Altweibersommer – Teil 1

 Als Hedwig abends erwachte, fühlte sie sich schlecht. Erschöpft und unausgeschlafen. Dabei hatte sie doch den ganzen Tag über regungslos in ihrem Netz gehockt und sich ausgeruht. Was war bloß los? Sie kam nicht drauf.

“Geh systematisch vor, Hedwig!“, ermahnte sie sich. Also zählte sie ihre acht Beine sorgfältig, machte eine paar Kniebeugen, dehnte und reckte sich und krabbelte einen kleinen Rosenzweig herauf. Bein Nummer vier und fünf knackten ein bisschen, aber sonst war alles in Ordnung.

Hedwig hatte nämlich ihre Beine nummeriert, im Uhrzeigersinn von eins bis acht. Das war bitter nötig gewesen, weil sie ständig rechts und links verwechselte und oben und unten und hinten und vorn. So manches Mal hatte sie es tatsächlich geschafft, einen dicken Knoten in ihre Beine zu drehen. So schusselig war sie. Ihre Netze waren eine glatte Katastrophe, meinte ihre beste Freundin Gertrud. Von ihr stammte der Vorschlag mit der Nummerierung. Viel geholfen hatte es bisher nicht.

Hedwig kratzte sich mit Bein Nummer drei am Kopf.

Mit Bein Nummer sieben bohrte sie in der Nase.

Dann nahm sie Anlauf und schwang sich an einem Faden zum nächsten Rosenzweig.

Sie massierte sich mit den Beinen fünf und sechs den Bauch.

Ihr ging es immer noch schlecht.

Sie stützte den Kopf auf die Beine acht und eins und überlegte.

Und dann fiel ihr auch wieder ein warum.

Gegen Morgen war der schöne Arthur vorbeigekrabbelt. Der Weberknecht gehörte zum Komitee der Spinnenaktion “Wer baut das schönste Netz” und musste deshalb alle Gespinste begutachten. Seine Stimme hatte großes Gewicht, er war der begehrteste Junggeselle im weiten Umkreis.

In den letzten Tagen des Spätsommers versammeln sich deshalb die Spinnen im Garten und zwischen Gräsern, Blumen, Zweigen, Büschen, an Dachrinnen und Fensterläden, an Zäunen und Mauern weben sie, was das Zeug hält.

Jede bekommt einen bestimmten Platz zugewiesen. Hedwig war ganz hinten im Garten auf der Kletterrose gelandet, die das hölzerne Gartenhaus mit ihren langen Ranken überwucherte. Eine ziemlich ungünstige Position.  Die meisten Rosen waren verblüht und an ihrer Stelle hatten sich Hagebutten gebildet. Die schönsten Stellen zwischen Rittersporn, Dahlien, Goldruten und  hohen Ziergräsern  bekamen traditionsgemäß die Mitglieder aus dem Club der Spinnerinnen. Hier wurden nur Spinnen aufgenommen, die besonders kunstvolle Netze weben können. Die Trichterspinne Klara und die Baldachinspinne Brunhilde gehören dazu, aber auch ihre Freundin Gertrud, die als Kreuzspinne ein sehr regelmäßiges Radnetz baut. Trotzdem hatte Hedwig sich große Mühe gegeben und ihr Netz während der Nacht dreimal neu gebaut.

Aber Arthur hatte nicht mal einen einzigen Blick darauf geworfen. Statt dessen hatte er mit Hedwigs Nachbarin, der Zitterspinne Elvira geschäkert. Elvira hatte ihre unendlich langen zierlichen Beine elegant gekreuzt und Arthur nach allen Regeln der Kunst umgarnt. Hedwig konnte Elvira nicht ausstehen.

Im Stillen hatte sie gehofft, ihr Netz würde Arthur endlich dazu zu bringen, dass er sie beachtete. Arthur war nämlich ihre große Liebe. Aber bisher war sie Luft für ihn.

Zugegeben, ihr Netz war nicht perfekt. In der Mitte waren ein paar dicke Löcher. Und die Fadendicke war unterschiedlich.

Ihre Freundin Gertrud, die Kreuzspinne, hatte die Nase gerümpft. Und dann vor sich hinschimpfend die gröbsten Fehler ausgebessert. Sie war äußerst pingelig mit ihrer Arbeit und duldete nicht die kleinste Unregelmäßigkeit. Das war ziemlich anstrengend, dachte Hedwig manchmal. Aber trotz ihrer Pingeligkeit hatte Gertrud einen großen Vorteil. Als Freundin war sie treu wie Gold. Sie riss sich fast ein Bein dabei aus, um Hedwig zu helfen. So eine Freundin war unbezahlbar.

Auch nach dem Flicken war Gertrud nicht zufrieden mit dem Netz. Zum Fliegenfangen konnte man es zur Not gebrauchen, hatte sie gebrummt. Und dabei taktvoll verschwiegen, dass Hedwigs Netz beim Wettbewerb nicht die geringste Chance hatte.

Hedwig dagegen war diesmal überzeugt gewesen, dass es klappen könnte. Denn in der kühlen Nacht werden die Netze von Nebel und Tau benetzt und tagsüber glitzern und funkeln dann die Fäden im Sonnenlicht wie lange silbergraue Haare.

Die Menschen nennen diese Zeit Altweibersommer.

®Perlengazelle

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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4 Antworten zu Altweibersommer – Teil 1

  1. Ortrud schreibt:

    Bitte, wo bleibt Teil 2?

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  2. Elvira schreibt:

    Ich würde auch gerne wissen, wie es mit Hedwig weitergeht. Es wäre schade, würde die Geschichte nicht weitergesponnen. Wobei ich sehr hoffe, dass Elvira sich vielleicht doch als Freundin entpuppen könnte. Mir gefällt der Humor, mit dem Du hier schreibst, aber auch, wie Du spielerisch die Fiktion mit der Realität verwebst.
    Ich kenne übrigens auch eine kleine nette Spinnengeschichte. Die ist besonders geeignet für Kinder, die bereits ihre Abneigung gegen die Achtbeiner entwickelt haben (wobei dieses Buch natürlich nur sinnvoll ist, wenn auch die Eltern ihre Abneigung ablegen könnten):
    http://www.luebbe.de/Buecher/Kinder/Details/Id/978-3-8339-0059-4
    Liebe Grüße von
    Elvira
    P.S. Ich habe nur zwei nichtzierliche Beine 😉

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  3. perlengazelle schreibt:

    Danke schön! 🙂
    Ich habe tatsächlich schon etwas weiter geschrieben – nur der Schluss hakelt noch. Gertrud hieß übrigens meine Oma. Sie konnte hervorragend stricken und häkeln. Ich besitze noch irgendwo
    ein Paar gehäkelte Handschuhe mit Lochmuster (Netzmuster?), in beige. Wenn man am Sonntag fein ausgehen wollte, putzten die ungemein. Ihre Schwester hieß Hedwig. Und Arthur mein Opa.
    Nur die zittrige Elvira hat kein Vorbild 😉
    lg Marion

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