Leidenskavalier

Denke ich sehr viel an Sibylle?

Ich würde sagen, dass ich es nicht weiss, ich denke nicht nach, aber ich habe sie noch keine Minute vergessen. Es ist, als hätte ich nie ohne sie gelebt. Nichts verbindet uns, aber ich bin von ihrer Gegenwart durchdrungen, ich erinnerte mich manchmal an den Geruch ihrer Haut oder an ihre Atemzüge, und es ist, als hielte ich sie noch beim Tanzen im Arm oder als sitze sie neben mir und ich brauche nur die Hand auszustrecken, um sie zu berühren. Aber was sollte uns denn verbinden: diese langen Abende, diese langen Nächte, dieser Abschied vor ihrer Tür im grauenden Morgen, diese endlosen Einsamkeiten – –

Annemarie Schwarzenbach_Lyrische Novelle

 

 

Die „Lyrische Novelle“ erschien 1933 – dem Jahr der Machtübergabe an die Nationalsozialisten. Sie erzählt zwar von der unglücklichen Liebe eines Mannes zu einer Frau, doch die Autorin erklärte nach der Veröffentlichung, der Hauptfehler der „Lyrischen Novelle“ sei, dass der zwanzigjährige Held kein Held sei, kein Jüngling, sondern ein Mädchen – das hätte man eingestehen müssen, um die Gefährlichkeit der Verwirrung und die mühsame Erkenntnis menschlicher, richtiger, glaubhafter zu machen.

 

A.S.1

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Schweizerin Annemarie Schwarzenbach (1908 – 1942) war Schriftstellerin, Historikerin, Archäologin und eine der bekanntesten Reisejournalistinnen ihrer Zeit.

Zu ihrer Mutter hatte sie eine schwierige Beziehung. Tatsächlich war ihre Mutter sehr dominant gewesen. Das Kind lernte früh, zu lügen, um dem mütterlichen Zorn zu entgehen. Bei den Eltern verkehrten berühmte Leute, Dirigenten wie Arturo Toscanini und Wilhelm Furtwängler. Annemarie Schwarzenbach sollte ein musikalisches Wunderkind werden, doch sie wählte das Schreiben. Der Mutter passte das gar nicht, das Schreiben konnte sie – anders als das Klavierüben – nicht kontrollieren.
Im Schreiben fand Annemarie Schwarzenbach das Mittel, ihre Identität und die Welt zu entdecken. Schreibend konnte sie selbst die Fäden in der Hand halten und Rollen nach Belieben verteilen.

„Wenn ich ein Buch schreiben wollte, würde ich die Nachricht eines Mordes aus der Zeitung schneiden und würde sie zehnmal lesen. Und würde dann beginnenden Mörder zu lieben … und dann die Frau, die er ermordet hat, und diese Frau hätte einen kleinen Knaben, den ich auch lieben würde, und dann könnte ich beginnen, das Buch zu schreiben.“

 

A.S.2

Entscheidende Begegnungen in ihrem Leben war die mit Klaus und Erika Mann, in die sie sich leidenschaftlich verliebte, die jedoch diese Gefühle nicht erwiderte. Die beiden Frauen waren viele Jahre lang eng mit einander befreundet. Erika half ihr den schwierigen Weg als Künstlerin und politisch engagierte gegen alle familiären Verbote zu gehen.

Klaus Mann hat in seinem Roman „Unter dem Vulkan“ die Hassliebe zwischen Mutter und Tochter thematisiert. Die beiden werden in die Leiterin einer Pension in Amsterdam und in deren Tochter Stinchen verwandelt. Im „Treffpunkt im Unendlichen“ verarbeitet er sie als die Figur „Annemarie“.

Als Erika und Annemarie 1931 nach Berlin gehen, macht Annemarie Bekanntschaft mit Morphium.

1933 reist Annemarie mit der Photographin Marianne Breslauer nach Spanien, was den Start ihrer journalistischen Tätigkeit bedeutet. Für Marianne Breslauer ergaben sich erste ernsthafte Probleme mit ihrer jüdischen Herkunft. Sie wurde aufgefordert, ihre Bilder nicht unter ihrem Geburtsnamen zu veröffentlichen, sondern ein Pseudonym  zu wählen, was sie aber ablehnte. Ihre dort entstandene Aufnahme Schulmädchen wurde jedoch 1934 auf dem Salon international d’art photographique in Paris als „Bild des Jahres“ ausgezeichnet. „Interessiert hat mich nur die Realität, und zwar die unwichtige, die übersehene, von der grossen Masse unbeachtete Realität.“, so Marianne.

A.S.5Viermal reist Annemarie nach Persien, viermal in die Vereinigten Staaten, mehrfach durch ganz Europa und 1939 in Begleitung der Genfer Ethnologin Ella Maillart im eigenen Wagen von der Schweiz bis nach Afghanistan. In weniger als zehn Jahren veröffentlicht sie fast dreihundert Reportagen aus vier Kontinenten. Ihrer letzte große Reise führte sie 1941 in einem alten Chrysler auf einer rund zweitausend Kilometer langen Fahrt durch Afrika vom nordwestkongolesischen Molanda bis an die ostafrikanische Seenplatte.

Selbstbewusst pflegte sie einen unkonventionellen Lebensstil und lebte offen lesbisch. Als scharfsichtige Beobachterin der politischen Situation unterstützte sie die Idee zu Klaus Manns Exilzeitschrift „Die Sammlung“ und auch deren Finanzierung. Sie erschien in Amsterdam und bot emigrierten Schriftstellern ein literarisches Forum.

„Die Äußerungen des dritten Reichs“, schreibt sie an Klaus Mann im April 1933 aus Deutschland, seien „abstoßend und menschenunwürdig und allen Begriffen von Kultur tief zuwider. Ein halbwegs geistig orientierter Mensch, dazu ein Europäer, gehört natürlich in die Opposition. Beteiligt sind wir alle. Sich abwenden ist eigentlich so gut wie Selbstaufgabe und Selbstmord.“

Depressionen und Drogensucht quälen sie. Sie unterzieht sich zahlreichen Entziehungskuren in psychiatrischen Anstalten, in denen zunehmend brachiale „Therapien“ zur Anwendung kamen, wird jedoch immer wieder rückfällig. Sie gibt sich Morphium- und Alkoholexzessen hin. Ihre psychischen Ausraster gingen bis zur Gewalttätigkeit.

Annemarie Schwarzenbachs Leben als Erwachsene stand unter zermürbenden Spannungen mit ihrer Familie. Die Eltern verurteilten die politische Haltung und den Lebensstil ihrer Tochter scharf und straften sie mit drastischem Liebes- und Geldentzug. Zahllose Liebesbeziehungen, die teilweise in Desastern endeten, und ihre Drogensucht untergruben ihr psychisches Gleichgewicht zusätzlich.

1940 lernt sie in New York die amerikanische Schriftstellerin Carson McCullers kennen. Diese verliebt sich in sie – allerdings ohne Gegenliebe – und widmet ihr den Roman „Spiegelbild im goldnen Auge“. „Sie hatte ein Gesicht, von dem ich wusste, dass es mich bis ans Ende meines Lebens verfolgen würde.“, bekannte sie.

1942 stürzt Annemarie Schwarzenbach von ihrem Fahrrad, zieht sich schwere Kopfverletzungen zu und fällt in ein dreitägiges Koma. Danach wird die stark verwirrte Patientin in eine Klinik nach Prangins am Genfer See gebracht. Dort arbeitet eine Ärztin, in die sich Annemarie Schwarzenbach bei einem früheren Aufenthalt verliebt hat und der sie nach wie vor vertraut. Fatalerweise stellt der Klinikleiter die Fehldiagnose eines schizophrenen Schubs, woraufhin die Patientin wochenlang mit Elektroschocks und Insulinkuren gequält wird. Am 15. November 1942 stirbt Annemarie Schwarzenbach im Alter von 34 Jahren.

An Klaus Mann schrieb sie 1935:
Zurückdenkend, zerfetzt sich mir das Leben der letzten Jahre in lauter kleine Episoden, die dem Ganzen mit unheimlicher Deutlichkeit das Provisorische einprägen. Nichts dauert, nichts rundet sich, nichts ist zu halten – u. genau so wird, zum allerletzten Mal zurückdenkend, das Sterben sich präsentieren.
–  Ich glaube, was wir sind: Wir können einfach nicht mehr sesshaft sein u. die Illusion des Dauernden, zu einem Ziel führenden aufrecht erhalten.

 

Werke von Annemarie Schwarzenbach sind hier zu finden:

http://gutenberg.spiegel.de/autor/1460

Photographien von Marianne Breslauer:

http://www.fotostiftung.ch/de/ausstellungen/ausstellungsarchiv/marianne-breslauer/

 

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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10 Antworten zu Leidenskavalier

  1. Xeniana schreibt:

    So spannend!

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  2. Elvira schreibt:

    Mütter und Töchter, ein ewiges Thema. Eine bewundernswerte Frau, klug und schön!

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    • perlengazelle schreibt:

      Die Mutter Renee Schwarzenbach war eine sehr spezielle Person. Sie war über zwanzig Jahre mit der Wagner-Sängerin Emmy Krüger liiert, deren Karriere mit dem „Rosenkavalier“ begonnen hatte. Also zieht sie die Tochter jeden Abend als Rosenkavalier an und Annemarie muss vor der angebeteten Emmy Krüger niederknien und eine Rose überreichen – Abend für Abend, wie im Theater.
      Gleichwohl hasste sie (die Mutter) Erika Mann, wegen ihrer Beziehung zu Annemarie. Erika Mann hatte die Pfeffermühle in München gegründet – ein im Schweizer Exil wiederauferstandenes antifaschistisches Kabarett. Dabei kam es zu Ausschreitungen rechtsnationaler Kreise. Erika Mann war davon überzeugt, dass die Tumulte im Saal und die Demonstrationen der Nationalen Front draussen angezettelt wurden von der Mutter Renee. Sie war der Ansicht, dass Erika an der antifaschistischen Haltung ihrer Tochter schuld sei.
      http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/articleD8DZ0-1.182022

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  3. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Meine Güte, was für ein Leben, was für ein trauriges Ende … Ich hatte bei Strange Flowers auch schon über sie gelesen, dort finden sich mehrere lesenswerte Beiträge: http://strangeflowers.wordpress.com/?s=Annemarie+Schwarzenbach

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  4. perlengazelle schreibt:

    Danke für den link. 🙂
    Ein faszinierende Person, hoch begabt und doch so unglücklich.
    Es gibt einen Film – leider nur in Französisch. Mit Original(film)aufnahmen der Familie Schwarzenbach, ein Interview mit Marianne Breslauer (in deutsch) etc …

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  5. Pingback: Sonntagsleserin KW #20 – 2014 | buchpost

  6. wildgans schreibt:

    Danke dir. Das ist eine richtige „Doku“, was ich hier sehe und lese. Meine Anerkennung!
    Gruß von Sonja

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  7. MizThreefivesix schreibt:

    superinteressanter Beitrag – was es doch für Leidensgeschichten gibt, gerade bei den besonderen Frauen.

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  8. perlengazelle schreibt:

    Leiden ist kein Vorrecht der Besonderen … es ist nur mehr bekannt.

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