Noch mehr Damen ohne Anhang

Schrimpf_Mädchen am fenster 3

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Schrimpf_Mädchen am Fenster

 

„Ach, ihr Frauen! Ihr seid doch immer zur Stelle, wenn irgendwo was los ist!“ Das war die Stimme von Mr. Mallett, einem unserer Kirchenältesten, und bei dem schelmischen Ton schrak ich schuldbewusst zusammen, fast als hätte ich kein Recht, vor meiner eigenen Haustür entdeckt zu werden.

„Da ziehen wohl neue Mieter ein? Die Anwesenheit eines Möbelwagens dürfte jedenfalls darauf schließen lassen“, fuhr er hochtrabend fort. „Ich nehme an, Sie wissen darüber genau Bescheid?“

„Nun ja, so etwas erfährt man ja für gewöhnlich“, sagte ich, etwas gereizt durch seine Mutmaßung. „Es ist ziemlich schwer, von solchen Dingen nichts mitzubekommen.“

Vermutlich muss eine ledige Frau von etwas über dreißig, die allein lebt und offensichtlich ohne feste Bindungen ist, damit rechnen, sich in anderer Leute Angelegenheiten verwickelt oder an ihnen interessiert zu sehen, und wenn sich noch dazu um eine Pfarrerstochter handelt, ist sie wohl wirklich ein hoffnungsloser Fall.

Barbara Pym_Excellent Women (Vortreffliche Frauen)

 

Habe ich euch neulich Damen ohne Anhang aus der viktorianischen Zeit vorgestellt, geht es nun in das Nachkriegsengland, Ende der vierziger Jahre.

Die alleinstehende Hether Lathbury hat ihr ganzes bisheriges Leben im Dunstkreis der Kirche verbracht. Aufgewachsen in einem Pfarrhaus, arbeitet sie nun halbtags bei einer Wohltätigkeitsorganisation, die sich um ältere Damen kümmert. In ihrer Freizeit engagiert sie sich in ihrer Gemeinde, schmückt die Kirche, hilft bei Kirchenbasaren – alles unentgeltlich selbstverständlich – und besucht ihre Freunde, den Pfarrer Julian Malory und dessen Schwester Winifred. Die Urlaube verbringt sie mit ihrer ebenfalls unverheirateten Freundin Doris, einer Lehrerin. Dann besichtigen sie Kirchen und Abteien. In ihrer Jugend gab es ein, zwei keusche Lieben zu Vikaren, später dann zu einem Bankangestellten und Laienhelfer. Auch der Pfarrer Malory wäre ein Kandidat, zumindest in den Augen der Gemeinde.  Aber die große Leidenschaft ist nicht dabei.

Ihr Leben ändert sich, als die Eheleute Napier Nachbarn werden, mit denen sie das Bad und die Frage nach dem Nachschub von Toilettenpapier teilt. Sie, eine eheunzufriedene Anthropologien, er ein ehemaliger Marineoffizier mit Schlag bei den Frauen – auch bei Hether, was sie natürlich nie zugeben würde. Schnell avanciert sie zur verständnisvollen Freundin, der man jederzeit das Herz ausschütten und unangenehme Aufgaben übertragen kann.

Auch ein weiterer Ehekandidat in Gestalt des Anthropologen Everard Bone (!) taucht auf. Pfarrer Malory wird wieder akut, nachdem er eine kurze Beziehung zu der kapriziösen Allegra Grey beendet hat. Für wen sie sich entscheidet, lässt Barbara Pym offen.

In einem anderen Buch „Jane und Prudence“ wird (laut wiki) erwähnt, dass die nette Miss Lathbury einen Anthropologen geheiratet hat. In „Less Than Angels“ erinnert sich Esther Clovis (auch eine Figur aus den vortrefflichen Frauen), dass „Everard eine ziemlich langweilige Frau hatte, die dennoch eine große Hilfe bei seiner Arbeit war, die Tochter eines Geistlichen, die sich von Natur aus sehr gut verstehen würde mit den Missionaren, die sie jetzt treffen würde, wo sie wieder in Afrika waren.“

Ironisch und mit unterschwelliger Bosheit erzählt Barbara Pym von alleinstehenden Frauen, die sich gern in die Angelegenheiten anderer Leute einmischen und ein Leben aus zweiter Hand führen. Wobei sich Hether Lathbury dessen sehr wohl bewusst ist und „hingebungsvoll ihr Image als graue Maus pflegt“ (Klappentext).

Der Ausdruck „vortreffliche Frauen“ ist ironisch gemeint für die Art von Frauen, die niedere Aufgaben im Dienst der Kirchen und gemeinnützigen Organisationen durchführen. Und die abends einsam ein kleines Kotelett verzehren und dann beim Stricken dem Samstagabendhörspiel zuhören. Oder hinter der Tür die Vorgänge im Hausflur belauschen. Und einsam bleiben.

„Nicht die vortrefflichen Frauen wurden geheiratet, sondern Frauen wie Allegra Gray, die nicht nähen konnte, oder Helen Napier, die den ganzen Abwasch stehen ließ.“ (Hether Lathbury)

Barbara Pym, beschnitten

 

 

 

 

 

 

 

Barbara Pym

 

Barbara Pym (1913 – 1980) hat zwölf Romane geschrieben und war nach frühen Erfolgen in den fünfziger Jahren fast völlig vergessen. Ihre Romane über den unspektakulären Alltag unverheirateter Frauen in mittlerem Alter passten nach Ansicht der Verleger nicht mehr in die Zeit der 60er Jahre. Es folgte eine lange Phase von Selbstzweifel, Resignation und der Überlegung, nur noch für einige gute Freunde schreiben zu wollen. 1971 schließlich wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert. Doch die Situation änderte sich, als die Literaturbeilage der Times 1977 die Ergebnisse einer Umfrage unter Experten bringt: Sowohl Philip Larkin als auch Lord David Cecil nennen, unabhängig voneinander, Barbara Pym als die am meisten unterbewertete Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts. Sofort erhob sich ein unglaublicher Medienrummel: die lange vergriffenen Romane der 1950er Jahre wurden neu aufgelegt und erscheinen erstmals auch in den USA. Sie genießt die späte Anerkennung, aber viel Zeit blieb ihr nicht. Anfang 1980 starbt sie an Krebs.

 

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Vortreffliche frauen

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Über perlengazelle

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Eine Antwort zu Noch mehr Damen ohne Anhang

  1. SätzeundSchätze schreibt:

    Kleine Koteletts (mit grünem Beilagensalat und einer Kartoffel) und Samstagabendhörspiel: Das hört sich nun freilich nicht vortrefflich an. Aber Du machst auf diese „unterbewertete“ Schriftstellerin sehr neugierig – vortrefflich!

    Gefällt 1 Person

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