Sisyphus bei der Arbeit

Aus Platzgründen wünschte ich mir einen e-book Reader. Seitdem kaufe ich weniger Bücher. Aber auch keine e-books.

Immer noch stöbere ich in Buchhandlungen, blättere, lese mich fest, lasse mich aber nicht mehr auf Spontankäufe ein. Will mir die Titel merken und dann als e-book  bestellen. Doch auf dem Weg nach Hause vergesse ich, was mir im Laden noch so verlockend erschien.

Ich entdecke meine Bücherregale neu. Dicht gedrängte Zweierreihen verstauben vor sich hin. Längst habe ich den Überblick verloren. Zu viele voll bepackte Büchertüten habe ich in der Vergangenheit nach Hause geschleppt. Kam mit dem Lesen nicht nach. Im Gegensatz zu früher lese ich weniger, breche die Lektüre auch öfter als früher ab. Ich quäle mich nicht mehr um jeden Preis durch ein Buch. Ich muss nicht mehr alles gelesen haben. Auch nicht, wenn das Feuilleton mal wieder voll des Lobes ist. Oder wenn Denis Scheck sich überschlägt vor Begeisterung.

Ich muss Platz schaffen. Und neu ordnen.

Eine Sisyphusaufgabe.

Rigoros sortiere ich aus. Den ganzen Simenon – weg damit. Tut mir leid für den alten Knaben, aber ich werde ihn sicher nie wieder lesen. Das bringt mir ein ganzes Regalbrett Platz.

Ein Haufen schnell durch gehechelter Schwarten folgt dem Simenon. Vieles vom Wühltisch. Heute bin ich da zurück haltender.

Immer wieder entdecke ich Bücher mehrfach. Manchmal fällt es einem auf den ersten Blick gar nicht auf. Die Verlage pflegen Neuauflagen mit anderen Titeln zu versehen. Interessant: Dorothy Sayers „Unnatural death“ erschien erst als „Eines natürlichen Todes“, später dann als „Keines natürlichen Todes“. Ja, was denn nun? Der englische Titel ist doch eindeutig.

Ich entdecke alte Freunde neu. Und will den ganzen Updike wieder lesen. Anna Karenina sowieso. Sie wissen schon: „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; aber jede unglückliche Familie ist auf ihre besondere Art unglücklich.“

Ich weiß nicht, ob er recht hat, der Tolstoi.

Aber wie soll ich die Bücher sortieren? Ich will nicht stundenlang suchen, wenn es gerade ein ganz bestimmtes sein muss.

Nach der Größe und Dicke?

Eine Hilfe, wäre mir nach schwerer Kost zu Mute. So 800 gr  mindestens. Es dürfen auch gern ein, zwei Blättchen mehr sein.

Oder die Anspruchsvollen nach vorn und die Schmökerschwarten nach hinten in die zweite Reihe? Die Guten ins Kröpfchen, die Schlechten ins Töpfchen?

Schindet bei Besuchern mächtig Eindruck. „Eine Intellektuelle!“, würden sie hinter vorgehaltener Hand raunen. Und vor Ehrfurcht erstarren

Oder nach Farben?

Dann könnte ich morgens an einem blauen Tag ein dazu passendes blaues Buch aussuchen.

Oder es ist ein weißer Tag. Den ganzen Tag nur Blumenkohl und Naturjoghurt und Zitroneneis und eine weiße Bluse und natürlich ein weißes Buch. Alles Ton in Ton. Sehr schick und putzt ganz ungemein.

Vielleicht ein zusätzliches Regal im Gäste-WC? Leicht verdauliche Kost – ohne allzu viele Ballaststoffe machten den Gang zum Vergnügen.

Die Stunden vergehen. Ich sortiere, schichte um, blättere, erinnere mich. Finde zum Lesezeichen umfunktionierte alte Postkarten von Freunden.

Entscheide mich für das Alphabet.

Am Ende habe ich übersichtliche Regale mit vielen Lücken. Und ein ganzes Brett voll mit ungelesenen Schätzen.

Natürlich auch alphabetisch geordnet. Blitzblank abgestaubt.

Und zwei Waschkörbe voll ausrangierter Bücher.

Ich fühle mich gut.

Ein glücklicher Sisyphus.

Spätestens in einem halben Jahr ist die alte Ordnung wieder hergestellt. Nur ein volles Regal ist ein schönes Regal.

Der e-book Reader kann mich mal.

©perlengazelle

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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2 Antworten zu Sisyphus bei der Arbeit

  1. Elvira schreibt:

    Ich vermute das Bild des Posts „Zimmer mit Einblick“ zeigt einen Ausschnitt Deiner Büchersammelleidenschaft? So ähnlich sah es bei uns früher auch aus – bis ich mein älter werdendes Leben vereinfachen wollte. Viele, viele Bücher haben neue Regale gefunden (Bookcrossing). Dennoch liebe ich den Anblick voller Bücherregale immer noch sehr.
    Unsere Bücher habe ich nach Themen geordnet. Klassiker, Politik, Reise, Biografien, Sachbücher, Romane. So in etwa. Aber es sind auch nicht mehr so viele. Nur im Schlafzimmerschrank stehen sie noch zweireihig.
    Einen einfachen E-reader habe ich mir auch zugelegt. Nach langen Gesprächen mit „meinem“ Buchhändler. Er verdient an jedem hochgeladenen Buch. Den neuen Dan Brown habe ich damit gerade gelesen. Ein Buch, das ich nicht im Regal verstauen möchte. Der Wolkenatlas wartet noch auf das digitale Lesen. Ich bin froh, keinen besonders guten oder teuren e-reader gekauft zu haben. Dazu liebe ich das Buch in der Hand doch zu sehr.
    Liebe Grüße von Elvira

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    • perlengazelle schreibt:

      Das ist leider nicht mein Regal. Meine Regale sehen nicht so malerisch aus. Sind aber auch so voll gestopft. Hätte gern so eine Leiter. Es geht übrigens nichts über ein Buch in der Hand. Und im Regal. Das Stöbern dort ist einfach unschlagbar. Aber ich möchte dort nur noch Bücher finden, die man auch mehrmals lesen möchte.lg perlengazelle

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