger — eine Welt, die allenthalben den Armen zusammenkartätscht, sowie er erträglichere Lebensbedingungen fordert, die einige wenige haben in überreichem Maße und als Grundlage ihrer Existenz ansehen. Eine Welt, in der sich die Regierungen gegen jede Verbesserung der Lebenslage und der Lebensführung ihrer Bürger sträuben, nur nicht gegen die Verbesserungen an Kanonen, Flugzeugen, Giftgasen, Unterseebooten und Fliegerstaffeln und anderer Instrumente der Lebens- und Kulturvernichtung. Eine Welt, in der die offizielle Lüge längst jede Wahrheit verdrängt hat und die alle Werte und alle Vernunft in das Gegenteil abwandelt, in der der Mensch für den Staat und nie der Staat für den Menschen da ist, nicht die Produktion für den Menschen, sondern der Mensch für die Produktion (…); die über Überbevölkerung jammert und Geburtenerhöhung fordert, nur um möglichst viel Schlachtvieh für die Zukunftskriege zu haben (…). Eine Welt, die sogar aus einem kürzlichen Mord an dreißig Millionen Männern aller Farben und Rassen das eine noch nicht gelernt hat, nachdem sie dadurch verarmt, verwüstet und zugrunde gerichtet wurde, daß Krieg ein ungangbarer Weg zur Verbesserung der Lebenslage des Menschen auf dieser Erde ist.“ Weltabschied, 1935

 

Immer wieder die Angst vor dem Vergessenwerden: „Denn es ist eine Ungerechtigkeit, eine schreiende Ungerechtigkeit, daß etwas, das einmal gewesen ist, so glatt wieder in das Nichts zurücktauchen soll, daß nach uns … nach unserer Anwesenheit an dieser zweifelhaften Stelle, kaum fünfzig, sechzig Jahre nach unserem Abgang von der Lebensbühne keine Seele mehr fragen soll, kein Huhn gackern, kein Hahn krähen. Leben wir dazu? Weinen wir und freuen wir uns dazu? Soll niemand wissen, was wir getragen haben?“ Jettchen Gebert

 

Weiterlesen:

Unvorhanden und stumm

 

 

 

 

 

 

 

http://gutenberg.spiegel.de/autor/georg-hermann-1492

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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5 Antworten zu Ohne Bestand, ohne Hoffnung, ohne Spuren

  1. SätzeundSchätze schreibt:

    Und wieder so ein eindrucksvolles Portrait, das Du hier zeichnest – auch diesen Schriftsteller kannte ich nicht. Danke!

    Gefällt 3 Personen

    • perlengazelle schreibt:

      Er ist auch fast vergessen – ein Grund für mich, an ihn zu erinnern.
      Was er über das Emigrantentum schrieb, ist heute noch aktuell.

      Gefällt 1 Person

      • gkazakou schreibt:

        “Wenn man ihn das erste Mal sieht, gibt man ihm etwas und putzt damit sein mitleidiges Herz — nach einem Monat geht man an ihm vorbei, und nach sechs Monaten sagt man: Da ist doch der Kerl immer noch. Bringt ihn von der Straße!” – Ja, das ist wahrlich aktuell. Aber auch das, was er über das Funktionieren der Staaten sagt, und seine Angst vor dem Vergessen. Danke, dass du an den längst Vergessenen erinnerst.

        Gefällt 1 Person

  2. barbarabosshard schreibt:

    wider das vergessen – immer und immer wieder – dies ist dringend wichtig.

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Blogbummel Februar 2016 – 2. Teil – buchpost

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