Unmöblierte Geschichten

 

„(…) Vielleicht denken die Leute, ich hätte mich in aller Würde mit dem Altern abgefunden, aber ich habe es nicht. Ich fühle eine solche Lebenskraft in mir, Niel.“ Ihre schlanken Finger packten sein Handgelenk. „Diese Kraft ist durch das Zurückhalten gewachsen. Letzten Winter war ich mit den Dalzells drei Wochen in Glenwood Springs (das verdanke ich Ivy Peters; er hat sich um die Angelegenheiten gekümmert, und seine Schwester hat Mr. Forrester den Haushalt geführt), und ich staunte über mich selbst. Ich konnte die ganze Nacht tanzen und war nicht müde. Ich konnte den ganzen Tag reiten und abends fit sein für eine Dinnerparty. Natürlich hatte ich nichts anzuziehen; alte Abendkleider aus Metern von Satin und Samt, die mir Mrs. Dalzells Näherin aufarbeitete. Aber ich sah sehr gut aus! Ja, wirklich. Ich weiß immer, wie ich aussehe, und ich sah gut aus. Die Männer fanden das auch. Ich sah glücklicher aus als jede andere Frau dort. Sie waren fast alle jünger, bei weitem. Aber sie schienen fade, zu Tode gelangweilt. Nach ein oder zwei Gläsern Champagner schliefen sie ein und hatten nichts zu sagen! Ich sehe nach dem ersten Glas stets besser aus – es gibt mir etwas Farbe, es ist das einzige, was wirkt. Ich habe die Einladung der Dalzells mit einer bestimmten Absicht angenommen: ich wollte herausfinden, ob ich noch etwas an mir hatte, das sich zu retten lohnte. Und ich habe es, das sag ich dir! Du würdest es kaum glauben, ich konnte es kaum glauben, aber ich habe es noch!“

Willa Cather_Die Frau, die sich verlor (A Lost Lady)

 

Als Sinclair Lewis für seinen Roman Babbit als erster Amerikaner den Nobelpreis für Literatur bekam, nannte er eine Reihe von Autoren, die den Preis seiner Meinung nach ebenso verdient hätten, wie Theodore Dreiser, Eugene O`Neill, Ernest Hemingway, Upton Sinclair und Willa Cather. Die in seinen Augen stockblöde American Academy of Arts „hätte  Ihnen über Miss Willa Cather erzählt, dass sie, trotz der häuslichen Tugend in ihren Romanen über das Landvolk Nebraska, in ihrem Roman A Lost Lady die ewige, offensichtliche und hart errungende amerikanische Tugend verleumdet habe, indem sie ein verlassenes Frauenzimmer schilderte, das weiterhin einfach enorm sympathisch wirkte, sogar auf tugendhafte Menschen selbst – in einer Geschichte ohne jede Moral …“

Als Achtjährige übersiedelte Willa Cather (1873–1947) mit ihren Eltern von Virginia nach Nebraska, wo sie die Prärie und auch die Einwanderer aus der Alten Welt kennen lernte. Sie erlebt, wie diese sich – oft mit falschen Vorstellungen ins Land gekommen und von Betrügern um ihr letztes Geld gebracht -, verzweifelt bemühen, eine neue Existenz aufzubauen. Harte Arbeit und Entbehrungen kennzeichen ihr Leben. Diese Erfahrungen prägten Willa Cather tief. Obwohl sie als Lehrerin, Redakteurin und später als erfolgreiche Schriftstellerin vor allem in New York lebte, spielen ihre Werke meist in der kargen Weite der Prärie des amerikanischen Westens und Südwestens. „Das Einzige, was mir an Nebraska auffiel, war, dass es den lieben langen Tag über Nebraska war, immer nur Nebraska.“

Marian Forrester in A Lost Lady verbringt die Sommermonate mit ihrem 25 Jahre älteren Mann in Sweet Water. Dieser hat als Eisenbahn-, Bank- und Stadtgründer sein Geld gemacht. Marian ist der strahlende Mittelpunkt des Hauses – sie haben viele Gäste, darunter auch den jungen Niel Herbert, der sie verehrt. Doch es geht abwärts mit den Forresters. Das Geldinstitut, für das er verantwortlich ist, geht pleite. Er erleidet zwei Schlaganfälle und wird von seiner Frau gewissenhaft gepflegt. Als Niel herausfindet, dass sie ihren Mann betrügt, junge Liebhaber hat, verliert er jeden Respekt vor ihr und bricht den Kontakt zu ihr ab. Nach Jahren trifft er einen Jugendfreund, der Marian in Südamerika begegnet war. Seine Schilderung ändert seine Meinung über sie.

Willa Cathers Sprache ist schlicht, die Handlung wird nicht im Detail wiedergegeben, sondern entfaltet sich in wenigen Bildern, lässt viel Raum für den Leser.  Cathers oberstes Prinzip ist die Vereinfachung. Sie vergleicht es mit der Entrümpelung einer Wohnung. 1922 schreibt sie in dem Essay The novel démeublé: „Wie wunderbar wäre es, wenn wir all die Möbel aus dem Fenster werfen könnten; und damit auch all die bedeutungslosen Wiederholungen in Bezug auf die Gefühle, die langweiligen alten Bilder, und den Raum so kahl wie die Bühne eines griechischen Theaters lassen könnten.“

Willa Cather erhielt den Pulitzer-Preis und gilt als eine der großen amerikanischen Erzählerinnen. 15 Jahre nach der Lost Lady wurde sie in die American Academy of Arts und Letters gewählt, in jene von Sinclair Lewis gescholtenen Institution. Bei uns ist sie nicht sehr bekannt. Aber es lohnt sich, sie (wieder) zu entdecken.

 

 

Willa Cather

 

 

 

 

 

 

 

Rezension:

http://www.deutschlandradiokultur.de/aus-maennersicht.950.de.html?dram:article_id=137159

http://de.wikipedia.org/wiki/Willa_Cather

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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