Jedes Wort ein Tonnen-Gewicht

„Findest du“, fragte Torkild plötzlich, „daß die Zeit, die wir verheiratet sind, so sehr deine Achtung vor mir vermindert hat?“

Rose wandte sich heftig um:

„Was fällt dir ein? Du glaubst doch nicht etwa, daß ich es fertigbringen könnte, auf diese Art und Weise – von mir und dir zu sprechen?“ Sie schwieg einen Augenblick. „Es ist, weiß Gott, nicht mehr auszuhalten mit dir, Torkild! Ich kann sagen und tun, was ich will, du suchst geradezu nach persönlichen Andeutungen und nach etwas, was dich verletzen könnte.“

„Tue ich das?“ sagte Torkild leise.

„Ja, du tust es. Vielleicht weißt du es ja selber nicht. Aber ich getraue mich kaum zu reden – jedes Wort, das ich sage, muß ich abwägen, ob etwas darin liegt, was du missverstehen oder als Bosheit gegen dich auffassen könntest.“ Sie legte sich ins Bett, ließ aber das Licht brennen.

(…)

Er dachte bei sich: Es gibt ja nichts zwischen uns beiden, was für mich eine Nichtigkeit wäre.

Sigrid Undset_ Frühling (Våren 1914)

 

Von Kindheit an sind Torkild und Rose miteinander befreundet. Beide haben wenige Kontakte zu anderen, beide fühlen sich „anders“ als die anderen. Aber während Torkild unablässig um Rose wirbt und sie heiraten möchte, sehnt sich diese „nach etwas ganz Neuem in ihrem Leben. Nach etwas, was sie ganz und gar erfüllt, daß sie alles Vergangene vergisst. Alles. Und alle.“ Erst als Torkild sich von Rose distanziert, willigt sie in die Heirat ein. Doch das Eheglück dauert nicht lange. Die beiden sehr unterschiedlichen Charaktere langweilen sich miteinander, haben außerdem kaum Kontakte nach draußen. Als Rose schwanger wird, kommt das Kind tot zur Welt. Jetzt wird die Entfremdung zwischen den beiden immer größer und gipfelt in einer Trennung.

 

Sigrid UNDSETIn den Jahren bis zu 1919 veröffentlicht Sigrid Undset (1882 – 1949) eine Reihe von Romanen, die von der Stadt Christiania (heute Oslo) und deren Bewohner handelten. Es sind Geschichten von arbeitenden Menschen, Familienschicksale, die Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Ihre Hauptthemen sind Frauen und ihre Liebe. Oder, wie sie selbst sagt – „die unmoralische Art „(der Liebe). In Undsets erstem Roman Frau Martha Oulie begibt sich die Titelheldin in ein außereheliches Verhältnis, um ihrer tristen und unbefriedigenden Ehe zu entfliehen. Mit ihrem ersten Satz „Ich habe meinen Mann betrogen.“ sorgte Undset für einen Skandal. Dazu kam die genaue Schilderung der außerehelichen Affäre, unschicklich in dieser Zeit!

Die Werke bleiben aber in ihrem Handlungsverlauf stets ein Plädoyer für die Hinwendung der Frau zu Familie und Kindern, womit sich Undset in Gegensatz zu der beginnenden Frauenemanzipationsbewegung in Europa stellt.

Der Roman Jenny (1911) bewirkte den endgültigen Durchbruch als anerkannte Autorin. Inzwischen hatte sie, die stets von einem unabhängigen Künstlerleben fasziniert war, längst ihren Beruf aufgegeben und ein Auslandsstipendium erhalten, das sie zu einem längeren Aufenthalt nach Rom führte. Dort lernte sie den geschiedenen norwegischen Maler Anders Castus Svarstad kennen, den sie 1912 heiratete. Aus der früheren Ehe brachte dieser drei Kinder mit. Zwischen 1913 und 1919 bekam Sigrid Undset drei Kinder, zwei Söhne und eine geistig behinderte Tochter. Zu Beginn der 20er Jahre scheiterte ihre Ehe.

Sigrid Undsets Vater war ein bekannter Archäologe gewesen, dessen Ziel es war, die älteste Vorgeschichte des skandinavischen Volkes zu erforschen. Er erweckte in ihr das Interesse für Geschichte. Sie war fasziniert von der Erzählungen und Mythen der Edda, den Runenschriften sowie den Wikingern und deren alten Handelswegen. Hier wurden die Wurzeln für ihre beiden Mittelalter-Romane Kristin Lavransdatter und Olav Audunsson gelegt. Diese machten sie in der ganzen Welt bekannt. Für Kristin Lavransdatter erhielt sie 1928 den Literaturnobelpreis.

Sigrid Undset debattierte leidenschaftlich in Zeitungen und Zeitschriften, hatte oft Meinungen, die unzeitgemäß und für ihre Zeitgenossen schwer zu akzeptieren waren. Sie betrachtete die Sexualität von Frauen als dominierende Kraft im Leben, den Kapitalismus als Ursache der Leiden der Frauen in den Städten, kritisierte die moderne Art des Lebens, die von falschen Idealen gekennzeichnet würde. Schon zu Beginn der 30er Jahre engagierte sie sich in der Widerstandsbewegung gegen Hitler und den Nationalsozialismus.

Mit anderen Autoren war Undset mehrmals in offenen Konflikt, u.a. mit Knut Hamsun. Als dieser 1915 die Erhängung einer Kindsmörderin forderte, verlangte Undset eine Untersuchung und Verständnis für die Situation der Mutter. Alle ihre Romane wurden sofort diskutiert und debattiert. Der Durchbruch des Roman Jenny gab die Möglichkeit, hitzige Debatten im „Frauenwahlrecht-Club“ zu führen.

Der Ausbruch des 2. Weltkrieges beendete die Schaffenszeit Sigrid Undsets. Sie musste wegen ihres politischen Engagements vor den Deutschen aus Norwegen fliehen. Sehr genau hatte man in Deutschland ihre Artikel verfolgt. Der Westdeutsche Beobachter schrieb: „Ihre literarischen Veröffentlichungen müssen aus den deutschen Zeitungen, Bibliotheken und Buchhandlungen verschwinden.“

Nach einer abenteuerlichen und gefährlichen Flucht gelangte sie mit ihrem jüngsten Sohn Hans über Schweden, Russland und Japan nach Amerika, wo sie das Kriegsende abwartete. Ihr ältester Sohn Anders im Krieg gefallen war – nachdem sie kurz zuvor bereits ihre Tochter verloren hatte.

Durch ihre Bekanntheit bekam sie schnell Zutritt zu bedeutenden Zeitungen und Zeitschriften und widerlegte in Artikeln den „nordischen Mythos“ des Nazismus.

Wie sich Sigrid Undset und Willa Cather ( https://gazelleblockt.wordpress.com/2014/10/02/unmoblierte-geschichten/) kennnen lernten, ist unbekannt.  Tatsächlich wurde W. Cather viel in Skandinavien gelesen. Schrieb sie doch gern über das schwere Leben der (u.a. nordischen) Einwanderer. Sie korrespondierten wahrscheinlich zunächst nur, bis Sigrid Undset mehrere Jahre nach ihrer Flucht in Brooklyn wohnte und sie persönlich treffen konnte. Beide schätzten sich sehr und verbrachten viel Zeit miteinander.

In einem Brief an eine Bekannte schrieb Willa Cather:

Ich möchte Ihnen alles über Frau Undset erzählen. Sie verbrachte den letzten Abend bei uns. Jedes Mal, wenn ich sie sehe, verbreitet sie große Ruhe und Entspannung. Sie verkörpert alles, was eine tolle Frau ausmacht – auf einem sehr hohen Niveau. Sie ist eine wunderbare Köchin, eine tüchtige Gelehrte. Es gibt nichts über Blumen, das sie nicht weiß und sie schafft es, dass die Pflanzen in ihrem sehr bescheidenem und ein wenig düsterem Hotelzimmer wachsen und gedeihen. Daneben gibt es in diese Frau eine Art heroische Ruhe und Wärme, trotz all der grausamen Tragödien während der letzten drei Jahre und des Verlustes ihres Vermögens. Sie überwindet einfach alles, was über ihr zerstört worden ist und steht da, groß und ruhig. Sie, die alles verloren hat, scheint noch alles zu besitzen, und noch kleinste Freuden bringen ihre Augen zum Leuchten. Sie vereinigt in sich das Wesen eines Künstlers, eines Bauern und eines Gelehrten. Sie ist aus einem besseren Holz geschnitten als jede Frau, die ich gekannt habe und es bleibt mir nur,  zu sitzen und ihre Kraft zu beobachten, die trotz allem nicht gebrochen ist. Und natürlich spricht sie nie über ihren Sohn, der in einem deutschen Konzentrationslager ermordet worden ist.*

*Ihr Sohn wurde als Leutnant der norwegischen Armee bei einer Begegnung mit deutschen Truppen in Gausdal getötet.

Im August 1945, nach fünf Jahren Exil, kehrt Undset zurück in ihre Heimat. Doch ihre schrecklichen Erlebnisse, der Tod ihres Sohnes haben sie zermürbt. Sie nimmt ihre literarische Tätigkeit wieder auf, findet jedoch keine Kraft mehr, ein neues Buch zu schreiben. Sie stirbt vier Jahre später.

!946 schrieb sie an Willa Cather:

Ich denke sehr oft an dich und frage mich, wie es dir geht. Dass ich dich getroffen habe, war das beste, was mir in Amerika passiert ist und ich denke gern an die Abende zurück, die wir zusammen mit Miss Lewis verbracht haben. Als ich meine Bücher zurück bekam, die freundliche Leute in einem Kirchenkeller für mich aufbewahrt hatten und ich deine Bücher auspackte, war es schwierig, sie unterzubringen, weil die deutschen Frauen, die hier während der Besatzung lebten, meine Regale als Feuerholz nutzten, und es braucht viel Zeit und Geld, neue zu bekommen, weil Baumaterial in erster Linie dazu dient, unsere zerstörten Städte wieder aufzubauen. Dabei denke ich an dich als eine Freundin. Dein Bild, das mir Alfred Knopf vor Jahren geschickt hatte, habe ich auf dem Dachboden ausgegraben, wo meine „Untermieter“ alles hingepackt hatten, was sie nicht gebrauchen konnten – und das war nicht viel. Es ist ein wenig kaputt und schmutzig, mir aber umso mehr lieb und teuer.

 

 


Advertisements

Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Jedes Wort ein Tonnen-Gewicht

  1. Elvira schreibt:

    Ein bestürzender Text, die Frühlings-Passage!

    Gefällt mir

  2. perlengazelle schreibt:

    Sehr realistisch, finde ich. Sie hat wohl selbst ähnliche Dialoge erlebt …

    Gefällt mir

  3. Naomi schreibt:

    Danke für diesen Lese-Tipp, liebe Gazelle.
    Bisher habe ich noch nie etwas von Sigrid Undset gelesen, werde das aber sofort nachholen.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s