Eine Gezeichnete – ihr Leben lang

Getto 2

 

 

 

 

 

 

 

Selektion

Hier irgendwo stehen wir. Wir halten uns an der Hand. Das ist der Hof in der Zamenhof-Straße, und das ist unsere Selektion. Da, der SS-Mann wird gleich mit der Peitsche zeigen – nach links: in den Tod, nach rechts: ins Leben …

 

Grafikerin und Illustratorin hatte sie werden wollen. Am ersten September 1939 wollte Teofila (Tosia) Langnas an der École des Beaux Arts in Paris anfangen, Graphik und Kunstgeschichte zu studieren. An diesem Tag überfielen die Deutschen Polen.

Teofila Langnas wurde 1920 in eine jüdische Kaufmannsfamilie geboren. Ihr Vater Fajwel Langnas war Mitbesitzer der Tuchfabrik „Langnas, Goldblum und Zajackowski“. Die Familie besaß mehrere Häuser in Lodz.

Im Dezember 1939 floh die Familie Langnas aus Lodz nach Warschau, später musste sie in das Getto umziehen. Aus Verzweiflung erhängte sich ihr Vater Paweł Langnas am 2. Januar 1940 in Warschau. Reich-Ranickis Mutter, die im selben Haus wie die Familie wohnte, erfuhr von dem tragischen Unglück und schickte ihren Sohn dorthin, damit er sich um die Tochter kümmere. Seither waren Marcel und Tosia unzertrennlich.

Das Elend in dem Getto hielt sie in Form etlicher Aquarelle fest, die mit „T. Reich“ gezeichnet sind.

Getto 1

 

 

 

 

 

 

 

Hungertod

Der Tote ist bedeckt mit der „Gazeta Żydowska“ – die Getto-Zeitung, in der Marcel Reich-Ranicki unter dem Namen Wiktor Hart Konzertrezensionen schrieb.

Sie zeichnete „Die Dame im Wandel der Jahrhunderte“. Dadurch bekam sie ein kleines Stipendium für Zeichenstunden.  Diese Stunden gab der Maler Otto Axer.

Der BajazzoCarmen Der Bajazzo

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Carmen

 

 

 

 

 

 

 

 

Den „Damen im Wandel der Jahrhunderte“ folgten „Die Heroinen der Opernbühne“. Sie zeichnete  Kostümentwürfe für Tosca, Mimi oder Nedda aus dem „Bajazzo“. Die Musik war neben der Literatur das zweite Refugium, in das sich Marcel und Teofila zurückziehen konnten. Er gab ihr den Inhalt der Libretti wieder, summte seine Lieblingsarien. Sie zeichnete. Die Oper war eine Märchenwelt gewesen. „Alle im Getto sehnten sich nach einem Märchen.“

Auf Anweisung des Ghetto-Kommissars Heinz Auerswald in Warschau fertigte sie Zeichnungen für einen Bildband an über die ersten Tage im Leben eines Babys an, da Auerswalds Frau ein Kind erwartete. Damit sollte eine Freilassung jüdischer Kinder erwirkt werden, was nur zwei Tage vor der Deportation gelang.

 

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Im Warschauer Getto erhielt Teofila Langnas vorübergehend ein dorthin gelangtes Exemplar der „Lyrischen Hausapotheke“ von Erich Kästner. Sie übertrug es kalligraphisch und schmückte es mit farbigen Vignetten. Diese Abschrift schenkte sie 1941 Marcel Reich-Ranicki, ihrem Freund und späteren Mann, zu dessen 21. Geburtstag. Sie hatte sich bisweilen „`seelischen Nachhilfeunterricht von Erich Kästner`“ erhofft.

War mir je ein schöneres Geschenk zugedacht worden? Ich bin nicht sicher. Doch nie habe ich eins bekommen, auf das mehr Mühe verwendet wurde – und mehr Liebe.

Da saßen wir also zusammen, Tosia und ich, und langsam und nachdenklich lasen wir in dunkler Nacht und bei kümmerlicher Beleuchtung diese deutschen Verse, die sie für mich abgeschrieben hatte. Von einem nahe gelegenen Gettoeingang hörten wir ab und zu deutsche Schüsse und jüdische Schreie. Wir zuckten zusammen, wir zitterten. Aber in jener Nacht lasen wir weiter – die „Lyrische Hausapotheke“. Und, die wir die Liebe noch nicht lange kannten, entzückte die etwas wehmütige, die dennoch wunderbare „Sachliche Romanze“. Wir lasen also von den beiden, denen die Liebe plötzlich abhanden gekommen war „wie andern Leuten ein Stock oder Hut“ und die das einfach nicht fassen konnten. Wir dachten an unsere gemeinsame Zukunft, die es, waren wir überzeugt, gar nicht geben konnte – es sei denn, vielleicht, in einem Konzentrationslager.

Marcel Reich-Ranicki_Mein Leben

 

Ihree Zeichnungen konnte sie noch vor ihrer Flucht aus dem Ghetto heraus schmuggeln und verstecken lassen und hielt sie über 50 Jahre lang unter Verschluss, bevor das Jüdische Museum Frankfurt daraus 1999 eine Ausstellung entwickelte, die sie später auch als Buchband veröffentlichte.

Nach dem Krieg zeichnete Tosia nie wieder. Das Studium an der Warschauer Kunsthochschule brach sie nach einem Semester ab. War immer wieder in psychiatrischer Behandlung.

 

Wer zum Tode verurteilt, den Zug zur Gaskammer aus nächster Nähe gesehen hat, der bleibt ein Gezeichneter – sein Leben lang.

Marcel Reich-Ranicki_Mein Leben

 

Mein Vaterland sind die fünf Jahre …

Tosia Reich-Ranicki_Es war der letzte Augenblick

 

Siehe auch:

My mother Teofila Reich-Ranicki http://www.maths.ed.ac.uk/~aar/surgery/tosia.pdf

Teofila Reich-Ranicki und Hanna Krall_Es war der letzte Augenblick

Es war der letzte augenblick

 

 

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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