Ich bin eine Dichterin, ja, das weiß ich

Gertrud Kolmar / Foto - -Diese Wege im Morgengrauen, dieses tägliche Einerlei, diese Mühe (denn das ist sie) um etwas, das ich nie ganz erlerne, dieses abendliche Abgekämpftsein, all das müßt´ich als Aufgezwungenes, als Fron, als mir Widerstehendes empfinden und in meinem Innersten dagegen anrennen wie gegen eine Mauer, bis zum Blutigstoßen der Stirn; stattdessen – stattdessen fühle ich jedesmal, wenn ich die beiden Höfe durchschritten und durch den schmalen Brettertürspalt in den Saal der Großen Maschine mich dränge, mit seinem kargen dunstigen Licht, den Pappabfallhaufen und einem wegversperrenden Auto: „Wieder einmal zuhause.“ „Zuhause.“ Das ist Tatsache. Mehr zuhause als in der Speyererstraße 10. Denn da hausen meine Mieter: fremde Menschen, die meine Sachen in Besitz genommen haben, meine, unsere Sachen und mir gehört nichts mehr.

Gertrud Kolmar_Brief an Hilde Wenzel vom 15. Dezember 1942

 

Gertrud Kolmar gilt als eine der bedeutendsten deutschen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts, neben Else Lasker-Schüler, Nelly Sachs und Rose Ausländer. Themen ihrer Lyrik  sind das „Mutter-Kind-Verhältnis“, die jüdische Identität und schließlich die Französische Revolution. Es geht um die Erfahrung von Fremdheit, Ausgrenzung, Diffamierung der deutschen Juden, die sie im Bild verfolgter Tiere behandelt. Vorwiegend waren es Gedichte, aber auch Erzählungen, Schauspiele, der Roman „Die jüdische Mutter“.

Die jüdische Dichterin kommt am 10. Dezember 1894 als Gertrud Käthe Chodziesner in Berlin zur Welt. Ihr Pseudonym Kolmar legt sie sich erst 1917 zu. Es leitet sich von dem Ort Chodziez in der damaligen preußischen Provinz Posen ab, der 1878 in „Kolmar in Posen“ umbenannt wurde. Von dort stammten auch die Vorfahren ihres Vaters.

Von der Seite ihrer Mutter her war sie mit dem berühmten Essayisten, Literatur- und Zeitkritiker Walter Benjamin und mit der DDR-Justizministerin Hilde Benjamin verwandt.

Sie absolvierte ein Seminar für Sprachlehrerinnen in Berlin mit einem Diplom für Englisch und Französisch, lernte daneben autodidaktisch Russisch, arbeitete als Zensorin in dem Kriegsgefangenenlager Döberitz  bei Berlin. Danach war sie als Hauslehrerin in verschiedenen Familien, vorzugsweise bei behinderten Kindern, tätig. Ab 1928 übernahm sie wegen einer schweren Erkrankung der Mutter die Führung des elterlichen Haushalts und arbeitete daneben als Sekretärin für ihren Vater, einem erfolgreichen, der Monarchie treu ergebenen Strafverteidiger und späteren Justizrat.

!917 wurde  ihr erster Gedichtband Gedichte veröffentlicht. Ab Ende der 1920er-Jahre erschienen einzelne ihrer Gedichte in literarischen Zeitschriften und Anthologien. Walter Benjamin, ihr Cousin, unterstützte sie dabei und knüpfte für sie literarische Kontakte. Als 1934 ihr zweiter Gedichtband Preußische Wappen im Verlag Die Rabenpresse publiziert wurde, kam dieser auf eine Liste unerwünschter Verlage des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, von dem er dann boykottiert wurde. Ab 1936 durfte sie das Pseudonym  Kolmar nicht mehr benutzen. Ihr dritter Gedichtband Die Frau und die Tiere – ihre letzte Veröffentlichung zu Lebzeiten -, der im August 1938 in einem jüdischen Verlag erschien, wurde nach der Reichsprogromnacht vom 9. November 1938 eingestampft.

Speyerer Straße 10

Speyerer Straße 10

Als Gertrud Kolmar oben zitierten Brief Brief an ihre in die Schweiz emigrierte Schwester Hilde schrieb, lebte sie schon längere Zeit zusammen mit ihrem Vater in der Speyererstraße in Berlin. Ende November 1938 hatten sie ihr Haus in Finkenkrug (ihr „verlorenes Paradies“) zwangsweise verkaufen und Anfang 1939 eine Etagenwohnung in einem sogenannten Judenhaus beziehen müssen. Nach und nach mussten sie die meisten Zimmer der Wohnung an Fremde abtreten.

Ab 1941 war Gertrud zur Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie verpflichtet worden – zunächst in der Kartonagenfabrik Epeco in Lichtenberg. Es wurde dort an einer 50 m langen Fabrikationsstraße, der sogenannten „großen Maschine“, Wellpappe hergestellt, die zur Verpackung von Granaten diente. Dabei wurden mehrere Pappeschichten mit Heißleim aufeinander geleimt, was Raumtemperaturen bis zu 50° Celsius, einen ätzenden Geruch und eine hohe Belastung der Luft durch Staub zur Folge hatte, dazu kam eine hohe Lärmbelastung. Als jüdische Zwangsarbeiterin verdiente sie 20 Mark in der Woche, unter starker Einschränkung der bereits üblichen Sozialleistungen.

Trotz dieser starken Arbeitsbelastung, den zusätzlichen Haushaltspflichten, den ständigen Störungen durch ihre Mitbewohner, den immer bedrohlicheren Nachrichten, der ständigen Angst vor der Deportation, schrieb sie weiter – meist nachts – und schickt ihre Manuskripte u.a. an ihre Schwester, die sich, ebenso wie geschiedener Mann Peter Wenzel, nach dem Krieg um ihr Werk bemühte.

 

In ihren Briefen finden sich neben aktuellen Mitteilungen zahlreiche Ereignisse aus früheren Lebensabschnitten, vor allem auch aus der Kindheit, sowie längere Passagen über ihre Gedankenwelt, ihre Lektüre, ihr Dichten und ihr Selbstverständnis. Aus Angst vor Zensur werden die immer lebensbedrohlichen Geschehnisse nur angedeutet – teilweise verschlüsselt. Anrührend sind diejenigen, die sie ihrer Nichte Sabine schickte – ihrem „kleinen Ungeheuer“. Als diese Geburtstag hat, malt sie sich aus, wie sie zum Gratulieren vorbeikommt.

„(…) Nun, und dann würde ich mich in die Seifenblase wie in eine Riesenglaskugel setzen und dahinschweben über Berge, Täler und Flüsse (…) ein schon ziemlich großes Mädchen (das heißt, ganz groß ist sie noch nicht) öffnet eben zufällig die Tür. „Ach“, frage ich, „wohnt hier Frau Hilde Wenzel und Sabine Wenzel?“ „Ich selbst bin doch Sabine Wenzel.“, sagt sie. Darüber bin  ich erstaunt. „Das kann wohl nicht sein“, erklär´ ich. „Sabine Wenzel kenne ich gut – aus der Grolmannstraße; die ist noch ein kleines Kind und kein so großes Mädchen. (…) Ich bin nämlich die Tante von der Sabine: das heißt, ich habe sie niemals Sabine genannt, sondern immer bloß Ungeheuer oder Püppi — „Was!“, ruft da das große Mädchen aus. „Dann bist du ja die Tante Trude.“ Und es schaut die Mutter aus der Tür und sie freut sich und es wird gratuliert und es wird die große Puppe überreicht und es gibt Kaffee und Kuchen – und aus der Traum, denn  ´leider´ kann ich nicht zu dir hinfliegen; denn ich habe ja keine Zauberseifenblase.“ (Brief an Sabine vom 31.10.1939)

Es gab nur wenige Männer in ihrem Leben. Mit 20 Jahren hatte sie eine Beziehung zu einem Offizier. Das Kind, das sie erwartete, musste sie auf Drängen der Eltern abtreiben lassen. Sie wollte nicht, so Hilde Wenzel, „das Ansehen ihrer Eltern und damit womöglich die erfolgreiche Karriere ihres Vaters aufs Spiel setzen.“ In der Folge unternimmt sie einen Selbstmordversuch. Zeitlebens hat sie um ihr nie geborenes Kind und ihre verlorene Liebe getrauert: „Die Nacht steht draußen und die Wiege leer. / Und die sie schaukelt, eine bleiche Frau. / Trägt Strähnenhaare, schwarz und zäh wie Teer. / Vor ihrem Herzen ballt sich Grau zu Grau …“ (Wahn) Umso stärker hing sie an ihrer Nichte Sabine – quasi ein „Ersatzkind“.

Karl Joseph Keller, ebenfalls Dichter, lernte sie über zwei, im „Insel-Almanach“ im Jahr 1930 veröffentlichte Gedichte – „Die Gauklerin“ und „Die Entführte“ – kennen. Aber keiner entsprach den Vorstellungen des anderen, so dass auch die Beziehung zu Keller letzten Endes zerbrach. Man schrieb sich bis 1939. Doch er sagte ihr nicht, dass er 1937 geheiratet hatte. Zudem wollte er nicht mit einer Jüdin in Verbindung gebracht werden.

Über ihn schrieb sie: „Du irrst dich. Glaubst du, das du fern bist / Und dass ich dürste und dich nicht mehr finden kann? /Ich fasse dich mit meinen Augen an, /Mit diesen Augen, deren jedes finster und ein Stern ist.Ich zieh dich unter dieses Lid /Und schließ es zu und du bist ganz darinnen.“ (Die Verlassene)

Ende des Jahres 1941 entwickelte sich zwischen der 47jährigen und einem 21jährigen Medizinstudenten, der wie sie in der Rüstungsindustrie arbeitet, eine wechselvolle Beziehung. Dabei wusste sie wohl, dass diese, mit „ihrem Fabrikkameraden“, keine Zukunft hatte, „ein seltsames Gespann“, wie sie am 26.12.1942 schrieb. Auch hatte er sich an eine andere jüngere Kollegin enger angeschlossen.

„Ich hab‘ die Vokablen „ewig“, „beständig“, „treu“ (soweit sie auf meine Partner Anwendung finden sollten) von vornherein aus meinem Wörterbuch gestrichen. Wozu wohl auch schon der Umstand mich führte, daß ich niemals „die Eine“ war, immer „die Andere“ … „(Brief vom 1.2.1942)

Warum Gertrud Kolmar nicht emigriert ist, wird nicht ganz klar. Es gab Pläne, als Erzieherin in England zu arbeiten oder nach Vermont zu emigrieren, später dann war es Palästina. Sie hatte auch noch hebräisch gelernt, schrieb Gedichte in dieser Sprache. Diese sind nicht erhalten.

Sie wollte den alten Vater nicht allein zurücklassen. Doch waren seine hochbetagten Geschwister ausgereist, ebenso wie Gertruds Schwestern und ihr Bruder. Vielleicht ist es die tiefe Entwurzelung, die sie bei anderen Emigranten spürte. Eine Entwurzelung, die vielleicht erst die Enkel überwinden würden. Sprachliche Probleme hätte die Sprachbegabte sicherlich nicht gehabt. Zeitgenossen erzählten, dass sowohl Gertrud als auch ihr Vater eine tiefe Abneigung dagegen hatten, ihre Heimat zu verlassen. Später wurde es unmöglich zu emigrieren.

„Was mich beim Lesen so vieler Auslandsbriefe, sei’s handschriftlich, sei’s als Zeitungsabdruck, befremdet und traurig stimmt, ist die Tatsache, daß die Schreibenden eine Art „Luftleben“ führen, daß sie wurzellos umherschwanken und nicht etwa bloß jene, deren äußeres Dasein noch ungesichert ist. Nein, auch die Erfolgreichen, bei denen alles geklappt hat, und jene, die nach anfänglichem Abrutschen den steilen Hang bis zum Gipfel eines gesicherten Daseins emporgeklommen sind. Und selbst diejenigen, die ein Stück Erde bearbeiten und ihr eigen nennen – sie haben zu diesem Stück Erde nur eine äußere Beziehung des Nahrunggebens und -nehmens, aber noch keine innere. (…) Ob ein neues Geschlecht in den Boden einwachsen wird, dem die Eltern noch Fremde waren?“ (Brief vom 2.6.1941)

Schon der Umzug aus ihrem geliebten Elternhaus in Finkenkrug machte ihr sehr zu schaffen. Ihre Vorstellung war ein Rückzug in die innere Emigration, ein so reiches Innenleben, dass die äußeren Umstände ihr nichts anhaben konnten, da sie diese nicht ändern konnte. „Ich habe mich inzwischen immer tiefer in das Bleibende, das Seiende, das Ewigkeitsgeschehen zurückgezogen (dies Ewigkeitsgeschehen braucht nicht nur `Religion`, es kann auch `Natur`, kann auch `Liebe`heißen. (Brief vom 1.10.1939)

Ludwig Chodziesner 1935 schmalIhr Vater wurde im September 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und im Februar 1943 dort ermordet. Der Totenschein des Ghettos nennt verharmlosend »Darmkatarrh« und »Herzmuskelentartung « als Todesursache. Von seinem Tod erfuhr die Tochter nicht mehr.

 

 

 

Ludwig Chodziesner 1935

Sie  selbst wurde am 27. Februar 1943 im Verlauf  der „Fabrikaktion“ verhaftet und am 3. März 1943 im 32. sogenannten Osttransport ins KZ Auschwitz deportiert. Nachdem die arbeitsfähigen Menschen aussortiert sind, wurden die übrigen, darunter Gertrud Kolmar, vermutlich sofort in den Gaskammern getötet.

»So will ich auch unter mein Schicksal treten, mag es hoch wie ein Turm, mag es schwarz und lastend wie eine Wolke sein. Wenn ich schon nicht kenne: ich habe es im voraus bejaht, mich ihm im voraus gestellt, und damit weiß ich, daß es mich nicht erdrücken wird, mich nicht zu klein befinden.« (Brief vom 15. 12. 1942)

Die Sinnende

Wenn ich tot bin, wird mein Name schweben
Eine kleine Weile ob der Welt.
Wenn ich tot bin, mag es mich noch geben
Irgendwo an Zäunen hinterm Feld.
Doch ich werde bald verlorengehn,
Wie das Wasser fließt aus narbigem Krug,
Wie geheim verwirkte Gabe der Feen
Und ein Wölkchen Rauch am rasenden Zug.

Wenn ich tot bin, sinken Herz und Lende,
Weicht, was mich gehalten und bewegt,
Und allein die offnen, stillen Hände
Sind, ein Fremdes, neben mich gelegt.
Und um meine Stirn wirds sein
Wie vor Tag, wenn ein Höhlenmund Sterne fängt
Und aus Lichtgewölbs Schattenstein
Graues Tuch die riesigen Falten hängt.

Wenn ich sterbe, will ich einmal rasten,
Mein Gesicht nach innen drehn
Und es schließen wie den Bilderkasten,
Wenn das Kind zuviel gesehn,
Und dann schlafen gut und dicht,
Da ich zittrig noch hingestellt,
Was ich war: ein wächsernes Licht
Für das Wachen zur zweiten Welt.

Gertrud Kolmar_ Die Frau und die Tiere, 1938

 

Die Hellsichtige (G.C.)

Du sahst die Gedanken kreisend gehn
Wie Bilder um ein Haupt.
Der Luft hast du geglaubt,
Darin die Sterne auferstehn.

Und hattest nicht den Blindenstar
Der altgewordnen Zeit.
Wo für uns noch der Abend war,
Sahst du schon Ewigkeit.

Nelly Sachs über Gertrud Kolmar

 

weiter lesen:

Gertrud Kolmar_BriefeGetrud Kolmar: Briefe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Johanna Woltmann: Gertrud Kolmar – Leben und Werk

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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5 Antworten zu Ich bin eine Dichterin, ja, das weiß ich

  1. Arabella schreibt:

    Hier graust vor einen Stern und doch hat sie ihn, genau wie du, verdient.
    Danke für’s erinnern.

    Gefällt 1 Person

  2. Kastanie schreibt:

    Vor kurzem ist in der Lyrikreihe „Poesiealbum“ ein Heft mit Gedichten von Gertrud Kolmar erschienen. Das war für mich Anlass, mich intensiver mit ihren Gedichten, die sich mir nicht immer ganz leicht erschließen, und mit ihrem Leben zu beschäftigen. Im Moment lese ich die Biografie von Johanna Wortmann. Die Briefe interessieren mich auch. Dein Beitrag kam also für mich zur rechten Zeit. Vielen Dank. 🙂

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