10.00 – 10.05 Uhr

Er  [d.i. der Minister für Volksbildung der DDR und Abgeordneter der Volkskammer Fritz Lange] brüllte, Blödsinn, das könnten wir jemandem erzählen, der sich die Hose mit der Kneifzange anziehe. Hier gehe es um einen oder mehrere Rädelsführer. Er verlange, dass sich die Klasse von diesem oder diesen distanziere, die die Schweigeminute für die ungarischen Konterrevolutionäre organisiert hätten. Wir sollten ihm nichts von Puskás erzählen, hier seinen ganz andere Elemente am Werk, die sich auf die Seite des Klassenfeindes gestellt hätten. Was wir ihm sagen würden, das könne doch keiner glauben, die ganze Klasse könne sich doch nicht auf die Seite des Klassenfeindes stellen.

Dietrich Garstka_ Das schweigende Klassenzimmer

 

Budapest, 23. Oktober 1956

Der ungarische Volksaufstand beginnt mit einer friedlichen Großdemonstration der Studenten der Universitäten in Budapest, die demokratische Veränderungen forderte.

Die Regierung ließ am Abend in die schnell wachsende Menge schießen, daraufhin brach der bewaffnete Kampf aus.

Storkow, Mark Brandenburg, DDR, 29. Oktober 1956

Als der freie Rundfunksender im amerikanischen Sektor Berlin (Rias), der in der DDR nicht gehört werden durfte, zu Schweigeminuten für den Toten der Revolution aufrief, entschließt sich die Abiturklasse der Kurt-Steffelbauer-Oberschule spontan, die ersten fünf Minuten im bevorstehenden Geschichtsunterricht nichts zu sagen. „Wir wollten Flagge zeigen gegen die Scheiß-Russen.“ Der Aufstand des 17. Juni ist allen gegenwärtig.

30. Oktober 1956

Das (falsche) Gerücht, die ungarische Fußballlegende Ferenc Puskás sei getötet worden, kursiert. „Wir waren stinksauer und haben gedacht ,Diese Schweine`“. Mit einer Minute  protestieren sie erneut schweigend.

10. November 1956

Erste Reaktionen. Der Leiter der Schule, der Partei- und FDJ-Sekretär der Schule, sowie der Vertreter des Kreisschulamtes in Beeskow verhören die Schüler einzeln.

13. Dezember 1956

DDR-Volksbildungsminister Fritz Lange erscheint persönlich in der Klasse. Er will den Klassenfeind entlarven, droht den jungen Leuten unverhohlen, wer den konterrevolutionären Putsch in Ungarn verteidige, dem werde er „mit der blanken Faust die Fresse polieren, dass er sich dreimal überschlägt“.

Er stellt ein Ultimatum: Binnen  einer Woche muss der Rädelsführer genannt werden, andernfalls wird die Klasse vom Abitur ausgeschlossen.

 

Dietrich Garstka, einer der Schüler, hat die Geschichte seiner Klasse aufgeschrieben, hat Interviews mit den Beteiligten geführt und in Archiven gewühlt. Er beschreibt die Versuche, die Schüler gegeneinander auszuspielen, die Eltern unter Druck zu setzen. Eine Flut von Untersuchungen, Verhören, Beschimpfungen und Drohungen bricht über die jungen Leute herein. Garstka zitiert Aktennotizen und Briefe, die das „Krisenmanagement“ der Lehrer und Funktionäre dokumentieren.  Doch gegen alle Drohungen und Erpressungen halten Schüler und Eltern zusammen. Niemand will sich von diesem konterrevolutionären Akt distanzieren. Niemand verrät den „Rädelsführer“, an dem man stellvertretend  ein Exempel hätte statuieren können.

15 der 20 Schüler beschließen am 23. Dezember,  gemeinsam nach Berlin zu fliehen. Sie sehen für sich keine berufliche Zukunft mehr in der DDR. Die Grenze ist zu der Zeit noch offen. Im hessischen Bensheim wird für die Primaner aus dem Osten bald darauf eigens eine Klasse in einem Internat eröffnet, wo sie ihr Abitur machen.

40 Jahre später treffen sich die Schüler in Storkow wieder. Wer die Aktion damals nach oben gemeldet hat, ist aus Akten ersichtlich, wird aber auf Wunsch von Verwandten nicht genannt.

Dietrich Garstka studierte Germanistik, Soziologie und Geographie und ist Lehrer geworden. Als junger Referendar unterrichtete er meinen Mann in Essen. Seine Geschichte haben wir erst später erfahren. Das Buch ist ein spannender Bericht über ein Stückchen DDR-Geschichte vor dem Mauerbau – und über Zivilcourage. Als Held fühlt Garstka sich aber nicht. „Wir waren nicht viel anders als andere, vielleicht nur ein bisschen wacher.“

 

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Über perlengazelle

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2 Antworten zu 10.00 – 10.05 Uhr

  1. Kastanie schreibt:

    Danke für diesen Beitrag. Darüber hatte ich noch nie etwas gehört, obwohl ich mich, vor allem natürlich auch aus eigenen biografischen Gründen, sehr für DDR-Geschichte interessiere. Das Buch werde ich auf jeden Fall lesen!

    Gefällt 1 Person

  2. perlengazelle schreibt:

    Garstka erzählte uns, dass es eine Menge Anfragen bezüglich einer Verfilmung gegeben hat. Jetzt habe ich gelesen, dass MDR/ARD/Degeto wahrscheinlich im Herbst/Winter anfangen wollen zu drehen.

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