Sind Bücherfresser friedlich?

Im Moment scheint die ganze Welt verrückt zu spielen. Im Mittleren und Nahen Osten, in der Ukraine und weiß der Himmel, wo sonst noch, bekämpfen sich Menschen bis aufs Blut. Längst hat man den Überblick verloren. Es wird einem Angst und Bange.

Aber wenn man die Feuilletons in den Gazetten verfolgt, die unendlichen vielen Bücherblogs, könnte man sich in einer friedlichen Welt wähnen. Wir ergötzen uns an einem Gedicht von Rilke, wir diskutieren, ob ein Autor zu Recht den neuesten Buchpreis bekommen hat, wir ereifern uns über die Frage, ob der häufige Gebrauch des Adjektives ‚blau`auf ein Kindheitstrauma des Autors hinweist. Die Realität, die wirklichen Katastrophen, der Krieg finden nicht statt.

Statt auf die Straße zu gehen und flammende Reden gegen Kriegstreiber, Terroristen, Rassisten zu halten, oder in blogs kluge Aufsätze darüber zu schreiben, wie wir die Welt besser und gerechter machen können, hetzen wir von einer Rezension zur nächsten – immer auf der Suche nach dem einen Buch, das die Antwort ist auf all unsere Fragen.

Gibt es das überhaupt?

Und können Bücher Kriege verhindern?

Richtig ist: Bildung verhindert, dass uns durchgeknallte Idioten manipulieren, uns für ihre Zwecke einspannen, uns mit Heilsversprechen das Paradies verheißen können. Richtig ist aber auch, dass ein einziger hochintelligenter belesener Allmachtsphantasierer die richtigen Knöpfe kennt, die er drücken muss, um sein Volk in Rage zu bringen.

Ist nun ein Gespräch über Bücher fast ein Verbrechen, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt?

Sind wir Bücherfresser zwar friedlich, aber realitätsfremd? Dürfen wir lesen um des Lesens willen?

Ob wir es sehen (wollen) oder nicht: der Krieg findet statt. Und er betrifft uns. Unmittelbar. Spätestens nach dem Abschuss von Flug MH17 sollten wir das kapiert haben.

 

 

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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8 Antworten zu Sind Bücherfresser friedlich?

  1. Elvira schreibt:

    Auch wenn ich von meinem Blog mehr oder weniger Urlaub mache, lese ich dennoch in wenigen Blogs weiter, darum hier meine Überlegungen zu Deinem heutigen Beitrag.
    Du stellst eine interessante Frage. Ähnliches fragen sich zur Zeit viele Menschen, wenn auch nicht im Zusammenhang des Bücherlesens. Hatice Akyün fragt sich heute in ihrer Tagesspiegel-Kolumne, ob sie „in Anbetracht der sich überall überschlagenden Katastrophen von Tod, Verstümmelung und dem Auslöschen ganzer Familien, Hass und gegenlas, Terror und sich unendlich aufschaukelnder Gegengewalt überbaut noch gute Laune haben darf“. Sie erzählt von Freunden, die es missbilligen, dass sie fröhliche Urlaubsbilder via Twitter und Facebook veröffentlicht. Sie schreibt, dass wir in Zeiten leben, in denen man zwischen Falsch und Falsch entscheiden muss.
    Ich habe letztens in einem Radiobericht gehört, dass es auf der Welt noch nie friedlicher zuginge als heute. Was sich zunächst wie ein schlechter Witz anhörte, wurde anschließend genau erklärt. Es scheint wirklich so zu sein.
    Für mich persönlich ist jeder Krieg ein Krieg zu viel. In meinen jungen Jahren war ich aktive Friedesnaktivistin. Ich gehörte der Frauenfriedensbewegung an (etwas, das ich so heute nicht mehr machen würde, denn Frieden ist geschlechtsunabhängig. Aber damals ging es um noch mehr als „nur“ den Frieden). Heute gehe ich nur noch selten auf Demos und das nicht nur deshalb, weil ich nicht mehr so schnell rennen kann.
    Und ja, ich lese weiter Bücher, lasse mich fesseln von Sprache und Geschichten. Denn Bücher sind mehr als ein Zeitvertreib. Sie sind auch Tröster und Fluchthelfer. Und manchmal sind sie Augenöffner. Das geschriebene Wort, der zu Papier gebrachte Gedanke, war für mich stets ein Blick in andere Köpfe, andere Welten, andere Kulturen. Ich hatte immer die Hoffnung, dass Bücher die Welt verbessern, sie friedlicher werden lassen könnten. Das Tagebuch der Anne Frank gehörte zu diesen Büchern. Aber in dieser Beziehung habe ich mich wohl geirrt.

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    • perlengazelle schreibt:

      Ich danke dir für deinen langen Kommentar.
      Auslöser für meinen Beitrag war ein ZEIT-Artikel „Kann man Kriege verhindern?“ Der Autor vertritt die Meinung, dass trotz allem Friedensdiplomatie der einzige Weg ist – geduldig, langwierig, mühsam.
      Ich weiß natürlich, dass es keinen einzigen Konflikt weniger auf der Welt gibt, wenn wir weniger lesen. Und nur noch Trübsal blasen. Und wenn ich mich aufrege, interessiert es niemanden.
      Ein Grund also zu resignieren?
      Zum Schluss wird in dem Artikel der Astronaut Frank Bormann zitiert, der mit Apollo 8 vor 40 Jahren den Mond umrundet hat: „Wenn du da oben auf die Erde zurückblickst, verschwimmen all diese Unterschiede und Nationalcharaktere, und du denkst, dass das vielleicht wirklich eine Welt ist und warum wir, zum Teufel noch mal, nicht lernen können, wie anständige Leute zusammenzuleben.“
      Recht hat er.

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      • Elvira schreibt:

        Diese Aussage Bormanns habe ich letztens auch irgendwo gelesen. Und ja, er hat absolut Recht! Vor langer Zeit gab es auf YouTube, ich glaube mich jedenfalls zu erinnern, dass es dort war, ein Video, das unseren Planeten zeigte und dann immer weiter von uns wegzoomte. Schließlich blieb nichts mehr übrig, was mit bloßem Auge erkennbar gewesen wäre. Wenn wir Menschen uns klarmachen würden, dass wir nicht mal so groß wie ein Staubkorn im Universum sind…..

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  2. perlengazelle schreibt:

    Im Radio war es heute auch Thema. Eine Hörerin rief an und sagte, man solle sich immer fragen: „Was tue ich meinen Kindern an?“ Eine gute Frage …

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  3. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Ich verstehe deine Bedenken, liebe Perlengazelle. Nicht erst seit den aktuellen Krisen, Konflikten und Kriegen stellen sich die Menschen die Frage nach dem Sinn ihres ganz alltäglichen Tuns und Treibens. Aber aufzugeben, was das (eigene) Leben bereichert, wäre für niemanden eine Hilfe. Resignieren ebensowenig.

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  4. perlengazelle schreibt:

    Nein, es würde niemandem helfen.
    Im Gegenteil. Ich denke an Teofila und Marcel Reich-Ranicki, denen im Getto – inmitten von Tod und Grauen – Musik und Literatur so viel Trost und Kraft gespendet haben. Und den Willen zum Durchhalten. https://gazelleblockt.wordpress.com/2014/06/23/eine-gezeichnete-ihr-leben-lang/

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  5. Myriade schreibt:

    Und, man muss auch das sagen: hätten die vielen Fanatiker die derzeit die Welt in Geiselhaft halten jemals irgendwas gelesen außer einseitige (meist religiöse) Schriften und hätten sie jemals irgendetwas kritisch in Frage gestellt oder selbst darüber nachgedacht, würde die Welt auch anders aussehen.

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  6. perlengazelle schreibt:

    Im Namen der Religion – oder was viele dafür halten – wird viel Schindluder getrieben. Das ist wohl wahr …

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