Über-Ich

Elisabeth Reuter_Kafka Das Urteil

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Elisabeth Naomi Reuter_Kafka „Das Urteil“

 

Diese Geschichte ‚Das Urteil‘ habe ich in der Nacht vom 22. bis 23. von zehn Uhr abends bis sechs Uhr früh in einem Zug geschrieben. Die vom Sitzen steif gewordenen Beine konnte ich kaum unter dem Schreibtisch hervorziehn. Die fürchterliche Anstrengung und Freude, wie sich die Geschichte vor mir entwickelte, wie ich in einem Gewässer vorwärtskam. Mehrmals in dieser Nacht trug ich mein Gewicht auf dem Rücken. Wie alles gesagt werden kann, wie für alle, für die fremdesten Einfälle ein großes Feuer bereitet ist, in dem sie vergehn und auferstehn. Wie es vor dem Fenster blau wurde. Ein Wagen fuhr. Zwei Männer über die Brücke gingen. Um zwei Uhr schaute ich zum letzten Male auf die Uhr. Wie das Dienstmädchen zum ersten Male durchs Vorzimmer ging, schrieb ich den letzten Satz nieder. Auslöschen der Lampe und Tageshelle. Die leichten Herzschmerzen. Die in der Mitte der Nacht vergehende Müdigkeit. Das zitternde Eintreten ins Zimmer der Schwestern. Vorlesung. Vorher das Sichstrecken vor dem Dienstmädchen und Sagen: „Ich habe bis jetzt geschrieben.“ Das Aussehn des unberührten Bettes, als sei es jetzt hereingetragen worden. Die bestätigte Überzeugung, daß ich mich mit meinem Romanschreiben in schändlichen Niederungen des Schreibens befinde. Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele. Vormittag im Bett. Die immer klaren Augen. Viele während des Schreibens mitgeführte Gefühle, zum Beispiel die Freude, daß ich etwas Schönes für Maxens ‚Arkadia‘ haben werde, Gedanken an Freud natürlich, an einer Stelle an ‚Arnold Beer‘, an einer andern an Wassermann, an einer an Werfels ‚Riesin‘, natürlich auch an meine ‚Die städtische Welt‘.
Franz Kafka_Tagebuch 23. 9. 1912
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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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6 Antworten zu Über-Ich

  1. Naomi schreibt:

    Danke, liebe Gazelle. Und wie schön, dass du Kafkas Beschreibung seiner Arbeit am „Urteil“ dazu gestellt hast. Der Text ist ja unglaublich berührend. Btw – sag mal, hast du meine zwei Mails erhalten? Nicht, dass mein Mailprogramm wieder spinnt … 😉

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  2. perlengazelle schreibt:

    Immer gerne! 🙂
    Alles bekommen, danke!!

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  3. Elvira schreibt:

    Ich stelle mir vor, dass ein letzter Anlass einen Menschen dazu bringen kann, in wenigen Stunden eine Geschichte zu schreiben, die wohl schon lange darauf wartete, geschrieben zu werden. Der Hinweis auf Freud verrät ja sehr viel. Das Gemälde gefällt mir ausgesprochen gut!

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  4. Naomi schreibt:

    Danke, Elvira. Es freut mich sehr, dass dich meine Bilder erreichen.

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