Poste restante

Marie-Louise von Motesiczky_Red HatMarie-Louise von Motesiczky_elias canetti 1960 verkleinert

 

 

 

 

 

 

 

Marie-Louise von Motesiczky_Selbstporträt mit rotem Hut, Elias Canetti 1960

 

Ein junger Spatz, der aus’n Nest fallt, ein Hecht, den’s in ein‘ Körbl tragen, ein Pinsch, der ohne Halsband umlauft, das alles ist noch Gold gegen einen Liebhaber ohne Adresse.

Johann Nestroy_Das Mädl aus der Vorstadt

 

Marie-Louise Motesiczky  [Moteschitzky]  (1906–1996) stammte aus einer reichen, jüdischen, kunstbeflissenen Aristokratenfamilie aus Wien. Bekannte Musiker, Künstler und Schriftsteller waren Stammgäste in der Familie, wie Hofmannsthal, Ibsen, Johann Strauß. Ihre Großmutter, Anna von Lieben, war einer der ersten Patientinnen bei Sigmund Freud („Cäcilie M.“).  Zu ihren Verehrern gehörte Heimito von Doderer. Mit 14 Jahren lernte sie Max Beckmann kennen und war fasziniert. „Ein geflügeltes Wesen vom Mars hätte auf mich keinen größeren Eindruck machen können“, erinnerte sich Motesiczky später. Sie brach die Schule ab und widmete sich der Malerei,  studierte bei Beckmann in Frankfurt. Dieser wurde ein lebenslanger väterlicher Freund und künstlerisches Vorbild. Im März 1938 musste sie mit ihrer Mutter Henriette vor den Nationalsozialisten nach England fliehen, während ihr Bruder Karl, Psychoanalytiker und Mitarbeiter Wilhelm Reichs, der sich im Widerstand engagierte, in Österreich blieb und 1943 in Ausschwitz umkam. Zu ihrem Bekanntenkreis gehörten u. a. Oskar Kokoschka, Theodor W. Adorno und Iris Murdoch.

Motesiczky_Iris Murdoch verkleinert

 

 

 

 

 

 

M.-L. von Motesiczky_Iris Murdoch

 

Im Exil lernte sie den ein Jahr älteren Elias Canetti kennen. Obwohl sie beide aus Wien kamen, waren sie sich vorher noch nicht begegnet. Sie beginnen eine jahrzehntelange Beziehung. Sie unterstützt ihn finanziell – zunächst als Darlehen -, hat in ihrer Wohnung ein Arbeitszimmer für ihn eingerichtet. Von 1951 bis 1957 schrieb er dort an seinem Hauptwerk „Masse und Macht“.

Motesiczky CanettiEr ist «Pio», sie ist «die Muli», wird von ihm aber meist «das Muli» genannt oder in der männlichen Form, wenn er ihre Kunst lobt: «Mein lieber, lieber Maler Mulo, was für ein begabter Bursche Du doch bist!» Während er sie immer duzt, spricht sie ihn ein halbes Jahrhundert mit „Sie“ an.

 

 

 

 

 

 

Sie wird lebenslang unverheiratet bleiben, weist jeden Verehrer ab und wohnt mit ihrer Mutter bis zu deren Tod zusammen. Er hat neben seiner Ehefrau Veza (Venetiana) diverse andere Geliebte – darunter Friedl Benedikt und Iris Murdoch. Veza akzeptiert zähneknirschend diese Verhältnisse – um ihn bei (Schreib)Laune zu halten. Währenddessen wird sie von Selbstmordgedanken gequält.

Canetti hasste stabile Zweierbeziehungen. Schon 1932 schrieb er: „Vergiß auf ein Jahr, daß es Männer und Frauen gibt. Vergiß alle Paare. Wenn du ein Paar doch siehst, dann reiße die beiden auseinander. Höre die Worte nicht, die sie aneinander richten. Zieh ihnen die Haut ab, daß ihre Körper nicht zueinander finden. Befreie dich von den Paaren. Verbanne deine Weiber. Verbanne dich Mann. Daran wende deine Leidenschaft.“ 39 Geliebte listet er 1968 auf: „Ich hab sie alle stehen gelassen, alle, alle, Ursula, Kathleen, Veronica (…), alle, – weil sie Veza, Veza, Veza, Veza, Veza, überlebt haben.“

Das Verhältnis der beiden gestaltett sich schwierig. Unentwegt stellt Canetti Forderungen an Marie-Louise, seinem Muli: Geld oder Verbindungen, Verehrung und Karrierehilfe. Sie soll ihm Bücher beschaffen, die er für seine Arbeit braucht, Urlaubsunterkunft für sich und Veza.

Immer wieder schäumt er in seinen Briefen, kritisiert sie heftig, lässt kein gutes Haar an ihr. Ist rasend eifersüchtig auf jeden Mann, der in ihre Nähe kommt, selbst auf den Handwerker ihrem Haus.

Nachdem sie etwa in Sils Maria Theodor W. Adorno getroffen hat und diesem dabei sein Buch Masse und Macht offenbar nicht in seinem Sinne anzupreisen vermochte, gerät er wieder einmal außer sich: »Ich frage mich, wie Du eine solche unglaubliche Nachlässigkeit vor Dir selbst rechtfertigst. Wie viel Zeit hast Du gehabt! Mit wie viel Dummheiten Dich auf das Innigste beschäftigt! … Ich schäme mich für Dich. Aber ich fürchte, dass Du es nicht wirklich gutmachen willst. Du, ein so empfindlicher und feiner Mensch, solltest nicht fühlen, dass Du einen Vulkan an Ressentiments in mir schaffst!«

Er beschwert sich, dass sie seine Werke nicht genügend würdigt: „Die schönste und beste Zeit zwischen uns war die, als Du wirklich und ernsthaft an meinem Werk beteiligt warst, denn da wusste ich, dass Du mich liebst. Du bist nie dazu ‚gezwungen‘ worden, wie Du später in einem Augenblick zerstörenden Schwachsinns gesagt hast. Gezwungen hat Dich Dein Gefühl für mich und vielleicht auch die Einsicht, dass Du es mit dem Lebenswerk eines der gewaltigsten Geister zu tun hast, die je gelebt haben. Das bin nämlich ich, falls Du es vergessen hast. Wenn Du Dich ein wenig dazu gekriegt hättest, im Manuskript zu lesen, das sieben Jahre! bei Dir lag (seit dem Herbst 1950), statt Aufsätze von Kretins über Deine eigene Kunst, in der Du ein Meister bist, zu lesen und zu kommentieren (!), wärst Du nie so in die Irre gegangen: Du hättest nie vergessen, wer ich bin, und Du hättest auch nicht das kostbarste und schönste Gefühl Deines Lebens, das für mich, so gefährden können.“

In all seinen Anschuldigungen sieht er sich im Recht: „Du sollst dich über diesen Brief nicht kränken, darum bitte ich dich sehr. Dieser Brief ist gut gemeint, und ich wünsche mir, du könntest je wieder so viel echtes Gefühl für mich haben als meines ist, das mich zwingt, dir so zu schreiben.“

Sie empfindet sich ihm gegenüber als klein und ungebildet und er gibt sich wahlweise wohlwollend herablassend oder heiligzornig – bezeichnet sich einmal als Papst „Pio XV“ – und macht sie dadurch noch kleiner.

„Das was im Anfang war und zwar: dass ein wunderbarer beinahe allwissender Mann gerade mich ausgesucht hat, um mich für immer zu sich zu nehmen, – dass er mich besser und reiner und stärker machen will – dieses Gefühl ist im Grunde nie vergangen. Und selbst in den bittersten Kränkungen und Zweifeln ist alles doch nur deshalb so schwer, weil ich immer noch meine es müsse so und nicht anders sein.“, schreibt sie rückblickend.

Mehrmals beklagt sie sich, dass er ihr keine Adresse gibt, wohin sie ihre Briefe richten soll. Ist er auf Reisen, hält er ihr seinen Aufenthaltsort geheim und lässt sie postlagernd schreibend. Für sie wird er zum „Liebhaber ohne Adresse“ – in Anlehnung an das Nestroy-Zitat.

Friedl Benedikt ist die Hauptgeliebte Canettis in den englischen Jahren. Diese Beziehung wird von Veza gefördert. Sie lässt sie bei sich wohnen, pflegte sie während einer Grippe gesund. Als diese 1953 noch sehr jung stirbt, beginnt für Marie-Louise das grosse Hoffen auf mehr Herzenswärme von ihm; aber nach Italien fährt Elias Canetti 1954 mit anderen Reisegefährten, die Geliebte bittet er von dort nur um Geld.

Als Veza 1963 stirbt, beginnen für die 57-jährige Marie-Louise noch einmal zehn Jahre in der üblichen «Wüste von Erwartungen» (Canetti), mit der Hoffnung auf Heirat oder ein gemeinsames Leben.

Sie weiß allerdings nicht, dass Canetti schon Jahre vor Vezas Tod die junge Hera Buschor in Zürich kennengelernt hat, die er  1971 heiratet. Nur durch Zufall erfährt sie 1973 von dieser Heirat und von der inzwischen geborenen Tochter.

Der folgende Zeitungsbericht schildert die Szene aus Sicht eines Augen- und Ohrenzeugen:

http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/uebersicht/ein-teebesuch-mit-folgen-1.15036665

„Ich war nie ein eifersüchtiger oder besitzergreifender Mensch – aber nun mit 67 Jahren bin ich durch das, was geschehen ist – wie eine schreckliche giftige Einspritzung – eine Injektion von fremden Stoffen – sehr erkrankt. Ich bin so verzweifelt dass ich das Kindchen nicht lieben darf – dass es nicht meines ist – dass ich das Glück der Beobachtung von jedem kleinsten Ding nicht mit Ihnen teilen kann – unablässig arbeitet meine Phantasie – all die Entscheidungen – welche Spielschule – welches Kleidchen, welches Spielzeug – welches neue Wort. Und das sind nur Tropfen in dem Meer das ich meine Krankheit nenne. Von meinem Leben hier will ich gar nicht reden. Manchmal meine ich Sie wissen nicht wie einer Frau zumute ist wenn der eine Mensch kommt von dem sie glaubt an diesem kleinen Tisch bei dieser Lampe – wenn sie die Teller hinstellt, da ist’s am besten. Alle Fröhlichkeit des Tages und das Gelingen hängt davon ab.“, schreibt sie ihm nach dieser Begebenheit.

Dass er ein Kind mit der anderen hat, trifft sie besonders heftig. Ihre Hoffnung auf ein gemeinsames Kind hatte sich nicht erfüllt.

Sie beendet das Verhältnis, aber beide bleiben in Verbindung.

In den folgenden Briefen bewahrt sie trotz Schmach und Schmerz Haltung, nur in  Zeichnungen verschafft sie sich karikierend Luft für die Demütigung, stellt Canetti als Ratte mit einer Zeitung zwischen ihren Schenkeln dar.

Motesiczky_Canetti Ratte

 Motesiczky_Akt mit einer Ratte und Büchern

Canetti wägt zwei frauenDer Schmerz hält an. 1983 entwirft sie einen Brief, den sie aber nicht abschickt: „Die große Schuld, die Sie an mir begangen haben kann ich verzeihen – einen ungebildeten wirklich ungebildeten Menschen – das muss Ihnen oft unerträglich gewesen. Dass Sie eine junge Frau wollten – unbelastet von all der bitteren Vergangenheit. Dass Sie ein Kind wollten das kann ich verstehen, und verzeihen. (gestrichen: „dass ich keins habe [oh wie hätte ich es malen können]“

 

In ihrem Tagebuch zog Marie-Louise von Motesiczky ein deprimierendes Resümee: „ganz ohne C. Welt ohne Sinn“, notierte die Malerin 1977, „mit C. endlose Quälerei.“  Einer Freundin gegenüber bezeichnete sie ihn einmal als ihre „persönliche Katastrophe“. Canettis Urteil war weitaus drastischer. Er charakterisierte er seine langjährige Geliebte als „Made“, der sich alles in Verdauung übersetze; sie sei jemand, der sich wie Mehltau auf jede Freude lege. In seiner Biographie über die englischen Jahre Party im Blitz kommt sie gar nicht vor.

Das Positivste an Canettis Engagement in Sachen und Person Marie-Louise war die Hartnäckigkeit, mit der er sie in ihrem Künstlertum bestärkte, zur Arbeit drängte. Er glaubte absolut an ihr Talent, an ihre Entwicklung, an ihren Durchbruch und vermochte ihr diesen Glauben durch andauerndes Beschwören einzuimpfen. „Jedes Bild, das Du noch malst, wird in die Geschichte der Malerei eingehen.“

In einem Radiointerview bezeichnet sie 1992 Canetti neben Max Beckmann und ihrer Mutter als einen ihrer Hauptgötter.

Durch ihre sehr guten Vermögensverhältnisse war Motesiczky nie gezwungen, ihre Bilder im Kunsthandel anzubieten, weshalb sie als Künstlerin auch nicht die entsprechende Präsenz bei Ausstellungen, in den Medien und im allgemeinen Bewusstsein erlangte. Erst spät fand Marie-Louise von Motesiczky wirkliche Anerkennung – in ihrer Wahlheimat England und in Österreich, das ihr 1994 im Belvedere eine umfangreiche Retrospektive widmete.

Ihre Mutter Henriette hat Marie-Louise über Jahrzehnte immer wieder proträtiert. Einzigartig sind die intimen, schonungslosen Psychogramme ihrer alternden Mutter, mit der sie über sieben Jahrzehnte im gleichen Haushalt lebte. Canetti meinte in einem Brief an sie 1975, dass die Serie der Mutterbilder „Dein größtes, eigentlichstes Werk ist … um derentwillen Deine Malerei immer bestehen bleiben wird“.

From Night into Day 1975 by Marie-Louise Von Motesiczky 1906-1996

 

 

 

 

 

 

 

 

Motesiczky_Von der Nacht in den Tag 1975

 

Weiterlesen:

Elias Canetti, Marie-Louise von Motesiczky – Liebhaber ohne Adresse, Briefwechsel 1942 – 1992

https://kunstgeschichte.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/inst_kunstgeschichte/Texte/Motesiczky.pdf

 

 

 

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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7 Antworten zu Poste restante

  1. saetzebirgit schreibt:

    Oh je…mit Deinen wunderbaren Beiträgen machst Du mir aber auch manchen männlichen Schriftsteller ziemlich madig 🙂 Was für ein A…Canetti doch zu seinen Frauen war. Ein bißchen was wusste ich schon, aber dieser Artikel hat mich nun doch mit voller Wucht getroffen.

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  2. perlengazelle schreibt:

    Es zerreißt mir das Herz, wenn ich lese, was sie zu dem Kind schreibt.
    Warum diese Frau mit ihrem Talent, mit ihren zahlreichen Freunden aus der Welt der Literatur, der Malerei, mit ihren vielen anregenden Reisen, finanziell ohne größere Not, mit vielen Verehrern, an diesem Mann jahrzehntelang festhielt – darüber kann man nur spekulieren. Ist es die Wurzellosigkeit nach dem Verlust der Heimat, die sie an jemanden band, der wie sie aus Wien kam, oder ein tief sitzendes Minderwertigkeitsgefühl oder konnte Canetti Frauen in seinem Sinne meisterlich so manipulieren, wie es ihm passte?
    Das Thema Canetti und die Frauen ist für mich noch nicht erledigt. 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Myriade schreibt:

      Hochinteressant, vielen Dank. Wenn er doch nur nur einzige (gewesen) wäre ! Da gibt es doch leider so viele Beispiele von hochbegabten Frauen, die unverständlicherweise an Männern festhielten, die sie so oder ähnlich behandelten. Spontan fällt mir gerade nur Albert Einstein ein, der seine langjährige Gefährtin im Leben und in der Wissenschaft in die Wüste schickte als sie schwanger wurde.

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  3. perlengazelle schreibt:

    Ich bleibe am Ball. 🙂

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