Verdammt auf eine Zeitlang, nachts zu wandern

Der Geist des Vaters

An manchen Abenden sitzt er noch da,
wie früher, leicht gebückt,
summend am Tisch
unter der eisernen Lampe.
Die Tuschfeder schürft
über das Millimeterpapier.
Ruhig zieht sie, unbeirrt,
ihre schwarze Spur.
Manchmal hört er mir zu,
den schneeweißen Kopf geneigt,
lächelt abwesend, zeichnet weiter
an seinem wunderbaren Plan,
den ich nicht begreifen kann,
den er niemals vollenden wird.
Ich höre ihn  summen

Hans Magnus Enzensberger

 

In den letzten Jahren seines Lebens – ehe mich die Wanderlust von zu Hause forttrieb – sehe ich meinen siebzigjährigen Vater Abende und Vormittage am Schreibtisch in seinem Zimmer sitzen und sehe den immer ernsten Mann eifrig und tief gedankenvoll Notizen zu seiner Lebensgeschichte aufzeichnen. Viele Papierbogen hat er beschrieben. Aber sei es, daß über dem zähen Ausfeilen der deutschen Sätze und bei seiner haarscharfen Gewissenhaftigkeit ihm der Faden der Erzählung entglitt oder daß den feurigen Mann das Niederschreiben nicht so befriedigte wie das mündliche Erzählen, in welchem er ein Meister war – kurz: von den vielen Stunden, die er seinen Aufzeichnungen widmete, fand ich als Endergebnis in seiner Ledermappe nach seinem Tode nur einige wenige, mit großem Fleiß und großer Klarheit niedergeschriebene Seiten und außerdem einen Papierbogen, auf welchem Hunderte von Kapitelüberschriften aufgezeichnet stehen. Aber zur Ausarbeitung dieser Kapitel ist es nie gekommen.

Max Dauthendy_Der Geist meines Vaters

 

Wie wissen also nicht, ob dieses Ding wirklich Hamlets Vater war und ob es eine gute oder schlechte Nachricht war. Und Hamlet weiß es auch nicht. Aber er sagt okay, ich weiß, wie ich das herauskriege. Ich werde Schauspieler engagieren, die es so spielen sollen, wie der Geist gesagt hat, daß mein Vater von meinem Onkel ermordet wurde, und dann veranstalte ich das und und sehe dann schon, wie mein Onkel reagiert. Und das ist dann nicht wie bei Perry Mason. Sein Onkel wurde nicht wahnsinnig und sagt: „Ich, ich, ich bin ertappt, ich bin ertappt, ich war’s, ich war’s.“ Es klappt nicht. Weder eine gute noch eine schlechte Nachricht. Nach diesem Flop redet Hamlet mit seiner Mutter, und der Vorhang bewegt sich, deshalb glaubt er, sein Onkel stehe dahinter, und sagt: „Na gut, ich habe es satt so verdammt unentschlossen zu sein. „, und er sticht mit seinem Rapier durch die Drapierung. Na, wer fällt heraus? Polonius, der alte Windbeutel. Dieser Rush Limbaugh. Und Shakespeare hält ihn sowieso für einen Narren und ganz schön entbehrlich.

Kurt Vonnegut_Mann ohne Land

 

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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2 Antworten zu Verdammt auf eine Zeitlang, nachts zu wandern

  1. Elvira schreibt:

    70 und summend, wie schrecklich fand ich diese alten Männer. Es waren fast immer Männer, viel seltener Frauen. Ein Vaterbild war das nie, ich hatte nicht das Glück, einen Vater zu haben. Mein Großvater vielleicht, 70, nie summend, dafür nach Zigarre duftend. Ja, duftend, für mich. 70 und summend, mein Mann, veränderter Blick (obwohl, immer noch schrecklich, manchmal, meistens).

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  2. perlengazelle schreibt:

    Mein Opa rauchte auch Zigarren. Fand das auch angenehm. Und in den Zigarrenkästchen wurden dann die Familienphotos aufbewahrt. Hab heute noch eine.

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