Ciske – die Ratte

Als ich mit der Ratte das Klassenzimmer betrete, sitzen die Schüler brav über die Hefte gebeugt. Doch ich sehe, wie sich ihre Blicke abschätzend auf den Neuen richten. Der macht ein Gesicht wie ein Angeklagter, der fest entschlossen ist, die Aussage zu verweigern.

„Nun verrat uns mal, wie du heißt, Kamerad“, sage ich so ungezwungen, wie es geht.

Doch die Ratte muss etwas Unechtes, Forciertes in meiner Stimme erkannt haben. Sie starrt mich mit brennenden Augen an und schweigt.

„Du leimst mich nicht“, sprechen die Augen, die Augen von einem scheuen, vorsichtigen, wilden Tier.

Piet Bakker_Ciske de Rat

 

Ciske - Ein Kind braucht Liebe„Wir kriegen heute ein Exemplar, an dem wie alle eine helle Freude erleben werden. Ein Prachtexemplar! Und Sie kriegen ihn in Ihre Klasse, Bruis.“, sagt Hauptlehrer Maatsuiker zu dem Junglehrer Bruis und empfiehlt ihm, kurzen Prozess zu machen und den Jungen Franciskus Vrijmoeth, genannt Ciske die Ratte, gleich mit einer ordentlichen Tracht Prügel zu begrüßen.

„Ein feines Früchtchen“ ist Ciske, der schon öfter Bekanntschaft mit der Polizei und dem Jugendrichter gemacht hat. Das Leben hat es nicht gut gemeint mit ihm. Seine Mutter ist eine „Schlampe“, die in einem zwielichtigen Café arbeitet und Ciske  prügelt und in den Kohlenkeller sperrt. Sein Vater, an dem er sehr hängt, fährt zur See und kann den Jungen nicht beschützen. Ist damit auch hoffnungslos überfordert.

Ciske stellt Bruis vor eine schwierige Aufgabe. Fest entschlossen ist dieser, den Jungen zu „knacken“ – mit viel  Einfühlungsvermögen, was in den dreißiger Jahren keine Selbstverständlichkeit ist. Dabei helfen ihm ein verständnisvoller Polizist und ein Jugendrichter, aber vor allem die Kinder in seiner Klasse. Dorus, ein hochbegabter Junge, der aufgrund einer Lungenkrankheit sterben wird, und Betje, eine lernbehinderte Schülerin, die ein goldenes Herz hat, werden seine besten Freunde. Als Ciskes Vater eine neue Beziehung eingeht – mit einer Wäscherin, die den Jungen aufrichtig liebt – wird Ciske zum Spielball zwischen seinen Eltern. Als seine Mutter bei einem Streit in rasendem Zorn ein Buch zerreißt, das ihm Dorus geliehen hat, wirft er ein Messer auf sie, das sie so unglücklich trifft, dass sie verblutet. In einem Erziehungsheim muss er seine Strafe absitzen, stets unterstützt vom Lehrer Bruis, der inzwischen sein Vormund geworden ist, und dem Anstaltsgeistlichen. Mühsam kämpft er sich danach ins Leben zurück.

Piet Bakker ( 1897 – 1960) war ein niederländischer Journalist und Schriftsteller. Zuvor arbeitete er zwei Jahre als Dorfschullehrer. Die Trilogie über den jungen Ciske erschien in den vierziger Jahren und war ein Riesenerfolg. Der dritte Teil wurde erst nach dem Ende der deutschen Besatzung veröffentlicht. In diesem kämpft Ciske als Soldat gegen die Deutschen.

Das Buch wurde in mehr als zehn Ländern veröffentlicht. Es war Grundlage für zwei Filme, eine Fernsehserie und ein Musical. 1955 inszenierte Wolfgang Staudte („Die Mörder sind unter uns“) den Film „Ciske – Ein Kind braucht Liebe“, der in der niederländischen Fassung auf den Filmfestspielen von Venedig 1955 mit einem „Silbernen Löwen“ ausgezeichnet wurde.

Piet Bakker  wollte „geen literatuur maar lectuur“ (keine Literatur, sondern Lektüre) schreiben, so dass ihn der Mann von der Straße verstehen konnte. Sein Buch ist ein Plädoyer für soziale Integration von benachteiligten Jugendlichen – auch heute immer noch ein brisantes Thema.

 

 

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Über perlengazelle

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