Die Sonne ist Gott

mr-turner

 

Joseph Mallord William Turner zählt zu den besten und mittlerweile zu den teuersten Malern der Welt. Hauptmotive des Vorläufers des Impressionismus sind dramatische Naturszenen, Schiffe und Wasser.

Der Film Mr. Turner –  Meister des Lichts beschränkt sich auf die letzten fünfundzwanzig Jahre im Leben des Künstlers. Zu Beginn des Film im Jahre 1826 ist Turner bereits fünfzig Jahre alt und lebt  zurückgezogen als exzentrischer Einzelgänger und doch hoch verehrtes Mitglied der Royal Academy zusammen mit seinem geliebten Vater und einer Haushälterin.

Wir erleben einen brummigen bärbeißigen Turner, der nur wenig spricht – statt dessen grunzt und schnaubt und stöhnt. Einerseits ein Ekel, der von seinen beiden unehelichen Töchtern nichts wissen will und seine Haushälterin schamlos missbraucht – andererseits ein sensibler Mensch, der nach dem Tod des geliebten Vaters in Tränen ausbricht, als er im Bordell eine Prostituierte malen will, der Musik liebt und der zarte Gefühle zeigt, als er mit einer Pensionswirtin  ein spätes Glück erlebt.

Bis ins kleinste I-Tüpfelchen wollten die Filmemacher das England des 19. Jahrhunderts nachbilden.  Jahrelang erforschten sie Details, bevor sie mit den Dreharbeiten begannen.

Der Schauspieler Timothy Spall nahm zwei Jahre Zeichenunterricht, um sich auf seine seine Rolle als JMW Turner vorzubereiten und um wie Turner zu malen. Zusammen mit seinem Zeichenlehrer untersuchten sie Turners unvollendete Gemälde und Skizzenbücher im Tate-Archiv. Gemeinsam malten sie etwa 300 Bilder:  Akte, Stillleben, schnelle Skizzen, in Tusche, Aquarell und Öl.

Der Film beinhaltet eine Unzahl lose verbundener Momente und Episoden aus Turners letzten 25 Lebensjahren – ein Mosaik seines Lebens, aber auch der Zeitumstände und ihrer Herausforderungen. Es ist ein sehr langer ruhiger Film, in den ich mich anfangs erst eingewöhnen musste.  Keine scharfen Schnitte und rasanten Actionszenen, mit denen heute so manch unbedeutendes Machwerk aufgepimpt wird. Man sieht Gesichter mit Ecken und Kanten und Hängebacken und verfaulte Zähne und Psoriasis. Die Konversation bei den Gesellschaften erinnerte mich an Jane Austens Dialoge.

Die Farbgestaltung orientiert sich an den Farbens Turners.  Werke des Malers werden nachgestellt, in denen Turner  selbst mit Skizzenblock agiert. Wobei die Inszenierung von Turners berühmtestem Bild  „Die große westliche Eisenbahn“  das Filmteam vor besondere Herausforderungen stellte.

Sie fanden eine Lok aus jener Zeit im Manchester Museum of Science and Industry. Mit einem Tieflader wurde die Lok auf eine Gleisstrecke, die von Osten nach Westen führte, gebracht.  Sie wollten den Sonnenuntergang hinter dem Zug – unter denselben Bedingungen, unter denen Turner gemalt hatte. Sie hatten nur eine Chance für den Dreh, weil der Zug am nächsten Tag zurückgegeben werden musste. In dieser Nacht gab es einen glühenden Sonnenuntergang. Perfekt, da sie nicht auf Spezialeffekte zurückgreifen wollten.


Turner_Dampf

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Man gewinnt Einblicke in den damaligen Kunstbetrieb. Neid und Eifersucht beherrschten die Royal Academy. Bei allem Erfolg musste Turner zunehmend auch Kritik einstecken. Seine Malweise wird immer freier und abstrakter und widerspricht in seinem Spätwerk häufig dem Zeitgeschmack. Das großzügige Angebot eines Bewunderers, der seinen gesamten Bilderbestand für eine Riesensumme aufkaufen will,  lehnt er dennoch ab. Seine Bilder sollen zusammen bleiben und der Nation vermacht werden. Mit 76 Jahren stirbt er. Seine letzten Worte sind: „Die Sonne ist Gott.“

 



Advertisements

Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Die Sonne ist Gott

  1. saetzebirgit schreibt:

    Ich bin schon auf dem Weg ins Kino :-). Auf den Film freue ich mich schon seit Tagen.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s