Der große Eistaucher

Polarmeer 002

Die Arktisreise der Hope 28. Februar – 11. August 1880

 

Er war jung und brauchte das Geld. Als der zwanzigjährige Medizinstudent Arthur Conan Doyle im Jahre 1880 das Angebot bekam, als Schiffsarzt für ein halbes Jahr auf dem Walfänger „S. S. Hope“ zu reisen, konnte er nicht widerstehen. Eine gute Portion Abenteuerlust, und der Wunsch, Zeit zum Schreiben zu haben, kamen dazu. Er hatte bereits eine Kriminalgeschichte veröffentlicht und war begeistert, dafür 3 Guineen erhalten zu haben. Auch konnte er sich auf diese Weise noch ein Weilchen vor den anstehenden Prüfungen drücken. Zu seinem Glück waren seine begrenzten medizinischen Kenntnisse (er war im dritten Studienjahr) nicht so sehr gefragt – vielmehr sollte er in erster Linie als Sekretär des Kapitäns John Gray, „einem aufrechten Schotten“,  tätig sein, das Logbuch schreiben und ihm Gesellschaft leisten, da dieser auf Grund der großen Standesunterschiede wenig Kontakt, außer bei Dienstgesprächen, zum Personal hatte, und der sich deshalb wohl ein bisschen einsam fühlte.

Zu dieser Zeit ging das Walgeschäft zurück. Der Bestand war drastisch reduziert. Nichtsdestotrotz war das Fischbein des Bartenwals immer noch heiß begehrt – wurden daraus doch Korsetts gefertigt, unverzichtbar für die Dame von Welt – und das Öl brachte ebenfalls einen beträchtlichen Gewinn. Kapitän John Gray, der aus einer damals bekannten Walfängerdynastie stammte und vorausschauend auf die Herausforderungen der schwindenden Walpopulation reagierte, dachte über Schutzmaßnahmen für die Tiere nach und rüstete sein Schiff zusätzlich zu den Segeln mit Dampfmaschinen aus, um noch weiter in die arktischen Gewässer vordringen zu können, den sich zurückziehenden Walen hinterher.

Bevor sie zu den Walfanggebieten gelangten, gingen sie auf Robbenjagd. Zu diesem Zweck mussten sie die Eisschollen betreten – eine überaus gefährliche Angelegenheit. Leicht konnte man ausrutschen und ins Meer fallen. Geriet man dann zwischen die Eisschollen, bestand die Gefahr, „von zwei aufeinander prallenden Schollen in zwei Hälften gehackt zu werden.“ Aus diesem Grund verbot der Kapitän Gray dem Neuling Doyle den Gang auf das Eis, womit dieser ganz und gar nicht einverstanden war. „Mein Protest war zwecklos und schließlich setzte ich mich in übelster Laune auf das Schanzkleid, ließ die Beine über Bord baumeln, während ich mit dem Rollen des Schiffs auf und ab schaukelte.“ Leider waren die Planken vereist und spiegelglatt, und so plumpste Doyle in das Wasser, verschwand zwischen zwei Eisschollen und wurde mit einem Bootshaken wieder heraus gefischt. Woraufhin der Kapitän bemerkte, „dass ich, da ich offenbar so oder so in den Ozean stürzen würde, dies ebenso gut vom Eis wie vom Schiff aus tun könnte.“ Es blieb nicht bei diesem einen Sturz: „Heute dreimal ins Polarmeer gefallen.“ Mehrmals schrappte er um Haaresbreite am Tod vorbei. „Noch lange Zeit später hing mir der Spitzname ´großer Eistaucher´nach.“

Es war ein blutiges Geschäft. Doyle sah das durchaus kritisch, aber letztendlich ging der Gedanke an den Profit vor: „Es ist eine brutale Arbeit, wenn auch nicht brutaler als die, die überall im Land für das Fleisch auf dem Mittagstisch sorgt. Und doch schienen jene schimmernden blutroten Pfützen auf dem blendenden Weiß der Eisfelder, unter der friedlichen Stille des blauen Polarhimmels, ein entsetzlicher Frevel zu sein. Doch unerbittliche Nachfrage erzeugt unerbittliche Beschaffung.“ Akribisch notierte er die Fangleistungen der einzelnen Schiffsmitglieder. Er selbst entwickelte mit der Zeit beträchtlichen Ehrgeiz – am Gewinn war er zusätzlich zu seinem Lohn mit beteiligt. So gnadenlos war der Profitkampf, dass ein Mann, der sich in den Seilen verfangen hatte und vom Wal in die Tiefe gerissen wurde, lieber geopfert wurde, als dass man die Seile gekappt und auf den Fang verzichtet hätte. Schließlich: „Der Füsch kommt der Wittfrau zugute.“

An Bord lernte Doyle das endlose Warten auf den Wal kennen, las viel und diskutierte mit den Mannschaftskameraden über Philosophie und Religion. Seiner Mutter schrieb er: „Die Männer sind gute, ehrliche Kerle und eine starke Truppe. Du kannst dir nicht vorstellen, wie autodidaktisch sie sind. Der Erste Maschinist kam letzte Nacht aus dem Kohlenloch hervor & und verwickelte mich auf dem mondbeschienen Deck in ein Gespräch über Darwinismus. Ich machte ihn gnadenlos nieder, doch dann kam er mit Colensos Kritik am Pentateuch*, und diese Runde ging an ihn. Der Kapitän ist ebenfalls ein hochgebildeter Mann.“

*J. W. Colenso war ein Theologe, der bestritt, dass die ersten fünf Bücher des Testamentes, das Pentateuch, auf historischen Fakten beruhten.

Arthur Conan Doyle_BoxkampfUm sich fit zu halten, boxte er mit Schiffskameraden und erwarb sich deren Achtung. Hatte er doch schon als Student einige Boxerfahrung gesammelt und war ihnen in Bezug auf Technik überlegen. Nach einem für ihn erfolgreichen Kampf hörte er seinen Gegner sagen: „Ehrenwort, Colin, er ist der beste Arrrrzt, den wir je hatten! Er hat mir ein blaues Auge verpasst!“ Dazu Doyle: Dies „schien mir ein bemerkenswerter Prüfstein meiner medizinischen Fähigkeiten zu sein, aber es hat mir wohl nicht geschadet.“

Eine im Gurkenglas gehaltene Meeresschnecke, die er „John Thomas“ taufte, sorgte ebenfalls für Unterhaltung. Als sie starb, schrieb er einen Nachruf: „John Thomas, verstorben am 8. Juni. Ein großer Bekanntenkreis trauert um ihn. Er war eine rechtschaffende und hochgesinnte Clio und zeichnete sich unter seinen Meeresschneckenbrüdern sowohl durch seine Geisteskraft als auch durch seine körperliche Vollkommenheit aus. (…) “

Er machte seine Sache so gut, dass der Kapitän ihm am Ende der Fahrt anbot, weiter für ihn als Schiffsarzt und Harpunier zu arbeiten.  Aber Doyle reichte es – das Risiko war ihm zu hoch. „Jenes Leben ist gefährlich faszinierend.“ Auch bekam er letztlich Gewissensbisse: „… den stummen Protest, den ich in einem von ihnen las, als das Tier in Reichweite meiner Hand sein Leben aushauchte, kann ich einfach nicht vergessen.“ Statt dessen beendete er sein Studium und ließ sich als Arzt nieder. Doch die Geschäfte liefen schlecht, die wenigen Patienten reichten nicht aus, seinen Lebensunterhalt zu sichern. Zusätzliches Einkommen bescherten ihm Vorträge und Zeitungsartikel über seine Walfangreise. Auf diese Weise knüpfte er Kontakte, die ihm in seiner weiteren schriftstellerischen Laufbahn nützlich waren. Der Grundstock für den Erfolg des Sherlock-Holmes-Schöpfers war gelegt.

 

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Doyle schrieb oft knochentrockenkomisch und mit viel understatment über die gefährliche Arbeit und das Leben an Bord. Zusätzlich gibt es von den Herausgebern eine Fülle von Informationen über den Autor und sein Werk, einen Text zur arktischen Tierwelt, zwei Essays und zwei Erzählungen von Arthur Conan Doyle selbst, die eindeutig von der Walfangreise beeinflusst sind. Auch in den Sherlock-Holmes-Geschichten tauchen unzählige Schiffe und Seeleute aller Art auf. Die Walfangreise hatte einen bleibenden Eindruck gemacht. Besonders hübsch sind die Faksimiles der Logbucheintragungen mit den Illustrationen. Das eine oder andere wiederholt sich in den Texten, aber insgesamt ist das Buch ein Schmankerl für Freunde der historischen Seefahrt und des Schriftstellers A. C. Doyle.

 

Weiter lesen:

dreimal

 

 

 

 

 

 

 

 

Und über weitere Walverwandtschaften und den Walfang im 18. Jahrhundert:

https://gazelleblockt.wordpress.com/2014/07/29/wahlverwandtschften/

 

 

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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5 Antworten zu Der große Eistaucher

  1. mannigfaltiges schreibt:

    Sehr schön.
    Danke für den Hinweis auf die „Walverwandtschaften“, das Eschels – Buch kannte ich noch gar nicht.
    lg_eab

    Gefällt mir

  2. Pingback: Sonntagsleserin April 2015 | buchpost

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