Wovon sollen wir träumen

In der Tat hatte er Konstanzes Hilfe nicht in Anspruch genommen, nicht aus Stolz oder falsch verstandener Männlichkeit, sondern weil ihre Hilfsbereitschaft die Tatsache überging, dass hier ein gesamter Lebensentwurf, und zwar sein gesamter Lebensentwurf, zu Bruch ging und dass das keine Kleinigkeit war, der sich mit ein bisschen Zuversicht und positivem Denken beikommen ließ. Sie verstand diese Identifikation mit einem Beruf nicht, Konstanze kannte nur Jobs. Du kannst ebenso gut etwas anderes machen, hatte sie zu ihm gesagt, und das war der Punkt, an dem sich ihre gedanklichen Wege trennten und von wo sie nicht mehr zueinander fanden: Er konnte nicht ebenso gut etwas anderes machen. Er würde etwas anderes machen müssen, aber er würde bis ans Ende seiner Tage damit zu leben haben, dass seine Berufswahl – die weder Karrieresucht noch Bequemlichkeit, noch Zufall, sondern die Leidenschaft für eine Sache bestimmt hatte – fehlgeschlagen und er kein Historiker mehr war, nicht mehr im Vollsinn das Wortes. Das wurmte ihn, verdammt noch mal, und würde ihn noch ein paar Monate länger wurmen, und jede Hilfsbereitschft, die von der Prämisse Arbeit ist gleich Arbeit ausging, war keine Hilfe, sondern die unausgesprochene Forderung, die letzten zehn Jahre der Hingabe an seinen Beruf zu entwerten, indem er ihn an den Nagel hängte wie einen abgetragenen Mantel.

Stephan Thome_Grenzgang

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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3 Antworten zu Wovon sollen wir träumen

  1. Elvira schreibt:

    Diese Zeilen machen mich betroffen, hängt mein Sohn in diesem Moment viele Jahre Studium an den Nagel. Nicht freiwillig, sondern dummen (auch eigenen) Umständen geschuldet. Studentenstreiks während des ersten Semesters erforderten eine Wiederholung, Grundstudium geschafft, dann Neuorientierung, da die FU keine weitere Professur für den Studiengang vergab. Vielversprechender Start eines völlig neuen Studienfaches in Potsdam mit Bachelorabschluss. Leider gab es auch diesmal keine Fortsetzung. Schließlich landete mein Sohn an der Humboldt, hat wirklich viel geackert, arabisch gelernt (eine Fremdsprache war Pflicht, türkisch innerhalb weniger Sekunden ausgebucht), einen Studentenjob als wissenschaftlicher Mitarbeiter und eine Moderatorenstelle bei Karuna auf Honorarbasis fürs Familienbudget, zwei Kinder bekommen (na, ja, seine Frau hat sie natürlich bekommen). Und dann gab es einen beschi..enen Formfehler. Er bat darum, die notwendige große Exkursionen für das Studium in zwei kleine aufteilen zu dürfen, damit er nicht so lange von den Kindern weg wäre (diese sind jetzt 3+1Jahr alt). Kein Problem! Dummerweise hat er versäumt, einen entsprechenden Vertrag zu unterschreiben. Alle Scheine mit 1 gemacht, beide Exkursionen mit Bravour bestanden und dann lädt man ihn vor einen Prüfungsausschuss und sagt: Ätschibätsch, zurück auf Start, nichts mit Master. Exkursion muss wiederholt werden. Nur gibt es die preiswerten innerhalb Deutschlands und im angrenzenden Ausland nicht mehr. Also hat er sich noch einmal neu orientieren müssen und beginnt im nächsten Monat eine Ausbildung zum Erzieher. Das wird ihm Spaß machen, sicher, plant er doch schon ein begleitendes Studium Sozialpädagogik. Auch hier sind es zehn Jahre Pläne und Hoffnungen und Leidenschaft, die nun ebenfalls an den Nagel gehängt werden müssen.

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