Der Schurimann, die Schallerin, die Eule, Rotarm, die Lachtaube, Herr Rudolph und andere

Eugene sue

 

 

 

 

 

 

 

Die Gräfin konnte nicht weiter schreiben.

Die Eule hatte ihren Korb langsam auf den Boden gleiten lassen und war ebenso rasch wie wütig über die Gräfin hergefallen. Mit ihrer linken Hand packte sie sie am Nacken, drückte ihr das Gesicht auf den Tisch und stieß ihr mit der rechten Hand den Doch zwischen die Schultern.

Dieser abscheuliche Mord geschah so schnell, daß die Gräfin keinen Schrei ausstieß und keinen laut von sich gab.

Sie blieb sitzen, den Oberkörper und den Kopf auf den Tisch gebeugt, und die Feder entfiel ihrer Hand.

„Der gleiche Stoß, wie ihn Mörderchen dem kleinen Alten in der Rue du Roule versetzte“, sagte das Ungeheuer. „Noch eine, die nie mehr reden wird. Ihre Rechnung ist abgeschlossen.“

Und dann raffte die Eule eiligst die Edelsteine zusammen, warf sie in ihren Korb und bemerkte nicht einmal, daß ihr Opfer noch atmete.

 

In die dunkelsten Gassen der Stadt Paris des neunzehnten Jahrhunderts führt uns der Autor Eugène Sue (1804 – 1857). Wir begegnen unfassbarer Armut, übelstem Verbrechertum, Gurgelschlitzern, Winkeladvokaten, erbärmlichen Behausungen, „Gefängnis- und Bagno-Insassen, deren Blut die Schafotte rötet“. Daneben Reichtum, „sardanapalischer Luxus und mit vortrefflichem Geschmack möblierte Gemächer.“

Wir erleben unfassbar reiche Personen, die sich dem Müßigang hingeben und gwissenlos ihr Vermögen durchbringen, Arme am untersten Ende, die sich täglich abmühen, ihre paar Kröten auf anständige Weise zu verdienen, und Verbrecher, die schließlich geläutert werden und ihrem schändlichen Treiben auf immer entsagen.

Zwischen den Welten dann der geheimnisvolle Rudolph, der  – man ahnt es schnell – nicht der ist, der er zunächst zu sein vorgibt. Hinter der Maske eines einfachen Mannes verfolgt er erbarmungslos Verbrecher und bestraft sie gnadenlos. Mildtätig unterstützt er dagegen Arme  – sofern sie ein gutes Herz haben, aber auch die reuigen Sünder. Dabei ist er in eigener Sache unterwegs. Sucht er doch seine lang verschollene Tochter.

Fast 2000 Seiten lang ist der dicke zweibändige Schinken. Und ich habe mich bis jetzt (Seite 1311) nicht eine einzige Minute gelangweilt – eine Fülle von unterschiedlichsten Charakteren, immer neue Situationen, ein ständiges Auf und Ab im Kampf gegen das Böse machen den Roman kurzweilig und unterhaltsam. Dass Sue nur scheibchenweise etwas über seine Figuren preis gibt und immer kleine Cliffhanger einbaut, sorgt für ständige Spannung.

Es ist auch eine Gelegenheit für den Leser, durch die Stadtlandschaft von Paris zu gehen, die noch nicht die Reform „Haussmann“ erlebt hat. Die Straßen im Paris des Jahres 1827 sind endlos gewunden, manchmal dunkel, manchmal breit, manchmal uneben. Das bewirkt unendliche Staus und der Luftstrom wird behindert. Paris ist schmutzig und die Abwässerkanäle sind eine Gefahr für die Gesundheit. Die Cholera-Epidemie hat 1832 gewütet. Erst zwanzig Jahre später, in den späten 1850er, wird Baron Haussmann Boulevards und breite Alleen anlegen. Dann erlebt die Großstadt eine rasanter Verwandlung: neue Boulevards und Plätze, Bahnhöfe und Metro, die Gare Saint Lazare und das Europa-Viertel, Sacré-Coeur auf dem Montmartre und der Eiffelturm an der Seine oder die wachsenden Industrieanlagen am Rande der Stadt.

Sue wollte keine hohe Literatur schreiben, sondern auf soziale Missstände aufmerksam machen. Er glaubte an die soziale Aufgabe der Kunst.

Denn wir können immer nur wiederholen: Die Gesellschaft will nur bestrafen, und zur Verhütung des Bösen hat sie nie etwas unternommen.

(…) Lässt sie eine heilsame  und schützende Vormundschaft an die Stelle des Vaters treten, den das Gesetz für unwürdig und ehrlos erklärt oder gar getötet hat?

Nein! Die tote Bestie richtet keinen Schaden mehr an, sagt die Gesellschaft … aber sie irrt sich.

Schlagartig berühmt wurde Sue durch Die Geheimnisse von Paris, die vom 19. Juni 1842 bis zum 15. Oktober 1843 fast täglich als Fortsetzungsgeschichte in der (eher konservativen) Tageszeitung Le Journal des Débats erschienen und zu einem literarischen und sozialen Ereignis ersten Ranges wurden. Ebenso wurden sie in La Presse veröffentlicht, einer liberalen Zeitung, die auch Balzacs Geschichten abdruckte. In Leserbriefen konnte man Wünsche äußern und auf die Handlung Einfluss nehmen. Die wöchentliche Fortsetzung machte dies möglich.

Er wurde einer der bestbezahlten Autoren Frankreichs. Der Roman wurde übersetzt und in vielen Ländern veröffentlicht.

Dutzende von Romanen, inspiriert von den Geheimnissen von Paris werden in der ganzen Welt veröffentlicht: Die Geheimnisse von Marseille von Emile Zola, Die Geheimnisse von London von George WM Reynolds, Die neuen Geheimnisse von Paris von Léo Malet …

Die Geheimnisse ermutigten Victor Hugo, seinen Roman „Die Elenden“ zu schreiben. Er erwähnte Sue explizit, als Hommage. Er nannte Sue den „Dickens von Paris“.

Theodor Fontane rechnete noch 1889 Sues Geheimnisse von Paris und Der ewige Jude zu den „besten Büchern“ überhaupt.

Théophile Gautier schrieb: „Ganz Frankreich beschäftigte sich während mehr als einem Jahr mit den Abenteuern des Prinzen Rodolphe, bevor es sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmerte. Kranke warteten mit dem Sterben, um das Ende der Geheimnisse zu erfahren.“

Friedrich Engels schrieb im Februar 1844: „Der wohlbekannte Roman von Eugène Sue, die ‚Geheimnisse von Paris‘, hat auf die öffentliche Meinung, ganz besonders in Deutschland, tiefen Eindruck gemacht; die eindringliche Art, in der dieses Buch das Elend und die Demoralisierung darstellt, die in großen Städten das Los der ‚unteren Stände‘ sind, mußte notwendig die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Lage der Armen im allgemeinen lenken.“

Dumas wurde durch seinen Verleger angesichts des durchschlagenden Erfolgs der Geheimnisse gedrängt, den Grafen von Monte Christo zu schreiben.

Sues Fortsetzungsromane der 1840er Jahre und ihre zahllosen Übersetzungen und Nachahmungen in ganz Europa bedeuteten den Durchbruch des neuen Genres des Fortsetzungsromans im Feuilleton der vielen neu gegründeten Tageszeitungen, die sich ihrerseits von leicht konsumierbarem Lesestoff für ein breites Publikum höhere Käuferzahlen und größere Marktanteile erhofften.

 

Leider enthalten die Bände kein weiteres Hintergrundmaterial. Man muss sich mühsam alles zusammensuchen. Schön die zeitgenössischen Illustrationen.

 

http://www.suhrkamp.de/buecher/die_geheimnisse_von_paris-eugene_sue_35088.html

Bei Gutenberg lesen: http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-geheimnisse-von-paris-1904/1

 

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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7 Antworten zu Der Schurimann, die Schallerin, die Eule, Rotarm, die Lachtaube, Herr Rudolph und andere

  1. SalvaVenia schreibt:

    Wirklich sehr spannend und faszinierend, diese Rezension. Kann das Gesagte nur unterstützen. Da braucht es jetzt nur noch ganz viele Likes und entsprechende Buchbestellungen. .)

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  2. perlengazelle schreibt:

    Es muss nicht immer der neueste Roman sein, hinter dem man her hechelt, den man unbedingt gelesen haben muss, bei dem man mitreden muss – lieber ein bisschen entschleunigen und bei den Klassikern stöbern. 🙂

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  3. hokuspokus77 schreibt:

    Vielen Dank für diesen Beitrag. Darf ich den rebloggen?

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  4. hokuspokus77 schreibt:

    Hat dies auf Hauptsache Bücher rebloggt und kommentierte:
    Gefunden bei perlengazelle: Ein sehr interessanter Beitrag über die Geheimnisse von Paris von Eugène Sue. Die Geheimnisse gibt es auch bei LibriVox, Band eins auf Englisch, Band eins und zwei auf Französisch.

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