Spontaner Unmut

In jener Nacht fuhr ich, im Taxi auf dem Heimweg, den Tauentzien und Kurfürstendamm entlang. Auf beiden Straßenseiten standen Männer und schlugen mit Eisenstangen Schaufenster ein. Überall krachte und splitterte Glas. Es waren SS-Leute, in schwarzen Breeches und hohen Stiefeln, aber in Ziviljacken und mit Hüten. Sie gingen gelassen und systematisch zu Werke. Jedem schienen vier, fünf Häuserfronten zugeteilt. Sie hoben die Stangen, schlugen mehrmals zu und rückten dann zum nächsten Schaufenster vor. Passanten waren nicht zu sehen. (Erst später, hörte ich am folgenden Tag, seien Barfrauen, Nachtkellner und Straßenmädchen aufgetaucht und hätten die Auslagen geplündert.)

Dreimal ließ ich das Taxi halten. Dreimal wollte ich aussteigen. Dreimal trat ein Kriminalbeamter hinter einem der Bäume hervor und forderte mich energisch auf, im Auto zu bleiben und weiterzufahren. Dreimal erklärte ich, dass ich doch wohl aussteigen könne, wann ich wolle, und das erst recht, wenn sich aller Öffentlichkeit, gelinde ausgedrückt, Ungebührliches ereigne. Dreimal hieß es barsch: ‚Kriminalpolizei‘! Dreimal wurde die Wagentür zugeschlagen. Dreimal fuhren wir weiter. Als ich zum vierten Mal halten wollte, weigerte sich der Chauffeuer. ‚Es hat keinen Zweck‘, sagte er ‚und außerdem ist es Widerstand gegen die Staatsgewalt!‘ Er bremste erste vor meiner Wohnung.“

[. . .] In der gleichen Nacht wurden von den gleichen Verbrechern, von der gleichen Polizei beschützt, die Synagogen in Brand gesteckt. Und am nächsten Morgen meldete die gesamte deutsche Presse, die Bevölkerung sei es gewesen, die ihrem Unmut spontan Luft gemacht habe. Zur selben Stunde in ganz Deutschland – das nannte man Spontaneität.

Erich Kästner: Notabene 45. Ein Tagebuch, Frankfurt/M 1983, S.140f

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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6 Antworten zu Spontaner Unmut

  1. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Einen eindringlichen Textabschnitt hast du da bei Kästner gefunden, liebe Perlengazelle. Neulich las ich irgendwo, dass ein Wellness-Studio mit Kristallnacht bei Kerzenschein warb, furchtbar! Offenbar hatte das Wort für die Leute dort überhaupt keine Bedeutung mehr. Eigentlich unglaublich, diese Ignoranz. Liebe Grüße
    Petra

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    • perlengazelle schreibt:

      Was ist eindringlicher als ein Zeitzeugenbericht? 6 Millionen Tote auf einmal sind unvorstellbar. Das einzelne Schicksal verschwindet dabei in der Menge, wird anonym.
      Diese Ignoranz regt mich auch fürchterlich auf! LG perlengazelle

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  2. Elvira schreibt:

    Ich mag das Wort Reichskristallnacht überhaupt nicht – es scheint mir dieses und die folgenden, noch schrecklicheren Verbrechen, zu verharmlosen. Ich danke allen Göttern, so es welche gibt, dafür, dass ich diese Zeit nicht miterleben musste, nicht Zeuge wurde vom Verschwinden meiner Freunde, meiner Nachbarn, von den Ladenbesitzern, bei denen ich vielleicht meine Lakritze oder meine Schulhefte gekauft hätte. Ich hätte diese Zeit nicht überlebt! Und heute? Heute laufen mir Schauer über den Rücken und Ohnmacht erfasst mich, wenn ich die braunen Mörder höre und sehe, wie diese menschenverachtende Gesinnung nicht nur den Tiefbraunen aus allen Poren zu quellen scheint. Und das überall auf der Welt.
    Liebe Grüße,
    Elvira

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  3. perlengazelle schreibt:

    Die Politik findet ja häufig verharmlosende Begriffe für schreckliche Dinge – die Leute sollen für dumm verkauft werden.
    Unglaublich: auch heute müssen hier jüdische Schulen und Synagogen bewacht werden – es hört nicht auf.
    LG perlengazelle

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    • perlengazelle schreibt:

      Gerade gefunden: „Reichskristallnacht“ war jedoch anfangs kein staatliches Propagandawort. Wahrscheinlich prägte der Berliner Volksmund die Wortschöpfung „Kristallnacht“ angesichts der vielen zerbrochenen Fenster und Kristallleuchter der Synagogen und Geschäfte. Der Ausdruck „Reichskristallnacht“ wandte sich dann gegen die damaligen Machthaber, indem er ihren inflationären Gebrauch der Vorsilbe „Reichs-“ satirisch verspottete. Diese regimekritische Bedeutung ist nicht schriftlich belegt, wurde später aber von Zeitzeugen bestätigt. (…) „Das ist ein blutiger Berliner Witz gewesen, weil man sich damals nicht anders zu helfen wusste.“
      Siehe hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Novemberpogrome_1938#Damalige_Begriffe

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  4. Elvira schreibt:

    Das ist sehr interessant! Davon gehört hatte ich noch nie.

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