Irdisches Paradies

“Was groß ist am Menschen, das ist, daß er eine Brücke und kein Zweck ist: Was geliebt werden kann am Menschen, das ist, daß er ein Übergang und ein Untergang ist.”

Friedrich Nietzsche_Also sprach Zarathustra

Kirchner_PhotoEigentlich hätte er etwas “Anständiges” werden sollen. Keine Flausen, sondern ein seriöses Architekturstudium, befand sein Vater. Und so studierte der gehorsame Sohn Ernst Ludwig Kirchner an der Technischen Hochschule Dresden und machte dort sein Examen als Diplomingenieur. Doch schon drei Wochen vor dem Abschluss gründete er zusammen mit den Malerkollegen Erich Heckl, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl die Künstlergemeinschaft “Die Brücke”. Den Namen gaben sich sich in Anlehnung an das Nietzsche-Zitat. Sie wollten sich “Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen, älteren Kräften”, wie es im Manifest der Brücke heißt.

 

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Alle vier Brücke-Maler zog es in die Großstadt, aber es zog sie auch ans Meer. Sie liebten die Ostsee, die ruhige Landschaft und das Licht des Nordens. E. L. Kirchner hatte für sich die Insel Fehmarn entdeckt. In der Abgeschiedenheit der damals einsamen Ostsee-Insel fand er ein Leben in unberührter Natur, sein “irdisches Paradies mit wundervoller Küstenbildung, manchmal Südseereichtum”. In den Jahren 1908 und 1912 bis 1914 entstanden hier 120 Ölbilder, Hunderte von Zeichnungen und viele Skulpturen.

“Ich lernte den ersten Wurf schätzen, so daß die ersten Skizzen und Zeichnungen für mich den größten Wert hatten. Was habe ich mich oft geschunden, das bewusst zu vollenden auf der Leinwand, was ich ohne Mühe in Trance auf der Skizze ohne weiteres hingeworfen hatte und was so vollendet und ruhig war, daß es fertig erschienen.”

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“Man kann immer nur dann gute Sachen malen, wenn man sich gute Farbe hält. Wie schön ist die Zusammenstellung der Töpferfarben. Leuchtendes Blaugrün, gelbliches Weiß, rotbraun und schwarzbraun. Damit kann man alles malen. Blau braucht man gar nicht. Das ist eigentlich eine ordinäre Farbe.”

 

Viermal besuchte Kirchner die Insel Fehmarn. Mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges musste Kirchner die Insel verlassen. “Es fiel mir schwer, so plötzlich abzureisen, da ich dieses Jahr vollständig in der Landschaft und dem Leben da aufging und nur, fast ohne Bewusstsein, zuzugreifen brauchte.”

Er sollte sein irdisches Paradies nie wiedersehen.

1915 meldete er sich als „unfreiwillig Freiwilliger“ zum Militärdienst. Er erlitt einen seelischen und körperlichen Zusammenbruch schon während der Ausbildung, was zu seiner zur Entlassung führte. Es folgen mehrere Santoriumsaufenthalte. 1917 zog er nach Frauenkirch bei Davos in der Schweiz. Es entstand ein umfangreiches Werk.

„Jetzt heckelt und kirchnert es von allen Wänden.“, beklagte sich ein Kunstkritiker 1920 angesichts der Fülle expressionistischer Kunst, die sich in Deutschland nach dem ersten Weltkrieg zum kulturellen Markenzeichen der Weimarer Republik aufgeschwungen hatte.

1937 wurden seine Werke in deutschen Museen als „entartet“ beschlagnahmt und in der Wanderausstellung „Entartete Kunst“ zur Schau gestellt. Die Akademie der Künste in Berlin forderte das Mitglied Kirchner zum Austritt auf.

Krankheiten breiteten sich in seinem Körper aus, gegen die Qualen eines vermutlichen Magen- oder Darmkrebses nahm er morphiumhaltige Schmerzmittel in großen Mengen.

Als die deutsche Truppen im März 1938 nach Österreich einmarschierten und nur 25 km Luftlinie von Davos standen, wurde seine depressive Einsamkeit verstärkt. Zu seinem Geburtstag am 6. Mai traf kein einziger Glückwunsch ein. Am 15. Juni 1938 wählte er den Freitod.

 

Heute gilt Kirchner als einer der wichtigsten Künstler nicht nur der deutschen, sondern der gesamten Moderne.

 

 

http://www.fehmarn.de/media/pdf/ErnstLudwigKirchner.pdf

 

 

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