Immer Marseille

„Aber wir sind Franzosen, du Idiot. Wir sind hier geboren. Ich kenne Algerien überhaupt nicht.“

„Du Franzose, du. Wir sind die unfranzösischten Franzosen, die es gibt. Ja, das sind wir.“

„Und wenn die Franzosen nichts mehr von dir wissen wollen, was machst du dann? Drauf warten, dass sie dich abknallen? Ich hau ab.“

„Was du nicht sagst. Und wohin, du Idiot? Hör auf zu spinnen.“

„Die können mich mal. Ich bin Marseiller. Ich bleibe hier. Punkt. Und wenn sie mich suchen, finden sie mich.“

Sie waren aus Marseille, mehr Marseiller als Araber. Mit derselben Überzeugung wie unsere Eltern. Wie Manu, Ugo und ich vor fünfzehn Jahren. Ugo hatte einmal gefragt: „Bei mir und Fabio zu Hause sprechen wir Neapolitanisch. Bei dir Spanisch. In der Schule lernen wir Französisch. Was sind wir eigentlich?“

„Araber“, hatte Manu geantwortet.

Jean-Claude Izzo_Total Cheops

 

 

In den Romanen der Marseille-Trilogie „Total Cheops“, Chourmo“ und „Solea“ von Jean-Claude Izzo geht es um Fabio Montale, anfangs Leiter einer Sondereinheit der Marseiller Polizei, die durch präventiven Einsatz in den kritischen Stadtvierteln – den Quartiers Nord – Probleme zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen verhindern soll. In der Folge muss er sich mit einen korrupten Polizeiapparat, mit der Mafia und einer Allianz aus Rechtsextremisten und islamischen Fundamentalisten auseinandersetzen.

Wie sein Protagonist Montale hat Izzo ausländische Wurzeln. Er beschrieb sich selbst als „Marseiller durch und durch. Das heißt: halb Italiener, halb Spanier mit arabischem Blut und Oliven von beiden Seiten.“ Er war lange Journalist, bevor er mit 50 Jahren begann, Romane zu schreiben. Mit 54 Jahren starb er an Lungenkrebs.

„In Marseille geboren zu werden, ist niemals ein Zufall. Marseille ist schon immer der Hafen der Exilanten gewesen […]. Woher man auch kommt, in Marseille ist man zu Hause. Auf den Straßen begegnet man vertrauten Gesichtern, vertrauten Gerüchen. Marseille ist einem vertraut. Vom ersten Augenblick an.“ (Izzo)

Die Marseille-Trilogie – geschrieben in den neunziger Jahren – ist eine Hommage an seine Heimatstadt – man folgt dem Autor durch jedes noch so kleine Gässchen, in die banlieus, in das Panier-Viertel – „das Viertel der Seeleute und Huren. Das Krebsgeschwür der Stadt. Das große Bordell. Für die Nazis, die es nur zu gern zerstört hätten, ein Herd der Entartung des Abendlandes“, in die brasseries, in den Hafen. „Für die Kinder aus bürgerlichen Familien war das Meer tabu. Der Hafen war gut für Geschäfte, aber das Meer war schmutzig. Von dort kam das Böse. Und die Pest. Sobald die warmen Tage kamen, zogen sie aufs Land. Nach Aix und Umgebung, in die Landhäuser. Das Meer überließ man den Armen.“  (Izzo)

Montale liebt den Blick von Hause auf das Meer und zum Abschalten steigt er in sein Boot, fährt auf das Meer hinaus und angelt. Marseille hat ein besonderes Licht. Immer wieder verschmelzen Himmel und Meer in verschiedenen Schattierungen, deren Vielfalt Izzo so beschreibt: „Graublau, Schwarzblau, Leuchtendblau, Tiefblau, Lavendelblau. Oder das Auberginenblau der Gewitternächte. Das Blaugrün bei hohem Seegang. Die kupfernen Blautöne des Sonnenuntergangs kurz vor dem Mistral. Oder das fast weiße Blassblau.“

Gleichzeitig stellt Izzo die französische Gesellschaft an den Pranger und hält ihr den Spiegel vor. Man begegnet Intoleranz gegenüber Fremden, Gettobildung, roher, sinnloser Gewalt, einer Polizei, die schon die Kontrolle über manche Viertel verloren zu haben scheint, dem Erstarken der Front National. Montale, ein einsamer Wolf, als Jugendlicher selbst Mitglied einer Gang kleiner Verbrecher und aus Sühne zum Polizisten geworden, scheidet resigniert aus dem Polizeidienst aus und verliert am Ende den Kampf. „Die Pest der Gegenwart ist die Mafia“, so Izzo.

 

Total Cheops_ nach Cheops, einem Mitglied der französischen Rap-Gruppe IAM. Ihr Album Sad Hill handelt vom Chaos in den französischen Vororten

Chourmo_ ein Album von Massilia Sound System, einer französische Reggae-Gruppe. Massilia ist ein alter Name für Marseille (ca 620–600 v. Chr.).

Solea_Sketches of Spain, Miles Davis

 

Weiter lesen:

Marseille

 

 

 

 

 

 

 

 

http://evakreisky.at/onlinetexte/MafiaMarseille.pdf

http://www.unionsverlag.com/info/link.asp?link_id=112&pers_id=1302&pic=../portrait/IzzoJeanClaude.jpg&tit=Jean-Claude%20Izzo

 

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Über perlengazelle

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