Mühlenradgedanken

Das zerbrochene Ringlein

In einem kühlen Grunde
Da geht ein Mühlenrad,
Mein Liebste ist verschwunden,
Die dort gewohnet hat.

Sie hat mir Treu versprochen,
Gab mir ein’n Ring dabei,
Sie hat die Treu gebrochen,
Mein Ringlein sprang entzwei.

Ich möcht als Spielmann reisen
Weit in die Welt hinaus,
Und singen meine Weisen,
Und gehn von Haus zu Haus.

Ich möcht als Reiter fliegen
Wohl in die blut’ge Schlacht,
Um stille Feuer liegen
Im Feld bei dunkler Nacht.

Hör ich das Mühlrad gehen:
Ich weiß nicht, was ich will –
Ich möcht am liebsten sterben,
Da wär’s auf einmal still!

Joseph Freiherr von Eichendorff (1810)

 

Eichendorff (1788 – 1857) war als neunzehnjähriger Student zusammen mit seinem Bruder nach Heidelberg gekommen, um ihre in Halle unterbrochenen Studien der Rechtswissenschaften fortzusetzen. Dort wurde er bald vom Schwung der romantischen Bewegung erfasst.

Graf von Loeben („Isidorus“), Budde, Strauß und die Eichendorff-Brüder (Wilh. E.“Pollux“ und Joseph „Flores“) gründeten einen literarischen Kreis, den sie den „Eleusinischen Bund“ nannten. Sie diskutierten über Dichtung und studierten Theaterstücke ein. Treffpunkt des der Freude war der Rote Ochse. Gegenüber befand sich das Elternhaus der Katharina Förster.

Katharina Förster war die Tochter des Rohrbacher Küfermeisters Johann Georg Förster und seiner Ehefrau Maria Barbara. Diese war eine geborene Astor – eine Verwandte (Halbschwester?) des Walldorfer Astors, der in Amerika zum Millionär wurde. Achtzehnjährig kam sie zu ihrem Bruder, der als Bäckermeister in Heidelberg eine Bäckerei betrieb, um ihm im Haushalt zu helfen.

Am 1. Juli 18o7 zieht Eichendorff als Untermieter in das Haus vom Bäcker Förster. Wahrscheinlich begegnen sich Katharina und Eichendorff dort zum ersten Mal. Katharina hilft ihrer Schwägerin auch bei der Betreung der Untermieter. Katharina F. und Eichendorff verlieben sich ineinander.

Tagebuch – Katharina = K.

7. Februar 1808: Verunglückter Spaziergang nach Rohrbach mit Isidorus. Wie wir zurückkehren, geht K. mit dem Bruder nach Rohrbach. Mein Nachrennen und Einholen. Großer Wind. Trauer eines fast gebrochenen Herzens. Sich selbst bedauern. Ich allein im Ochsen. Trüber Tag. Die Laden dunkel zu. Rauschen des Baches draußen. Nach kurzem Harren herzlich munterer Rükweg. Erzählungen von Schlesien. Abschied am Schießthore.

10. Februar 1808: Nach großem Zank von gestern nach Rohrbach früh weg. – Sehr glatt und viel Schnee. Hertzzerschneidende Resignation. Viel Rohrbacher begegnend. Schnupftuch. Winken durch die dürren Bäume rechts am Haus. Unsägliche Bangigkeit. – Abends wieder da.

21. Februar: Abends mit K. aus. Schöner Sternenschein. Jungfer Epin. Spatziergang auf der großen Straße.

6. März 1808: Nachmittags mit K. nach Rohrbach. Großer Koth. Am Dorfe an den Sträuchern des letzten Gartens. A. l. E. (Adieu lieber Eichendorff).

19. März 1808: Nachmittags schrecklich nachgelaufen nach Rohrbach. Den Namen in den Schnee. Herausgucken bei meinem Hinaufgehen in der langen Straße. Beim Vater. Uralte Großmutter. Wein und Nüsse.

21. März 1808: Große Händel wegen gemachter Entdeckungen…

27. März 1808: … Dann schnellstmöglich nach Rohrbach. Wieder beim Vater, u. Wein u. Nüsse. – Rot und schön. – Der schöne Wilhelm. – Gespräche über die Bibel. – (Schlaues Lauschen der kleinen Schwestern.) Überall protestantische Rotkäppchenartige Sonntagsruhe fast mystisch. Darauf mit dem schönen Studentchen – bey großem Winde nach Hause. – Traurig.

3. April 1808: Als ich eben vom Spaziergange zurückkam, K. mit Schwester und Kameradin nach Rohrbach hinaus, unerwarteterweise Heidelberg ganz verlassend. – Isidor u. viele Studenten begegnend. Schöner warmer Abend. K. umschlungen u. sehr lieb. An der wohlbekannten Hecke am Bache langer herzlicher Abschied. Durch die Dämmerung mit Pollux nach Hause.

 

Hier brechen die Tagebuchaufzeichnungen ab. Am 5. April brachen die Eichendorff-Brüder überhastet auf, verließen Heidelberg und reisten nach Paris. Die beiden Liebenden haben sich nie mehr gesehen.

Katharina starb mit 48 Jahren am 30. Juli 1837. Sie hat nie geheiratet. Die letzten Jahre arbeitete sie in einer Bäckerei und Wirtschaft in Heidelberg.

 

Im Alter verfasste Eichendorff verschiedene Werke, in denen er sich ans eine Studentenzeit in Heidelberg erinnert. Hierzu zählen der Rückblick „Halle und Heidelberg“ und das Gedicht „Einzug in Heidelberg“ (1855):

(…)

Als ich dereinst in Heidelberg studierte,
Stand dort ein kleines Haus duftig umweht,
Vom Lindengange, der zum Schloßberg führte
Ich weiss es nicht, ob es jetzt noch droben steht…

 

Eichendorff hat sein Käthchen wohl nicht vergessen:

Bei einer Linde

Seh ich dich wieder, du geliebter Baum,
In dessen junge Triebe
Ich einst in jenes Frühlings schönstem Traum
Den Namen schnitt von meiner ersten Liebe?

Wie anders ist seitdem der Äste Bug,
Verwachsen und verschwunden
Im härtren Stamm der vielgeliebte Zug,
Wie ihre Liebe und die schönen Stunden!

Auch ich seitdem wuchs stille fort, wie du,
Und nichts an mir wollt weilen,
Doch meine Wunde wuchs – und wuchs nicht zu,
Und wird wohl niemals mehr hienieden heilen.

1826

 

 

 

 

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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