Die Diätlüge

Jedes Jahr zu Silvester dasselbe! Jedes Jahr der bange Blick auf die Waage und jedes Jahr wieder der feste Vorsatz, diesmal aber wirklich und endgültig und dauerhaft abzunehmen. Weniger und gesünder zu essen, sich mehr zu bewegen und überhaupt ein besserer Mensch zu werden. Mit einigen Kilos weniger würde das Leben leichter werden, die Sonne mehr scheinen, der Hunger in der Welt verschwinden und der Iran und Nordkorea friedliche Länder werden!

Bis dieser Vorsatz in die Tat umgesetzt wird, bedarf einiger Wochen strengster Vorbereitung, in denen ich mich ernsthaft mit dem Für und Wider der verschiedensten Diäten auseinander setze. Es gibt keinen Hinweis auf neueste Forschungsergebnisse, den ich nicht verschlinge und auf meinem Rechner abspeichere. In der Theorie bin ich unschlagbar. Da kann man mir nichts vormachen und penibel verfolge ich den verzweifelten Kampf meiner Leidensgenossinnen gegen die Fettpölsterchen und das Hüftgold. Und davon gibt es viele. Nahezu jede Frau findet sich zu dick, zu schwabbelig, zu wenig begehrenswert.

Ach, sie werden nie abnehmen, weil sie alles falsch machen, was man nur falsch machen kann. Ich weiß es besser. Und ich beglücke sie gern mit meinen Weisheiten. Wobei ich mir bewusst bin, dass die nie beherzigt würden. Schließlich geht es mir genauso.

Bisher.

Doch diesmal soll alles anders werden. Nachdem ich monatelang grelles Licht im Badezimmer vermieden, alle Spiegel zugehangen und stur alles Jammern des Gatten, „Wie soll ich mich jetzt rasieren? Im Dunklen sehe ich die Stoppeln nicht.“, ignoriert habe, sehe ich den nackten Tatsachen tapfer ins Auge. Mein Körper hat ein Langzeitgedächtnis und zeigt mir unbarmherzig jedes Stück Sahnetorte, jeden Champagnertrüffel und jedes Tiramisu an. Es muss etwas getan werden!

Den letzten Anstoß endlich anzufangen, gab diesmal mein Onkel, der kein Blatt vor den Mund nimmt und neulich trocken bemerkte, dass ich das (Spiegel)Bild gut ausfülle. Währenddessen häufte die Tante meinen Teller mit den Worten „Schmeckt´s dir etwa nicht bei mir, Kind? Probier doch mal die Buttercremetorte, hab ich extra für dich gebacken.“ zum dritten Mal bis oben voll.

Zähneknirschend vernichtete ich die Torte bis auf den letzten Krümel – man will ja niemanden kränken – und bin fest entschlossen, es allen zu zeigen. Schluss mit den Pralinchen und den Pikkolos. Nie wieder Croissants, dick mit Butter und Nutella bestrichen.

Und nie wieder Spaß haben beim Essen.

Ab Montag geht´s in den Aerobic-Kurs, ran an die Problemzonen und Bauch-Beinen-Po wird die rote Karte gezeigt. Ich werde den sterbenden Schwan und meinen Namen tanzen, dass es nur so kracht. Zwischendurch wird Frischhaltefolie ausgerollt und der Körper stramm eingewickelt – das soll das Fett weg schmelzen. Statt Schampus nur noch Sauerkraftsaft, statt Sahnepudding wird an einer Möhre geknabbert und an Stelle von mit Käse überbackenem Auflauf wird auf Knäckebrot und Magerquark gekaut. Mit Schnittlauchröllchen, wegen der Vitamine.

Dabei befolge ich eine Reihe von vielfach erprobten Diätregeln, die ich in und auswendig beherrsche:

Was man heimlich isst, hat keine Kalorien.

Reste von Kindern haben keine Kalorien.

Eier haben keine Kalorien – schließlich gibt es eine Eier-Diät.

Wenn man in Gesellschaft isst, zählen nur die Kalorien, die man mehr isst als die anderen.

Wenn man Schokolade isst und dazu eine Lightcola trinkt, werden die Kalorien der Schokolade neutralisiert.

Essen, das man nebenbei isst – zum Beispiel beim Fernsehen, hat keine Kalorien, da sie nicht als Nahrung gelten, sondern Teil sind der Unterhaltung.

Was man aus der Schüssel kratzt oder vom Löffel ableckt, hat keine Kalorien.

Die Waage bleibt stur. Sie weigert sich hartnäckig, den Zeiger nach links zu bewegen. Stundenlang schiebe ich sie auf dem Badfußboden hin und her, bis sie 300 gr weniger anzeigt. Immerhin!

In Gedanken gehe ich einkaufen und mir ein schickes Teil aussuchen. In Größe 36.

Doch die Wirklichkeit holt mich gnadenlos ein. Kurz rechne ich hoch. Bei diesem Tempo werde ich frühestens in zehn Jahren die gewünschte Traumfigur haben. Dann bin ich Rentnerin. Mit Topmaßen.

Wochen später bin ich keinen Schritt weiter gekommen. Beim Einkauf begegnet mir Marlies, die beste Nachbarin von allen. Gemeinsam sind wir viele Jahre durch dick und dünn gegangen. Ich klage ihr mein Leid.

„Zwecklos!“, meint sie. Und dass ich die ganze Turnerei und die Salatblättchen und die Kohlsuppe und Low Fat und Low Carb schleunigst vergessen solle. „Der Mond, verstehste? Da bleibt alles haften, kannste machen, watte willst. Der Mond ist einfach stärker als du.“ Und ich solle erstmal abwarten, bis der Mond genug gesprudelt habe und wieder in den absteigenden Einfluss des Wassermanns gerate. Dann würde es auch mit dem Abnehmen klappen. „Und bis dahin, liebste Nachbarin, können wir ungeniert in den lukullischen Gefilden unserer Küche wildern, wir können nix dafür. Wenn die Sterne nicht wollen, ist der Mensch machtlos.“ Während dessen packt sie ungerührt vier Schachteln Fertigpizza mit extra viel Käse und drei Liter Sahne in den Einkaufswagen.

Langsam begreife ich alles. Über die Jahre hat Marlies stetig zu und abgenommen, regelmäßig wie Lauf des Mondes. Bisher wusste ich nicht, dass sich dahinter ein großer Plan verbirgt. Es hat nichts mit der Menge an Kalorien und Bewegung zu tun, nichts mit Fett und Zucker und Kohlehydraten. Es ist etwas, was jenseits unserer Macht steht. Etwas Unbegreifliches. Hoch oben am Himmel.

Hunderttausende Kilometer entfernt von meiner Küche.

Beschwingt packe ich den Einkaufswagen voll und beschließe, Marlies und ein paar andere Nachbarinnen aus der Siedlung zum Kaffeeklatsch einzuladen. Schließlich muss man die Sterne zu seinen Gunsten ausnutzen. Jetzt bleibt nur noch, meine Tante anzurufen. Ich brauche das Rezept für die Buttercremetorte.

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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Eine Antwort zu Die Diätlüge

  1. Johanna Seewald schreibt:

    Wie immer…großartig!!!!!!!

    Gefällt mir

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