Walverwandtschaften

Die Harpune wurde geschleudert; der getroffene Wal flog davon; mit funkenwerfender Geschwindigkeit lief die Leine durch die Rundsel; – lief sie unklar. Ahab bückte sich, sie zu verklaren; doch die hinfliegende Schleife erwischte ihn am Hals, und ohne Laut, wie stumme Türken ihr Opfer erdrosseln, wurde er aus dem Boot gerissen, ehe noch die Mannschaft wußte, daß er dahin. Im nächsten Moment flog der schwere Augspleiß am Ende des Taues aus der ganz entleerten Tonne, schlug einen Ruder nieder und verschwand, indem er auf dem Meer aufschlug, in dessen Tiefen.

Einen Augenblick lang stand die ohnmächtige Bootsmannschaft reglos da; dann wandten sie sich um. „Das Schiff? Großer Gott, wo ist das Schiff?“

Herman Melville _ Moby-Dick

 

Eschels

 

 

 

 

 

 

 

Jens Jacob Eschels

Dieser Fisch war ein böser Teufel. (…) Wir kamen mit allen Schalupen der beiden Schiffe, zwölf an der Zahl, herbei und umringten den Fisch, der fast beständig über dem Wasser blieb (das heißt mit dem halben Körper) und schossen drei Harpunen an ihn fest, konnten aber nicht gehörig an ihn kommen um ihn zu lensen oder todt zu stechen, denn erschlug mit dem Schwanze so unbändig, daß man sich ihm nicht nahen durfte. Wenn er einen Augenblick ausruhte und stille lag, bekam er wohl einige Lensenstiche, allein er war so wüthend, daß er noch zwei Schalupen entzwei schlug.

Jens Jacob Eschels_Lebensbeschreibung eines alten Seemannes

 

Der Anfang des 17. Jahrhunderts beginnende Walfang brachte den nordfriesischen Inseln ein „Goldenes Zeitalter“. Die holländischen Reeder rüsteten mit Vorliebe ihre Walfängerflotte mit nordfriesischen Seeleuten aus. Bald schon gab es komplette Besatzungen von Föhr, Sylt oder Amrum.

Der 1757 in Nieblum auf Föhr geborene Jens Jacob Eschels suchte im Alter von 11 Jahren in Amsterdam zum ersten Mal eine Heuer.

Ich bat also meine Mutter, daß sie sich umsehen sollte für eine Häuer zu bekommen; sie sagte aber, geh du selbst hin (sie dachte, daß ich es nicht thun würde; denn weil ich noch so klein war, wollte sie mich noch ein paar Jahre zu Hause behalten). Ich sagte, zu wem soll ich hingehen? sie sagte, gehe hin zu Martin Knudten im Dorfe Midlum. Weil ich bange war, der Commandeur möchte mich noch zu klein finden, zog ich zwei Paar Strümpfe, drei Hosen und drei Futterhemden an, damit ich doch etwas dicker und männlicher aussehen möchte.

Er folgte seinen Landsleuten mit den im Frühjahr abfahrenden Schmacken nach Amsterdam und begann die Stufenleiter nautischer Aufstiegsmöglichkeiten auf der untersten Stufe. In Holland wurden die Walfang-Schiffe für die Fahrt hergerichtet und gingen Anfang April in See nach Spitzbergen oder Grönland.

Meine Arbeit lernte ich gut verrichten; das allerärgste für mich war, das gelbe Erbsen-Back auszuschrapen oder was die Leute, die hier an der Back (eine große hölzerne Schüssel) speisen, nachlassen, muß der Backs-Junge, und das war ich, an der Officiers-Tafel, rein aufessen. Da ich nun von Kindheit an nie gerne gelbe Erbsen aß, so war dies eine große Plage für mich, vornämlich da der Koch mir drohete, es dem Commandeur zu zeigen, wenn ich das Back nicht rein genug leer gegessen hätte.

(…) Eines Tages kam der Commandeur mit dem Oberzimmermann (der auch zugleich Harpunier war) und dem andern Officier der die Wache auf dem Deck hatte, in die Cajüte, um selben einen Schnaps Genever zu geben; es war noch kein 11 Uhr und mein Cajütstisch schon gedeckt; so sagte der Commandeur zu mir, du bist frühe dabei den Tisch fertig zu machen; der Zimmermann sagte, mit Jens geht alles gut, nur das Gelberbsen-Backschrapen will nicht recht gehen, da weinet er manchmal bei. Da sagte der Commandeur, nun, wenn dir dies eine so große Plage ist, so machst du hinführo das Back dem Schiffshunde geben, daß er es ausleckt. Wie froh war ich!

Seine erstes Geld verwendete Eschels für Navigationsutensilien und den Unterricht in der Steuermannskunst. Auf Föhr gab es mehrere private Seefahrerschulen, in denen Pastoren und ehemalige Commandeure  für geringe Gebühren im Winterhalbjahr Unterricht gaben.

(…) ging diesen Winter zur Steuermannsschule, und zwar abends von 6 bis 12 Uhr (…)  Jeder Schüler hatte, so wie derzeit üblich war, seine drei Rechensteine mit, und diese mußten alle Abend voll gerechnet sein; ich aber kam bald soweit, daß ich diese drei Rechensteine schon lange vor 12 Uhr voll gerechnet hatte, und nun, um die übrige Zeit nicht müßig zu sitzen, machte ich einen Strich längs der Mitte der Rechentafel, und so konnte ich doppelt so viele Exempel auf meiner Rechentafel haben, als die andern. Des andern Tags wurde es dann von den Tafeln in mein Steuermannsbuch geschrieben,welches ich noch aufbewahre.

In der Folge fuhr er in alle wichtigen Gebiete des damaligen Seehandels. Von Grönland, Spitzbergen und Archangelsk über Nordafrika und die Levante bis nach Westindien. Er arbeitete sich bis zum Kapitän hoch. In den Wirren der Kolonialkriege gab Eschels als Vierzigjähriger die Seefahrt auf und wurde Kaufmann, Fabrikant und Reeder. Er starb 1842 im damals dänischen Altona bei Hamburg.

Für seine Nachkommen schrieb er seine Lebenserinnerungen auf und ließ sie auf seine Kosten drucken. Die Lebensbeschreibung eines alten Seemannes, von ihm selbst und zunächst für seine Familie ist die früheste deutsche Kapitänsautobiographie überhaupt.

Das Buch ist mühsam zu lesen, bietet aber einen interessanten Einblick in die Lebens- und Arbeitsverhältnisse im 18. Jahrhundert und eine Fülle von Informationen zur Schiffahrt.

 

 

Buch Eschels

 

 

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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