Paula, Clara und die Männer

 

Paula Modersohn-Becker_Selbstbildnis vor grünem Hintergrund mit blauer IrisPaula Modersohn-Becker_Clara Rilke-Westhoff

 

 

 

 

 

 

 

ov_paulamodersohnbecker_ottomodersohnschlafend(2)Paula Modersohn-Becker_Rilke

 

 

 

 

 

 

 

Paula Modersohn-Becker_Selbstbildnis, Clara Westhoff-Rilke

Paula Modersohn-Becker_Otto Modersohn, Rainer Maria Rilke

 

In der Künstlerkolonie Worpswede begegneten sich Paula Becker und Clara Westhoff zum ersten Mal. Sie wurden enge Freundinnen. Beide hatten mit Schwierigkeiten zu kämpfen, ihren Berufswunsch als eigenständige Künstlerinnen gegenüber der traditionellen Männergesellschaft durchzusetzen. Frauen durften nicht an staatlichen Akademien studieren. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Kunst wurde ihnen nicht zugestanden.

“90% ist es doch nur darum zu tun, die Zeit herum zu bringen, bis ein glücklicher Gatte kommt, der sie von der Kunst wegholt.”, schrieb Clara.

Sie hatte es noch schwerer. Bildhauerei galt als reine Männerdomäne. Der Bildhauer Max Klinger lehnte weibliche Studentinnen als unfähig ab, nahm Westhoff aber auf, weil sie den Marmor “wie ein Mann” angriff. Doch: „Die Künstlerin ist, wie wir hören, noch eine sehr junge Dame; dafür scheint uns ihre Kunst schon ein bisschen [sic!] reichlich dreist. Dreistigkeit steht nur ganz kleinen Kindern wohl, hernach, und namentlich junge Mädchen, kleidet eine zarte Schüchternheit viel anmuthiger …“

Aber letzendlich empfahl er sie dem Bildhauer Rodin.

Aus Russland heimkehrend, nach seiner Trennung von Lou Andreas–Salomé, suchte Rilke in Worpswede Ruhe und traf auf den Künstlerkreis um Fritz Mackensen und auf die „Mädchen in weiß“ – Paula und Clara.

Es entwickelte sich ein intensives freundschaftliches Verhältnis.

Über die eigentümliche Atmosphäre in Paulas Atelier, dem so genannten „Lilienatelier“ schrieb Rilke in seinem Tagebuch: „Dann war ich im Lilienatelier. Tee erwartete mich. Eine gute und reiche Gemeinsamkeit in Gespräch und Schweigen. Es wurde wundersam Abend; wovon die Worte gingen: von Tolstoj, vom Tode, vom Leben und von der Schönheit in allem Erleben, vom Sterbenkönnen und Sterbenwollen, von der Ewigkeit und warum wir uns Ewigem verwandt fühlen. Von so vielem, das über die Stunde hinausreicht und über uns. Alles wurde geheimnisvoll. Die Uhr schlug eine viel zu große Stunde und ging ganz laut zwischen unseren Gesprächen umher. – Ihr Haar war von florentinischem Golde. Ihre Stimme hatte Falten wie Seide. Ich sah sie nie so zart und schlank in ihrer weißen Mädchenhaftigkeit.“

Die roten Rosen waren nie so rot
Als an dem Abend, der umregnet war.
Ich dachte lange an dein sanftes Haar …
Die roten Rosen waren nie so rot.

Es dunkelten die Büsche nie so grün
Als an dem Abend in der Regenzeit.
Ich dachte lange an dein weiches Kleid …
Es dunkelten die Büsche nie so grün.

Die Birkenstämme standen nie so weiß
Als an dem Abend, der mit Regen sank;
Und deine Hände sah ich schön und schlank …
Die Birkenstämme standen nie so weiß.

Die Wasser spiegelten ein schwarzes Land
An jenem Abend, den ich regnen fand;
So hab ich mich in deinem Aug erkannt …
Die Wasser spiegelten ein schwarzes Land.

Rilke

 

Sie genossen die Worpsweder Zeit, arbeiteten, feierten Feste. Einmal versetzten Paula und Clara das ganze Dorf in Aufruhr, als sie ausgelassen die Feuerglocke läuten. 100 Mark sollte die Strafe sein – unmöglich zu zahlen für die beide an Geldnot Leidenden. Stattdessen musste Clara ohne Honorar acht Engelsköpfe für die Kirche modellieren. Paula leistete Buße, indem sie Sonnenblumen und Girlanden um die Köpfe malte.

Glocke

 

 

 

 

 

 

 

 

Paula Modersohn-Becker_Clara und Paula beim Glockenläuten

 

Engelsköpfe

 

 

 

 

 

Worpsweder Zionskirche_Engelskopf

 

Zwei Ehen entstanden. Paula heiratete den 11 Jahre älteren Witwer Otto Modersohn, der eine Tochter in die Ehe mitbrachte. Clara heiratete den jungen Dichter Rilke, der ihnen so schwärmerische Verse widmete.

Doch Paula fand Woprswede zu still, zu wenig anregend für ihre Malerei. Sie strebte nach Paris. Dort war das Leben, eine reiche Künstlerszene. Sie besuchte Museen, Ausstellungen, den Herbstsalon. Sie entdeckte die alten Meister, bewunderte Cézanne, Gauguin. Malte wie im Rausch. Zusammen mit Clara, die bei Rodin lernen wollte, genossen sie das Leben in vollen Zügen.

Glücklich waren sie beide nicht in ihrer Ehe.

„Es ist meine Erfahrung, daß die Ehe nicht glücklicher macht. Sie nimmt die Illusion, die vorher das ganze Wesen trug, daß es eine Schwesterseele gäbe.
Man fühlt in der Ehe doppelt das Unverstandensein, weil das ganze frühere Leben darauf hinausging, ein Wesen zu finden, das versteht …
Dies schreibe ich in mein Küchenhaushaltebuch am Ostersonntag 1902, sitze in meiner Küche und koche Kalbsbraten.“, schrieb Paula in ihr Tagebuch.

Paula hielt einen strikten Tagesablauf ein, der sich ihrem Malen unterordnete. Doch immer wieder brach sie aus, nach Paris, ihrer Sehnsuchtsstadt. Und Otto gab ihr nach, aus Angst, sie ganz zu verlieren. Sein Zuhause war die Worpsweder Landschaft, nur hier wollte er sein. Die Einstellung zu Paula ist zwiegespalten. Einerseits erkannte er ihr Talent, andererseits fühlte er sich als Ehemann vernachlässigt.

„Begabt in der Kunst ist Paula ja sehr, ich bin erstaunt über ihre Fortschritte. Wenn sich doch damit mehr menschliche Tugenden verbänden. Das muss das Schwerste für ein Frauenzimmer sein: geistig hoch, intelligent und doch ganz Weib. (…) Für das beste halten sie (diese Frauenzimmer) Egoismus, Selbstständigkeit, Selbstgefälligkeit und das kann keine glückliche Ehe werden. Der Mann ist natürlich in mittelalterlichen tyrannischen Gelüsten befangen, wenn er erwartet, daß seine Frau ihm zu Liebe etwas tut, mit ihm lebt, auf sein Interesse eingeht. Eine Frau würde ja ihre Rechte, ihre Persönlichkeit opfern. So argumentieren sie und machen sich und ihre Männer unglücklich.“, schrieb er in sein Tagebuch.

Während Paula wieder nach Paris reiste und schließlich die Scheidung verlangte, zog sich Clara nach ihrer Eheschließung immer mehr ohne Erklärung von ihren Freunden Paula und Otto zurück. Beide waren konsterniert, suchten nach Erklärungen.

„Gestern mit Paula bei Rilkes. Auf was für ungesunden Wegen wandelt der, und wie ist seine Frau in dieser kurzen Zeit ins Gegenteil verwandelt, wie hat sie ganz ihre Individualität eingebüßt. Das ist ein Jammer.“, so Otto in seinem Tagebuch.

Auf einen um Klärung bittenden Brief an Clara antwortete Rilke statt ihrer, abweisend. Warf ihr Mangel an Verständnis vor und bezichtigte sie allzu besitzergreifender Liebe. Fürchtete Rilke den Einfluss Paulas, ihr Unabhängigkeitsstreben? Auch Otto sah es nicht gern, wenn Paula sich in Paris zu eng an Clara anschloss, fürchtete ihre Ideen.

„Ich schätze ihn (Rilke) nicht mehr hoch ein. Er hält es mit jedem. Über sie kann man gar nicht urteilen. Sie ist in einem Zustande, der nicht anhalten kann, da muss man einfach warten, was daraus wird.“ Aus einem Brief von Paula an Otto.

Rilke selbst schrieb 1901 in einem Brief: „Ein Miteinander zweier Menschen ist eine Unmöglichkeit und, wo es doch vorhanden scheint, eine Beschränkung, eine gegenseitige Übereinkunft, welche einen Teil oder beide Teile ihrer vollsten Freiheit und Entwicklung beraubt.“

Die gemeinsame Tochter Ruth wurde geboren, im folgenden Sommer zog Rilke aus dem gemeinsamen Haus in Worpswede aus. Überließ es seiner Frau, den Haushalt aufzulösen. Er konnte seine Familie mit seiner eigenen Arbeit nicht ernähren und ertrug das Leben mit Frau und Kind in bürgerlicher Bescheidenheit nicht. Rilke ging nach Paris und wurde Privatsekretär von Rodin.

Paula – in ständiger Geldnot – beschloss, wieder zu ihrem Mann zurückzukehren. „Ich habe diesen Sommer gemerkt, dass ich nicht die Frau bin, allein zu stehen. Außer den ewigen Geldsorgen würde mich gerade die Freiheit verlocken von mir abzukommen.“

Sie wohnte wieder mit Otto in Worpswede. Kurz nachdem sie eine Tochter geboren hatte, starb sie mit 31 Jahren an einer Embolie. Ihre letzten Worte waren: „Wie schade.“ Berühmtheit erlangte die Malerin erst nach ihrem Tode.

 

„Welche von uns, Clara, musste nicht den Sprung machen
über unser Frausein hinaus
um unsere Arbeit zu retten? Oder um uns selbst zu retten?
Die Ehe ist einsamer als Einsamkeit.“

Paula an Clara

 

Clara Westhoff-Rilke_RilkebüsteClara Westhoff-Rike_Paula Büste

 

 

 

 

 

 

 

Clara Westhoff-Rilke_Rilke, Paula Modersohn-Becker

Clara war durchaus von Bedeutung für Rilke. Sie war seine erste Leserin und Kritikerin. Sie führte ihn an die bildende Kunst ihrer Zeit heran, er lernte von ihr, insbesondere über Bildhauerei, und nicht zuletzt lernte er durch sie Rodin kennen.

Die kurze Ehezeit mit Rilke aber genügte, um die Künstlerin hinter »Frau Rilke« ein Leben lang zu verdecken. Lange Zeit wurde sie nur als Ehefrau Rilkes und Freundin von Paula Modersohn-Becker angesehen.

Clara Westhoff-Rilke brauchte Jahre, um das Trauma ihrer Heirat und ihrer Trennung zu überwinden, Jahre, um ihr Gleichgewicht zurückzugewinnen, Jahre, um genügend finanzielle Stabilität zu erreichen, dass sie ihre Tochter zu sich nehmen konnte. Es gelang ihr, als diese elf Jahre alt war. Aber finanzielle Sorgen belasteten ihr künstlerisches Schaffen ihr ganzes Leben hindurch.

Heute kann sie als eine Pionierin der Bildhauerei von Frauen in Deutschland gesehen werden.

Rilke hat Paulas Bilder trotz häufiger Besuche in ihrem Atelier nicht wirklich wahrgenommen. In seinem Buch über Worpswede kommen Paula und auch Clara nicht vor. Erst Jahre später erkannte er sie an.

„Dass sie freilich an mich gerieth, ist besonders schwer: da ich weder der Künstlerin in ihr noch dem, was sich nach einem Frauendasein drängt, recht günstig zu sein vermochte.“

Rilke über Clara, 11 Jahre nach der Trennung

Denn Das verstandest du: die vollen Früchte.
Die legtest du auf Schalen vor dich hin
und wogst mit Farben ihre Schwere auf.
Und so wie Früchte sahst du auch die Fraun
und sahst die Kinder so, von innen her
getrieben in die Formen ihres Daseins.
Und sahst dich selbst zuletzt wie eine Frucht,
nahmst dich heraus aus deinen Kleidern, trugst
dich vor den Spiegel, ließest dich hinein
bis auf dein Schauen; das blieb groß davor
und sagte nicht: das bin ich; nein: dies ist.

Rilke_Requiem für eine Freundin, 1908, 1 Jahr nach Paulas Tod

 

siehe auch:

Gunna Wendt_Clara und Paula

Marina Bohlmann-Modersohn_Paula Modersohn-Becker, Eine Biographie in Briefen

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/clara-westhoff-rilke2/

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/paula-modersohn-becker/

 

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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3 Antworten zu Paula, Clara und die Männer

  1. saetzebirgit schreibt:

    Liebe Perlengazelle, danke für diesen rundum informativen und gelungenen Beitrag – vor allem die Gegenüberstellung der beiden Ehegeschichten – toll! Rilke in seiner Sprachmelodie liebe ich sehr, aber alles, was ich bislang so über ihn als Mensch/Mann las: ähem. Ach, mein Mitgefühl ist da einfach bei den Frauen – so viele Möglichkeiten hatten sie, und wie schwer wurde es ihnen gemacht (und haben sie es zum Teil sich gemacht). Klasse Beitrag – ich danke Dir!

    Gefällt 1 Person

  2. perlengazelle schreibt:

    Dankeschön. Ich finde die beiden Frauen hoch interessant. Hier die renitente kleine helle Paula und dort die große dunkle schweigsame Clara. Beides gegensätzliche Charaktere und doch einig in ihrem Bemühen, als Künstlerinnen ihren Weg zu machen. Spannend fand ich auch, dass Rilke am Anfang ihrer Bekanntschaft schrieb: „Keine darf sich je dem Dichter schenken, wenn sein Auge auch um Frauen bat …“ Er sah sie zuerst nur im Zweierpack, um „das Leben zu lernen an ihnen“. Und das ging nicht, wenn er zu einer eine Liebesbeziehung einging. Warum er später dann doch eine, nämlich Clara, und warum gerade sie, wählte, habe ich nicht herausfinden können.
    Ja, als Mensch war Rilke … sehr ähem!

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Dat blog hat Geburtstach | gazelleblockt

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