Ich hatte einst ein schönes Vaterland

Es gibt Tage, an denen ich nicht nach Amerika will. Dann möchte ich in O´Riordan´s Reisebüro gehen und meine fünfundzwanzig Pfund zurückverlangen. Ich könnte warten, bis ich einundzwanzig bin und Malachy mitkommen kann, damit ich wenigstens einen Menschen in New York kenne. Ich habe seltsame Gefühle, und manchmal, wenn ich mit Mam und meinen Brüdern am Feuer sitze, spüre ich, wie Tränen kommen, und dann schäme ich mich, weil ich schwach bin. Zuerst lacht Mam und sagt, deine Blase sitzt bestimmt gleich hinter deinen Augen, aber dann sagt Michael, wir werden alle nach Amerika gehen, Dad wird da sein, Malachy wird da sein, und dann sind wir wieder alle zusammen, und ihr kommen selbst die Tränen, und so sitzen wir da, alle vier, wie die flennenden Tölpel.

Frank McCourt_Die Asche meiner Mutter

 

Einen Koffer hatte sie schon gepackt, und während sie in Gedanken dessen Inhalt noch einmal durchging, hoffte sie, ihn nicht wiederaufmachen zu müssen. In einer dieser Nächte, als sie wach lag, war ihr plötzlich bewusst geworden, wenn sie diesen Koffer das nächste Mal wieder aufmachte, wäre es in einem anderen Zimmer in einem anderen Land, und dann kam ihr ganz von selbst der Gedanke in den Sinn, dass es ihr viel lieber wäre, wenn es eine andere Person sein würde, die ihn öffnete, und dass sie ruhig die Kleider und Schuhe behalten und jeden Tag anziehen könnte. Sie würde lieber daheimbleiben, in diesem Zimmer schlafen, in diesem Haus wohnen und auf die Kleider und Schuhe verzichten. Es wäre besser, die Vorbereitungen, die getroffen wurden, all die Aufregung und all die Gespräche würden jemand anders gelten, jemandem wie sie, jemandem, der so alt und so groß war wie sie, der vielleicht sogar so aussah wie sie, solange sie selbst, die Person, die das jetzt dachte, weiterhin jeden Morgen in diesem Bett aufwachen und später am Tag durch diese vertrauten Straßen gehen und dann heimkommen könnte in die Küche, zu ihrer Mutter und Rose.

Colm Tóibín_Brooklyn

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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