Das Private ist politisch

Mutters Poesiealbum

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Es beginnt am 12.2.1941 – meine Mutter war zu dem Zeitpunkt 12 Jahre alt.

Nur wenige Glanzbilder findet man. Wahrscheinlich waren sie zu teuer für den (Berg)Arbeiterhaushalt.

Glanzbild

Welche Reise war so wichtig, dass sie in einem Poesiealbum im Februar 1942 explizit erwähnt wird?

vor der reise

Eine Seite weiter finden wir die Antwort:

Unbenannt

Das Ruhrgebiet mit seiner Schwerindustrie war häufig Ziel von Bombardierungen, so dass Kinder in weniger gefährdete Gebiete geschickt wurden. Organisiert wurden diese Verschickungen vom Reichsjugendführer Baldur von Schirach, dem Vater von dem Schriftsteller Ferdinand von Schirach.

Allerdings gab es wohl große Vorbehalte in der Bevölkerung. „Wo wir sterben, sollen auch die Kinder sterben!“, sei die weitverbreitete Meinung gewesen.

http://www.jugend1918-1945.de/thema.aspx?s=4900&m=963&open=4900

Auch meine Mutter war verschickt worden. Einige Einträge weiter findet man den Ortsnamen  Kotlina (Hohe Tatra?). Das Poesiealbum war mitgereist.

Statt Mitschülerin findet man jetzt häufig den Zusatz Lagerkameradin oder auch Lagermädelschaftsführerin.

Wie man sich das Leben dort vorstellen soll, kann man im KLV-Tagebuch von Annette Schwalm lesen. Sicher wurde zensiert. Man findet nichts über heimweh oder Angst um die Familie, die zu Hause den täglichen Bombenangriffen ausgesetzt war.

http://www.jugend1918-1945.de/thema.aspx?s=963&m=&v=975

Briefkontakte nach Hause erzählten ebenfalls nichts über die Wirklichkeit.

einen regelmäßigen Briefkontakt sicher zu stellen und verlangten, dass in den Dienstplänen der KLV-Lager zwei wöchentliche Schreibstunden vorgesehen wurden. Da sich aber sehr bald herausstellte, dass sich die oft heimwehgeplagten Kinder in ihren Briefen über viele vermeintliche und tatsächliche Missstände beklagten, ordnete die Reichsdienststelle KLV an, dass in Lagern, in denen durch entstellende und übertriebene Berichte Unruhe in der Elternschaft entstanden war, die Briefe zwecks Zensur unverschlossen an die Lagerleitung abzugeben waren. Außerdem sollte das Lehr- und Leitungspersonal während der Schreibstunden Aufsicht führen und die Kinder ermahnen, ihre Eltern nicht mit ihren „kleinen“ Sorgen unnötig zu belasten.

Die eigentliche Notlage wurde in eine ideologische Tugend umgewandelt: Die Kinder waren vor den Kriegsauswirkungen geschützt und getrennt von Elternhaus und Kirche der politischen Beeinflussung und dem paramilitärischen Drill durch die HJ ausgeliefert. Das galt natürlich in erster Linie für die 10-14jährigen Kinder, die in KLV-Lagern untergebracht wurden.

http://www.jugend1918-1945.de/thema.aspx?s=4875&m=927&v=4875

und

http://www.jugend1918-1945.de/thema.aspx?s=927

Ab und an wabert der Zeitgeist im Album: „Deutsch im Schaffen, deutsch im Sang, deutsch im Herzen lebenslang“ und „Bleib immer treu und edel, sei stets ein deutsches Mädel“. Der letzte Eintrag aus dem Lager erfolgte 1942. „Wir sind nicht auf der Welt, um glücklich zu werden, sondern um unsere Pflicht zu tun. Zum Andenken an unsere herrliche K.L.V. Zeit.“

Dann kam eine lange Pause. Bis 1948. Da ging es aufwärts. Der Krieg und die Hungerwinter 1946/47 und 1947/48 waren überstanden.  Mutter war in der Lehre. Eine Berufsschulkameradin trug sich ein. Und dann das große Glück – mit 19 Jahren lernen sich meine Eltern Willy und Ilse kennen. Das Poesiealbum ist voll geschrieben. Lediglich die letzte Seite auf dem hinteren Einband war noch frei:

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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