Non scholae

Immer für ein gemeinschaftliches Schenkelklopfen gut ist in abendlichen Talkrunden das Bekenntnis, in Mathe eine absolute Niete gewesen zu sein. Man kokettiert geradezu damit, spätestens bei Dreisatz und Prozentrechnung abgeschaltet und in den Mathestunden unter der Bank Tetris gespielt zu haben. Schließlich sei Mathematik etwas ganz und gar Rätselhaftes, nicht zu Durchschauendes, ein Buch mit sieben Siegeln. Und gestandene Germanisten und Philosophen, die schwierigste Texte von Kantschem Ausmaß mühelos verstehen und sogar stundenlange geistreiche Kommentare dazu abgeben können, scheitern an simpelsten Textaufgaben. Wie Legastheniker starren sie dann auf die Buchstaben, unfähig, auch nur den leisesten Sinn darin zu erkennen. Unmöglich, herauszufinden, was denn eigentlich gegeben und was gefragt sei und wie man dahin komme und überhaupt brauche man dieses hirnlose Zeug im Leben niemals nicht und auch nicht danach.

Politiker sind davon nicht ausgenommen. Das Rechnen mit großen Zahlen – Stoff der fünften Klasse – überfordert sie in den meisten Fällen. Und ob etwas Millionen oder Milliarden kosten wird, ist schließlich nur eine Frage der Anzahl der Nullen. Bei der Menge kann man sich schon mal verzählen. Irren ist menschlich und Nullen an und für sich sind schließlich nichts wert.

In diesen Tagen werden den Flutopfern mal wieder großzügige Hilfsgelder versprochen. Mit ein paar Nullen mehr oder weniger. Versprechungen tun niemandem weh und alle haben sich lieb und am nächsten Wahltag kommt die fürstliche Belohnung.

Von den angekündigten Hochwasserschutzmaßnahmen bei der Jahrhundertflut im Jahre 2002 ist nur ein geringer Prozentsatz verwirklicht worden. Schließlich kommt eine Jahrhundertflut auch nur alle hundert Jahre. Und bei der nächsten sind dann alle Betroffenen tot und niemand kann nachfragen und nachfordern und abwählen. Nach uns die Sintflut.

Leider haben die Politiker in der Schule auch nicht bei dem Thema Statistik aufgepasst. Sonst wüssten sie, dass es sich dabei um einen Mittelwert handelt.  So kann ein Jahrhunderthochwasser auch mehrmals in hundert Jahren auftreten oder jahrhunderte lang ausbleiben. Also vielleicht dreimal in einem Jahr und dann dreihundert Jahre nicht mehr. Oder fünfmal hintereinander alle elf Jahre. Oder siebenundachtzig mal in zwei Jahren.

Das aktuelle Hochwasser ist viel schlimmer als das von vor elf Jahren. Eigentlich ein Jahrtausendhochwasser. Und das wiederholt sich bekanntlich erst in tausend Jahren. Oder wie oder was?

Wenn ein einundsechziger Großvater mit seinem fünfjährigen Enkel spazieren geht, sind die beiden im Durchschnitt 33 Jahre alt.

Mathematik ist und bleibt rätselhaft.

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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4 Antworten zu Non scholae

  1. Elvira schreibt:

    Ich äußere mich hier nicht zu meinen mathematischen Fertigkeiten. Aber Dein Beispiel erinnert mich an einen Elternabend in der Grundschule, als die Musiklehrerin über ihre Projekte berichtete. Ein Vater trug die Frage vor, ob die Kinder denn etwa auch Noten lernen müssten. Die Lehrerin war etwas fassungslos und bejahte die Frage. Dann hat sie gesagt, wer aus Buchstaben Wörter lesen kann, der kann ebenso leicht Noten lesen lernen. Mein Sohn las Noten mit einer unglaublichen Leidenschaft. Wahrscheinlich ist das Erfassen von Zahlen so ähnlich.
    Was unsere geldspendenden Politiker betrifft, so dachte ich, dass sie mathematisch versierte Berater an ihren Seiten haben müssten/sollten. Aber dem scheint nicht immer so zu sein. Schade!

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    • perlengazelle schreibt:

      Meine kühne These: Jeder kann Mathematik. Das Problem dabei ist, dass viele sofort eine Denkblockade bekommen und die Schotten dicht machen. Dann geht gar nichts. Man muss sich einlassen wollen. Mathematik ist spannend – glauben nur die wenigsten. 😉

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      • Elvira schreibt:

        Oh, ich glaube das ganz gewiss. Nur kann ich vielleicht nicht so viel Spannung vertragen? Im Ernst, ich habe früher immer gesagt, ich würde gerne hinter die Zahlen sehen können. Manchmal erhaschte ich so einen kleinen Blick, aber dann zog sich der Vorhang wieder zu.

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  2. perlengazelle schreibt:

    … und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.

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