Eine Art Familientreffen

1 Hemd Nacht, 1 Hemd Tag, 2 Pr. Strümpfe, 1 Schlüpfer, 1 Strumpfhalter, 3 Kleider, 1 Leibchen, 1 Sommermantel, 1 Unterrock, 2 Paar Lederhalbschuhe, 1 Schlafanzug.

„Sachenverzeichnis“ – Hauptbuch 428; Krankenakte der Dora Margarete Marianne Schönfelder

 

Gerhard Richter_tante marianne

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gerhard Richter_Tante Marianne

 

Im Jahr 1965 malte Gerhard Richter nach einem Photo aus dem Jahr 1932 ein mit Tante Marianne benanntes Ölgemälde. Es zeigt den Maler als Säugling im Vordergrund auf einem Tisch und zwei weißen Kissen liegend mit seiner damals 14-jährigen Tante.

Marianne Schönfelder, die Schwester von Gerhard Richters Mutter Hildegard Richter, erkrankte wenige Jahre nach dieser Aufnahme an Schizophrenie. Nach einer Begutachtung 1937 wurde sie mit 19 Jahren zunächst in eine Privatklinik, dann 1938 in die Sächsische Psychiatrische Landesanstalt Arnsdorf in der Nähe von Dresden gebracht. Sie war zuvor erfolglos mit Schockbehandlungen traktiert worden. In ihrer Krankenakte stand hinter dem Namen eine rote 14, laut Diagnosetabelle die Kennziffer des „Schizophrenen Formenkreises“, landläufig „Spaltungsirresein“. Das bedeutete im SS-Staat das Todesurteil. Bei der Erstuntersuchung in Arnsdorf antwortete sie auf die Frage: „Was wissen Sie von Hitler?“  „Ich will gern dieses für mich behalten.“

Nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“  verfügte das „Erbgesundheitsgericht“ Mariannes „Unfruchtbarmachung“; die 21-Jährige wurde zwangssterilisiert. Richters Opa Alfred bat, den Eingriff durch die Dresdner Frauenklinik vornehmen zu lassen, ein Brief des Fürsorgeamtes bekräftigte den Wunsch nach „Überführung“ ins Krankenhaus Friedrichstadt, Operationskosten würden erstattet. Direktor der Frauenklinik am Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt und verantwortlich für ca 900 Zwangssterilisationen war der Gynäkologe Heinrich Eufinger. Eufinger engagierte sich stark in der SS und machte Vorschläge zur Rassenpolitik. Die Führung des NS-Staates hatte Vertrauen zu ihm, er behandelte diverse Frauen von führenden Repräsentanten des Staates. Nur Tante Mariannes schlechter Gesamtzustand verhinderte, dass sie wie geplant auf Eufingers OP-Tisch landete. Stattdessen wurden am 7. Dezember 1938 direkt imArnsdorfer Heim „die Eileiter unterbunden und teilweise reseziert (Leibschnitt)“.

Sie starb  am 16. Februar 1945 im Zuge der so genannten „wilden Euthanasie“ in der Sächsischen Landesheilanstalt Großschweidnitz. In dieser Tötungsanstalt wurden in der sogenannten „Aktion Brandt“  über 5000 Patienten ermordet. Todesursachen waren vor allem die Überdosierung von Medikamenten („Luminalschema“), systematische Unterernährung („E-Kost“ = „Euthanasiekost“) und unzureichende Pflege in ungeheizten Räumen. „Schweidnitzer Vitaminkur“ hieß es auch in Großschweidnitz – eine Kombination von Mangelkost und Medikamentenüberdosierung.

Die sogenannte „(Sonder-)Aktion Brandt“ diente dazu, angeblich dringend benötigte Bettenplätze für Ausweichkrankenhäuser und Lazarette zu schaffen – bzw. sie gab vor, „feindbomben“-gefährdete Abteilungen in weniger bedrohte Anstalten zu evakuieren. Der Gedanke, dass ein Kriegsverletzter ohne Bett sei, weil dieses Bett ein Geisteskranker belege, sei ihm unerträglich, hieß es von Hitler. Wohl ein Vorwand für eine weniger auffällige andere und neue Form der dezentralen Krankentötung.

Für die Methode zur Tötung der in andere Anstalten verlegten Geisteskranken hatte der bereits bei der Aktion T4 als Obergutachter Hermann Paul Nitsche fungiert, der schon 1940 das sogenannte „Luminalschema“ entwickelt hatte. Eine leichte Überdosierung dieses Schlafmittels sollte die Verlegungspatienten unauffällig töten. Nitsche war Direktor der Heil- und Pflegeanstalten Leipzig-Dösen und Pirna-Sonnenschein.

„Das geschah dadurch, daß einmal oder mehrfach den Kranken gewöhnlich zweimal 0,3 Gramm täglich Luminal, eine an sich zulässige, bei schwachem Zustand jedoch für manchen Kranken zu hohe Dosis – manchmal auch dreimal 0,3 Gramm Luminal verabreicht wurde.“

Marianne wurde in einem Massengrab vor Ort beigesetzt. Am 9. März 1945 teilte Anstaltspfarrer Axt Mariannes Mutter mit, ihr Kind sei an einer „plötzlichen Kreislaufstörung“verstorben. „Wollen Sie, sehr geehrte Frau Schönfelder, aber auch bedenken, dass der Tod … dieser die Erlösung von einem … nicht mehr lebenswerten Dasein gebracht hat.“ Er habe die Trauerfeier gehalten, „sie war in unserer schönen Kapelle mit großer Sorgfalt aufgebahrt. Auch lagen eine Reihe Kränze auf ihrem Sarge.“ Richters Oma bleibt nichts anderes, als per Postanweisung 12,50 Mark für „zweimalige Grabpflanzung“ zu schicken. Die Beerdigung kostete 70,10 Mark.

Richter selbst wusste eher vage etwas vom Schicksal seiner ermordeten Tante, die ihm in der Familie als Drohbild vorgehalten wurde. „Immer, wenn ich etwas ausgefressen hatte, hieß es, du endest noch einmal wie die närrische Marianne.“

 

 

Gerhard Richter_Familie am Meer

 

 

 

 

 

 

 

 

Gerhard Richter_Familie am Meer

 

Richter Bild „Familie am Meer“, gemalt 1964, zeigt einen Urlaubs-Schnappschuss von 1936. Zu sehen sind Richters erste Ehefrau Marianne Eufinger als Kind (links mit Badekappe) mit ihren Eltern und dem Bruder. Der Vater im Hintergrund war Heinrich Eufinger, der furchtbare Frauenarzt.

In den 50er Jahren lernte Richter Marianne (genannt Ema) Eufinger kennen und heiratete sie 1957. Vermutlich ohne zu wissen, wer denn sein Schwiegervater Heinrich Eufinger gewesen war und wie nahe er seiner Tante Marianne gekommen war. Man sprach in der Schwiegerfamilie nicht über die Vergangenheit, machte die Augen, wollte nichts wissen.

Der ehemalige SS-Obersturmbannführer hatte die Nazi-Zeit fast unbeschadet überstanden: Nach dem Ende der NS-Herrschaft verlor Eufinger seine Stellung, auch seine Approbation wurde ihm entzogen. Von November 1945 bis September 1948 wurde Eufinger durch die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) im Speziallager Mühlberg in Sachsen interniert, der „Russen-Hölle“. Haftgrund: „SS-Obersturmbandführer“ Als leitender Arzt rettete er der Frau des sowjetischen Lagerkommandanten bei einer komplizierten Geburt das Leben. Nach seiner Entlassung wurde in Dresden ein Ermittlungsverfahren wegen schwerer Körperverletzung, Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisation und wesentlicher Förderung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft eingeleitet. Das Verfahren wurde jedoch von der Volkspolizei eingestellt. DieKripo hielt fest: Eufinger werde von den Sowjets „als Kapazität gedeckt“, ein Verfahren gegen ihn scheine noch nicht erwünscht, von den „vorliegenden Belastungen“ (gemeint: Zwangssterilisierung) hätten die Besatzer  keine Kenntnis. Sie entlassen ihn Ende 1948, strafrechtlich bleibt er ungeschoren. Eufinger durfte wieder als Arzt praktizieren. Er wurde zunächst Chefarzt der Gynäkologischen Abteilung der Klinik Burgstädt bei Chemnitz (von 1953 bis 1990 Karl-Marx-Stadt), später in Oldenburg. Starb hochgeachtet.

Richter_Werner Heyde

 

 

Zeitgleich zu dem Bild „Tante Marianne“ malte Richter Werner Heyde. Das Bild hat  die Verhaftung des hauptverantwortlichen SS-Arztes für die Massenmorde an körperlich und geistig behinderten Menschen zum Thema.

Werner Heyde war Professor für Psychiatrie und Neurologie an der Universität Würzburg, Leiter der medizinischen Abteilung der „Euthanasie“-Zentrale und Obergutachter der Euthanasie-Aktion T4 während der Zeit des Nationalsozialismus. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges konnte Heyde unter dem Pseudonym Fritz Sawade mehrere Jahre als Arzt praktizieren. Fünf Tage vor der Eröffnung des Prozesses wegen seiner Verbrechen beging Heyde 1964 Suizid. Hermann Paul Nitsche war Heydes Stellvertreter in der „Reichsarbeitsgemeinschaft für Heil- und Pflegeanstalten“(RAG), eine Tarnorganisation zur Verschleierung der Verantwortlichkeit von Staats- und Parteidienststellen. Er wurde als beteiligter Arzt an Tötungen in den Anstalten Leipzig-Dösen und Pirna-Sonnenschein nach dem Krieg zum Tod verurteilt und hingerichtet.

Das Bild „Tante Marianne“ bekam anlässlich der Versteigerung eine weltweite Berichterstattung – Richters Werke sind auf dem Kunstmarkt die teuersten eines lebenden Künstlers.  Der Maler hat die Euthanasie als einer der ersten bildenden Künstler in der Nachkriegszeit behandelt, und mit dem Gemälde Tante Marianne den Opfern der Euthanasie ein Gesicht gegeben.

Richter selbst meinte zu seinem Interesse an solchen Recherchen: „Da sind Familiengeschichten, die im Nachhinein richtig gestellt und damit verständlicher werden, oder solche, die überhaupt erst ans Licht gebracht werden. Und auf diese Weise können diese Bilder von Tante, Onkel, Vater und so weiter im Nachhinein eine zusätzliche Bedeutung erhalten.“

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