Da vier Meter unter der Erden

I lieg am Ruckn

 

 

 

I lieg am Rucken und stier mit offene Augen in die Finsternis.
Es is so eng und so feucht um mi herum, i denk an dich.
I kann’s noch gar net kapieren: Du liegst heut Nacht net neben mir —
und i frier —
Wie lacht der Wind, wie weint der Regen, i möchtet’s so gern hören!
Du kannst dir’s net vorstellen des beinharte Schweigen, da vier Meter unter der Erden.

 

Die Schuh auf Hochglanz poliert, ein’n Scheitel haben s‘ mir frisiert.
I frag mi wofür?
Aber vielleicht stehst grad da oben mit ein paar Tränen,
und vielleicht sickert eine, a kleine, zu mir durch?
A ganz a heiße, bitte, bitte, lass eine fallen,
weil mir is so kalt, mir is so kalt.

 

Und wann s‘ dir erzählen, dass ein Toter um Mitternacht aus’m Grab ausse kommt —
ja des wär schön, is aber ein Schmäh – es gibt ka Geisterstund!
schwör dir’s, i hab’s probiert: Kein‘ Millimeter hab i mi grührt —
I will zu dir…

 

Was is’n des, des komische Krabbeln an die Zehen da vorn?
Jessas Maria, der erste Wurm!
Du liegst da und kannst di net rühren, die Würmer krallen dir in’s Hirn,
und sie dinieren.
Aber vielleicht stehst grad da oben mit ein paar Tränen,
und vielleicht sickert eine, a kleine, zu mir durch?
A ganz a salzige, bitte, bitte, lass eine fallen auf mein Grab!
Vielleicht könn‘ ma d‘ Würmer damit verjagen.

 

I lieg am Rucken und stier mit offene Augen in die Finsternis.
Es is so eng und so feucht um mi herum, i denk an dich.
A Hoffnung is noch in mir: Vielleicht tun s‘ mi exhumieren?
Dann geh i in d‘ Bliah und komm zu dir und hol dich zu mir,
damit i net gfrier.

Ludwig Hirsch

Wißt ihr nicht, wie weh das tut,
Wenn man wach im Grabe ruht?

Friederike Kemper

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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4 Antworten zu Da vier Meter unter der Erden

  1. Elvira schreibt:

    Eine interessante Perspektive. Schön schaurig traurig – und irgendwie auch komisch.

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  2. perlengazelle schreibt:

    Ja, makaber – morbide war er, der Ludwig Hirsch. „Der Sender Ö3 verbot sein Lied Komm, großer schwarzer Vogel wegen der morbiden und unheimlichen Atmosphäre nach 22 Uhr zu spielen – aus Angst, dass Hörer Selbstmord begehen könnten.“
    Am Ende beging er selber Selbstmord …

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  3. Elvira schreibt:

    Mich überraschte der Schluss, dieser Egoismus des Nichtfrierenwollens, nicht die Sehnsucht nach ihr oder ihm – vielleicht fror Hirsch sein Leben lang? Ich kenne sein Leben nicht, könnte es mir aber vorstellen, nach diesen Zeilen.

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  4. perlengazelle schreibt:

    „Neunzig Prozent meiner Texte haben mit mir persönlich nichts zu tun!“, sagte er.
    http://www.sueddeutsche.de/kultur/zum-tod-von-ludwig-hirsch-ein-dunkelgraues-raetsel-bis-zum-schluss-1.1217984

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