Dostojewski lieben

Fyodor_Mikhailovich_Dostoyevsky_1876Anna_Dostoyevskaya_in_1871Dostojewski 1876

Anna Grigorjewna 1871

 

 

 

 

(…) die ersten zwei, manchmal auch drei Einsätze brachten ihm Gewinne, und das Karussell aus Spielern und Schaulustigen drehte sich, umwirbelte ihn, und wieder stieg er die Steilwand hinauf zu dem ersehnten Ziel, dem Gipfel mit Kristallpalast, während irgendwo unten die bekannten Gestalten ihren erbärmlichen Reigen tanzten, doch dann begann er zu verlieren, und je mehr er sich an ein System zu halten versuchte, desto mehr verspielte er – er verwarf alle Systeme und verlor wieder – er lief nach Hause, um sich wieder Geld geben zu lassen und es noch einmal zu versuchen, verspielte aber sofort alles und lief nach Hause neues Geld holen – all das erinnerte an eine Zwangsneurose (…)

Leonid Zypkin_Ein Sommer in Baden-Baden

 

Zwei Erzählebenen erleben wir in Leonid Zypkins Roman „Ein Sommer in Baden-Baden“. Auf den Spuren von Fjodor Dostojewski liest der namenlose Ich-Erzähler (im „Jetzt“) auf seiner Fahrt von Moskau nach Leningrad, dem früheren und künftigen Sankt Petersburg, das Tagebuch von Anna Grigorjewna, der zweiten Ehefrau Dostojewskis. Gleichzeitig befinden wir uns im Jahr 1867 – die Dostojewskis haben auf ihrer Hochzeitsreise Sankt Petersburg verlassen und sind auf dem Weg über Dresden nach Baden-Baden unterwegs.

Kunstvoll miteinander verknüpft werden die beiden Ebenen, in seitenlangen Sätzen springt man hin und her, nur durch Gedankenstriche getrennt, vom Ich-Erzähler, dem quasi alter Ego von Leonid Zypkin, und seinen Recherchen, zu Dostojewski mit seiner Spielsucht und seiner Frau, die daran fast zerbricht – reale Personen treten neben Figuren aus Dostojewskis Romanen auf, man liest von Streitereien mit seiner Frau und Versöhnungen und Zwistigkeiten mit seinem ewigen Widersacher Turgenjew, Momentaufnahmen aus dem Straflager, Betrachtungen über Kunst und Literatur wechseln ab mit einer Analyse von Dostojewskis Antisemitismus.

„Ljubit Dostojewskowo“ („Dostojewski lieben“) ist der russische Originaltitel. Er bezieht sich sowohl auf den Autor Zypkin als auch auf das Verhältnis der zwanzig Jahre jüngeren Frau zu ihrem schwierigen, problembehafteten Mann, dessen privates und schriftstellerisches Leben sie organisierte.

Dostojewski hatte sich im Juni 1865 nach dem Zusammenbruch der Zeitschrift „Epocha“ in einer finanziell ausweglosen Situation befunden. Um weitere 3.000 Rubel aufzutreiben, schloss er mit dem Verleger Stellowski einen Vertrag, der ihn u. a. verpflichtete, bis zum 31.Oktober 1866 einen Roman mit einem Umfang von mindestens zehn Druckbögen abzuliefern. Nachdem er ein Jahr für diesen Roman („Der Spieler“) noch keine Zeile geschrieben hatte, engagierte er in letzter Minute am 4. Oktober eine Stenographin, die 20jährige Anna Grigorjewna, die sich aus Bewunderung für den berühmten Dichter gemeldet hatte. Mit deren Hilfe lieferte er den Roman pünktlich ab. Bei der Arbeit kamen sie sich näher.

 

Zypkin kam 1926 als Kind russisch-jüdischer Eltern zur Welt. Vater und Mutter waren beide Mediziner. Boris Zypkin, sein Vater, wurde zu Beginn des „Großen Terrors“ verhaftet. Nach einem Selbstmordversuch durfte er dank einflussreicher Freunde zurückkehren. Boris Zypkin verlor zwei Schwestern und einen Bruder und, nach dem Einmarsch der Deutschen, seine Mutter, eine weitere Schwester und zwei Neffen, die im Ghetto umkommen.  Leonid Zypkin und seine Eltern verdanken ihre Rettung einem dankbaren Patienten, der sie in einem Lastwagen versteckte. Leonid Zypkin war selbst Mediziner, Pathologe, der zu einer Arbeitsgrupe gehörte, welche die Polio-Schutzimpfung in die Sowjetunion einführte. Er hat an die hundert wissenschaftliche Aufsätze veröffentlicht, jedoch nie seine literarischen Werke. Er schrieb „für die Schublade“, für die Literatur selbst. Einerseits der Zensur wegen und der Einschüchterung, die von ihr ausging, andrerseits verbreitete er  seine Werke auch nicht im Samisdat (Verbreitung von alternativer  nicht systemkonformer Literatur auf nichtoffiziellen Kanälen), weil er auch eine Ablehnung der inoffiziellen literarischen Kreise fürchtete.

Jahrelang hatte Zypkin im Vorfeld des Romanes recherchiert und hatte Orte, die in Verbindung mit Dostojewski standen, photographiert – zu den Tages- und Nachtzeiten, wie sie in den Romanen angegeben worden sind. Er legte Wert darauf, dass alles Faktische in seinem Buch den realen Verhältnissen entsprach. Da es unwahrscheinlich war, dass sein Roman in der Sowjetunion veröffentlicht wurde, schickte er das Manuskript an einen befreundeten Journalisten, dessen Ausreise genehmigt worden war und der es aus der Sowjetunion schmuggeln konnte. Er schaffte es, den Roman bei der Nowaja Gaseta, einer in New York erscheinenden Wochenzeitung für russische Emigranten, unterzubringen. Eine Woche später starb Zypkin an einem Herzanfall.

Susan Sontag entdeckte das Buch in den neunziger Jahren in einem Kasten mit abgegriffenen Taschenbüchern vor einem Buchladen an der Londoner Charing Cross Road und hat keine Ruhe gegeben, bis das 1982 zuerst erschienene, damals aber kaum beachtete Werk, mit einem Vorwort von ihr neu publiziert wurde. Dieses Vorwort bietet eine Fülle an Informationen zum Buch und zum Verfasser. Für sie ist der Roman „eines der schönsten, anregendsten und originellsten literarischen Werke des vergangenen Jahrhunderts“.

 

„Ein Sommer in Baden-Baden“ ist ein ganz besonderes Buch. „Eine Art Schnellkurs zu allen großen Themen der russischen Literatur“ (Susan Sontag). Atemlos folgt man diesen ausufernden Sätzen, das Auge nimmt immer mehr Fahrt auf, wie auf einem reißenden Strom, man liest und liest, bis man stockt bei einem Namen, den man unbedingt nachschlagen will, geht zurück, um den Faden nicht zu verlieren, taucht wieder ein und stürmt weiter, in einem Zug bis zum Ende und möchte direkt noch einmal von vorne anfangen, bekommt Lust, Dostojewski wieder zu lesen, der verstaubt seit Jahrzehnten ganz hinten im Bücherregal steht, seinen Spieler unbedingt, der fehlt in der Sammlung, und natürlich das Tagebuch der Anna Grigorjewna. Fragt sich, wer ist diese junge Frau, die hochschwanger ihrem so viel älteren Mann folgt, der ihr ganzes Geld verspielt, ihre gesamte Habe versetzt, zum Schluss den Ehering und ihre Ohrringe und die Brosche, die er ihr zur Hochzeit geschenkt hat, und die Spitzenmantille. Und auch Turgenjew lockt zu lesen, unberührt stehen fünf Bände aus einem Nachlass seit Jahren im Regal, das gibt viel Lesestoff …

 

Weiterlesen:

Ein sommer in baden-Baden

 

 

 

Advertisements

Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Dostojewski lieben

  1. Pingback: Bücher die ich noch lesen möchte « Familienbande

  2. Muromez schreibt:

    Vielen Dank für diesen Tipp, hatte dieses Buch überhaupt nicht auf dem Schirm und es klingt gut! Den „Spieler“ habe ich eigentlich recht gerne gelesen, vor allem weil er wenig an Aktualitätsbezug verloren hat, wenn man die ganzen Casinos und Zockhallen betrachtet, die seit einigen Jahren wie Pilze aus dem Boden schießen.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s