Zackige Achten

Du liebe Güte, war das kalt draußen. Willhelma und Hanerich saßen schon seit ewig langen Minuten an der Fensterscheibe und schauten sehnsüchtig in die Wohnung. Gemütlich sah es da aus. Aber nicht ein einziges Fenster stand offen, nicht der winzigste Spalt, nichts. “Verflixter Fliegendreck.” murrte Willhelma. “Wir sind schließlich Stubenfliegen und gehören in eine warme Stube.” Zitternd rieb sie ihre Hinterbeine aneinander. “Geduld, meine Liebe.”, antwortete Hanerich. “Irgendwann muss sie ja mal lüften. Und dann hast-du-nicht-gesehen, schlüpfen wir rein.”

Und richtig, nach weiteren drei Minuten tauchte ein Gesicht am Küchenfenster auf, schaute prüfend zum Himmel und eine Hand öffnete das Fenster. “Jetzt oder nie.“, brummte Hanerich und im Sturzflug landeten beide auf der Lampe über dem Küchentisch. Von dort hatten sie einen guten Überblick. Auf dem Küchentisch lagen ein paar Blätter Papier, ein Kugelschreiber, Bücher und eine Teetasse mit ein paar Tröpfchen kaltem Tee. Dort konnten sie ihren ersten Durst stillen. Die Bewohnerin ließ sich ächzend auf den Küchenstuhl fallen, nahm eins der Kochbücher zur Hand und blätterte unschlüssig darin. “Imma nur fett- und cholesterinfrei … wer solln det essen … ick jloob, ick back ma wieda nen klitzekleenen Napfkuchen. Eenmal is keenmal. Will schließlich nich vom Fleisch fallen.” Sie öffnete die Kühlschranktür: “Ma kieken … fuffzehn Eia … hab icke … zwee Kilo Butta … ooch vorhanden … anderthalb Lita Sahne … na denn …”

Als der Kuchen im Backofen verschwunden war, schnappte sie sich einen Kugelschreiber und fing an zu zeichnen. Die beiden Stubenfliegen schauten sich an. “Sieh mal, eine Malerin.”, surrte Willhelma. “Erinnerst du dich, mein Lieber?” Natürlich konnte sich Hanerich an die Zeit erinnern, als er Willhelma zum ersten Mal in dem Museum für moderne Kunst getroffen hatte. Es war Liebe auf den ersten Blick für Willhelma gewesen. Niemand konnte so gut zackige Achten fliegen und mitten im Flug abbremsen und die Richtung wechseln wie Hanerich. Ein Traumfliegerich und seit dieser Zeit – es waren fast fünf Tage, mehr als ihr halbes Leben – waren sie zusammen. Sie hatten eine gute Zeit in dem Museum gehabt. Tagsüber konnten sie sich die Bilder anschauen und nachts, wenn die Besucher verschwunden waren, flogen sie in das kleine Restaurant. Dort gab es jede Menge Leckerbissen.

Hanerich gefielen die modernen Bilder nicht besonders. “Sieht aus wie Fliegenschiss, dieses Krikelkrakel auf den Bildern.”, hatte er immer wieder empört gebrummt. Ab und zu mal ein grüner Strich oder ein paar dunkle Kleckse – das war doch keine richtige Malerei. Aber Willhelma fand die Bilder wunderschön. Immer wieder flog sie zu ihrem Lieblingsbild, eine Symphonie aus gelben, roten, blauen und grünen Klecksen, und schaute sich jede Einzelheit mit ihren roten Facettenaugen an. Durch diese besonderen Augen sah sie die Welt wie durch ein Kaleidoskop und die bunten Flächen flossen zu einem phantastisch bunten Bild zusammen.

Währenddessen krakelte die Malerin auf ihrem Skizzenbloch herum. “Det fluppt ja heute keen bissken.” Wütend riss sie das Blatt vom Block ab und zerknüllte es. “Ik weeß, woran det liegt. Een leerer Magen malt nich jern, aba det dauert, bis der Kuchen fertig is!” Seufzend erhob sie sich und verließ die Küche.

“Weißt du was, Hanerich?”, surrte Willhelma aufgeregt. “Wir können der Malerin doch helfen beim Bildermalen.” Und auf der Stelle ließ sie ein bisschen Fliegendreck auf ein Blatt fallen. Hanerich staunte. Schnell steuerte er auch sein Teil bei. Und bald war das ganze Blatt voll gemalt mit Klecksen und Punkten. Das sah ja tatsächlich so aus wie auf den Bildern im Museum! Wer weiß, vielleicht wurde das Bild ja berühmt und hing auch eines Tages dort. Die Malerin würde ihr Glück gar nicht fassen können.

®Perlengazelle

Advertisements

Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Zackige Achten

  1. Johanna Seewald schreibt:

    Fünf Sterne mit !!!!!!!

    Gefällt mir

  2. Elvira schreibt:

    Ich muss sagen, den Kuchen würde ich zu gerne sehen – und auch die Bäckerin. Und den beiden Fliegen wünsche ich ein schönes Restleben in dieser Fettlebeküche. Es sei denn, die Malerin ist von deren künstlerischer Hilfe nicht so überzeugt. Dann hoffe ich, dass sie keine Fliegenklatsche zur Hand hat und die beiden sich ein neues Domizil suchen können. Denn sie haben ja noch fast ein halbes Leben vor sich.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s