Damen ohne Anhang

Piero Marussig_Damen im Café

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pietro Marussig_Donne Al Caffè

 

„Wussten Sie, dass es in diesem unserem glücklichen Land eine halbe Million mehr Frauen als Männer gibt?“ (…)

Rhoda musste lachen, als sie den entsetzten Blick sah. “ So ungefähr schätzt man jedenfalls. So viele überzählige Frauen, die niemals einen Partner finden werden. Pessimisten halten ihr Dasein für nutzlos, vertan und vergeudet. Ich natürlich – die ich selbst eine von diesen Frauen bin – sehe das anders. Ich halte sie für eine große ‚Reserveeinheit‘. Wenn eine Frau in den Ehestand tritt, rückt eine von ihnen in die Arbeitswelt nach: Zugegeben, sie sind noch nicht alle ausgebildet – davon sind wir noch weit entfernt. Ich möchte mithelfen … die Reserve auszubilden.“

„Aber verheiratete Frauen sind doch nicht untätig.“, protestierte Monica ernsthaft.

„Nicht alle. Etliche von ihnen schwingen den Kochlöffel und schaukeln Wiegen.“

„Die überzähligen Frauen“ (The Odd Women)_George Gissing

 

Eine ganze Reihe von „überzähligen“ Frauen stellt der Engländer George Gissing in dem 1893 erschienen Roman vor. Das sind Frauen, die aufgrund fehlender Mitgift und/oder mangelnder Schönheit kaum Aussicht auf einen Ehepartner haben – die Konkurrenz ist einfach zu groß. Die Möglichkeiten, eine leidlich bezahlte Arbeit zu finden, sind begrenzt. Während die einen sich als Hauslehrerin oder Gesellschafterin mehr recht als schlecht durch’s Leben schlagen, in ärmlichen Pensionen wohnen, ihre Kleider etliche Male ausbessern, so viel wie möglich am Essen sparen, setzen andere alles daran, sich doch noch einen Mann zu angeln. Sie werden krank wegen der schlechten Ernährung oder der sehr schweren Arbeit oder fangen an zu trinken. So wie Alice und Virginia  und Monica Madden, drei von fünf fast mittellosen Schwestern. Die anderen drei sind früh gestorben.

Monica, der jüngsten Schwester, der „Hübschesten“, werden die größten Chancen eingeräumt, einen Gatten zu finden. So ist es nicht verwunderlich, dass sie eine Zufallsbekanntschaft, den viel älteren Edmund Widdowson, erhört – „ein ältlicher Mann, mit grauen Backenbart und eher strengem Gesicht,“ aber gut gekleidet, mit einer goldenen Uhr und andere Zeichen des Wohlstands. Er scheint die Lösung ihrer Probleme zu sein, Liebe ist nicht im Spiel. Doch Widdowson verfolgt sie mit seiner Eifersucht, beobachtet sie, macht ihr Szenen, will sie von all ihren Bekannten und deren Einfluss fernhalten. Tief frustriert sucht sie ihr Heil in einem anderen Mann, der sich aber zurückzieht, als es ernst wird. Sie stirbt im Kindbett.

Rhoda Nunn, eine Jugendfreundin der Schwestern, und ihre Freundin Miss Barfoot, beide unverheiratet,  nehmen dagegen ihr Schicksal in die Hand und bilden ledige Frauen zu Bürofachkräften aus, ein Berufszweig, der damals noch eine Domäne der Männer war. Rhoda ist strikt gegen die Ehe: „Ich behaupte, dass die überwiegende Mehrheit der Frauen ein vergebliches und elendes Leben führen, nur weil sie heiraten.“ Doch als sich ein ernsthafter Heiratskandidat für Rhoda zeigt, muss sie ihre Grundsätze überdenken. Letztlich entscheidet sie sich aber gegen die Ehe.

Alice und Virginia Madden arbeiten in schlecht bezahlten Jobs als Gesellschafterin oder Hauslehrerin und träumen immer wieder davon, es Rhoda gleichzutun und eine Schule zu eröffnen, doch es bleibt nur eine vage Idee, ein Luftschloss – es fehlt ihnen an Entschlusskraft und Energie. Virginia verfällt dem Alkohol und begibt sich in eine Suchtklinik. Nach Willen ihres Schwagers Widdowson soll Alice Monicas Kind aufziehen und hat damit ihre Lebensaufgabe gefunden. Und immer noch träumt sie von der Schule, die sie zusammen mit ihrer Schwester Virginia nach deren Rückkehr eröffnen will.

„The Odd Women“ ist einer der wenigen viktorianischen Romane, der mit der Frauenbewegung sympathisiert, sie in seinen Figuren porträtiert und damit den Stand der Frauenbewegung reflektiert. In den 1880er Jahren wird die Frauenfrage zum zentralen Punkt der Geschlechterdiskussion.  Industrialisierung, Urbanisierung und immer kleinere Familien machen es immer weniger wahrscheinlich, dass arme, unverheiratete Frauen von ihren Verwandten aufgenommen werden.

„In The Odd Women gibt es nicht eine einzigen Hauptcharakter, dessen Leben nicht ruiniert durch zu wenig Geld, oder indem man es zu spät im Leben bekommt, oder durch den Druck der sozialen Konventionen, die offensichtlich absurd sind, die aber nicht in Frage gestellt werden … in jedem Fall liegt der letzte Grund für die Katastrophe im Gehorsam des akzeptierten sozialen Code oder im nötigen Geld, um ihn zu umgehen.“, schreibt sein Freund George Orwell in einem Essay über Gissing.

 

 george GissingGeorge Gissing (1857 – 19o3) stammt aus einem bildungsbürgerlichem Elternhaus.  Er war Lehrer, Erzieher und Schriftsteller. Eine akademische Karriere scheitert daran, dass er des Diebstahls überführt wurde – angeblich für eine Prostituierte, die er von der Straße weg bringen wollte. Diese heiratet er, trennt sich aber von ihr aufgrund ihrer Trunksucht. Auch seine zweite Ehe scheitert – sie ist ebenfalls eine Alkoholikerin und leidet an Syphilis. Erst in Gabrielle Fleury, die einen seiner Romane ins Französische übersetzen will, findet er eine ebenbürtige Frau, die seinen geistigen Ansprüchen genügt.

Vorbild für die Schwestern Virginia und Alice Madden sind seine beiden Schwestern, die trotz guter Schulbildung sehr zu seinem Verdruss ein unzufriedenes, allerdings finanziell einigermaßen abgesichertes Leben führen mit gelegentlichen Versuchen, Haus- oder Schulunterricht zu erteilen, nicht geneigt, mehr aus ihrem Leben zu machen. Clara Collet, die als erste Frau im Fach politische Ökonomie das University College in London abschließt, nimmt nach der Lektüre von „The Odd Women“ Kontakt zu ihm auf. Er verarbeitet im Roman die Probleme literarisch, die sie aus ihren soziologischen Untersuchungen kennt.

Zeitlebens kämpft er mit finanziellen Problemen. „Ich würde etwas darum geben, könnte ich in irgendeine geregelte Stellung kommen, um dann nachts ins Bett gehen zu können und deutlich zu wissen, woher am nächsten Tag das Essen kommt.“, schreibt er an seine Familie. Überarbeitet und von schlechter gesundheitlicher Konstitution stirbt er mit 46 Jahren an einer Erkältung, die er sich bei einer Winterwanderung zugezogen hat, im Hause seines engsten Freundes H. G. Wells, wo er sich erholen wollte.

Erst posthum wird er entdeckt. Virginia Woolf gibt 1929 eine Auswahlausgabe seiner Werke heraus.

 

„Mein Forderung nach weiblicher `Gleichheit` bedeutet schlicht, dass ich davon überzeugt bin, dass es keinen sozialen Frieden gibt, bevor nicht die Frauen intellektuell genauso ausgebildet sind wie die Männer. Mehr als die Hälfte ihres Lebensjammers beruht auf der Unwissenheit & dem kindischen Wesen der Frauen. Die durchschnittliche Frau ähnelt, in allen geistigen Belangen, ziemlich genau dem durchschnittlichen männlichen Idioten – ich äußere mich medizinisch. Dieser Zustand ist zurückzuführen auf den Bildungsmangel, in jeder Bedeutung des Wortes. Unter unseren englischen emanzipierten Frauen gibt es einen Großteil bewundernswerter Personen; sie haben keinen einzigen Vorzug ihres Geschlechtes verloren, &  sie haben enorm auf der intellektuellen (& und sogar auf der moralischen) Seite gewonnen durch den Prozess der Aufklärung – will heißen der Gehirnentwicklung. Ich werde rasend wegen der krassen Blödheit der typischen Frau. Dieser Typ muss verschwinden – oder jedenfalls zweitrangig werden. (…)“ schreibt Gissing 1893 an einen Freund.

 

Weiterlesen:

Die überzähligen Frauen

 

 

 

 

 

 

 

 

https://de.wikipedia.org/wiki/George_Robert_Gissing

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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4 Antworten zu Damen ohne Anhang

  1. eimaeckel schreibt:

    Sehr interessant. Klingt aber auch niederschmetternd. Werde mal versuchen, das englische Original zu kriegen. Ich liebe ja das umständliche Englisch aus dieser Zeit.

    Gefällt mir

  2. perlengazelle schreibt:

    Nur zu! 🙂
    Das Buchnachwort erwähnt noch „Ann Veronica“ von H. G. Wells, erschienen 1906. Soll radikaler sein als „The Odd Women“. https://en.wikipedia.org/wiki/Ann_Veronica
    Könnte auch interessant sein …

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  3. Stefanie schreibt:

    Interessant, ich kannte weder Autor noch Werk. Danke für den Tipp!

    Gefällt 1 Person

  4. wildgans schreibt:

    . Ich werde rasend wegen der krassen Blödheit der typischen Frau.
    Dieser Satz regt mich auf.
    Die so schnell rasend werdenden Herren haben wohlfeilen Anteil daran.
    Das Bild ist gut. Wie sie schauen…
    Gruß von Sonja

    Gefällt 1 Person

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