Haarscharf – 1. Teil

Haare schneiden lassen ist eine sensible Sache. Glücklich ist die Frau, wenn sie endlich nach langer Suche die passende Friseuse gefunden hat. Die haargenau weiß, wie und wo jedes einzelne Strähnchen zu liegen hat.

Bei meinem Stammfriseur bekomme ich außer einem Haarschnitt stets unaufgefordert Rat in allen erdenklichen Lebensdingen. “Lassen Sie sich rechtzeitig eine Darmspiegelung machen! Sonst ist es irgendwann zu spät.”, empfiehlt mir Frau Schmidt, meine Lieblingsfriseuse, nachdem sie die Diagnose Divertikulitis erhalten hatte. Ich versuche, die diversen Symptombeschreibungen zu überhören, presse mir ein:” Mein Gott, wie furchtbar, Sie Ärmste!” heraus und beschließe, mir noch am selben Tag einen Untersuchungstermin geben zu lassen, merke ich doch schon ein unbestimmtes Bauchgrimmen.

“Fahren Sie im nächsten Urlaub in die Clubanlage Las Piranhas, all inklusive, mit Karaoke. Da sind die Blagen den ganzen Tag beschäftigt. Erholung pur für die Eltern!”, rät sie mir tiefbraun gebrannt und ausgeruht nach den Sommerferien. Ich stelle mir meinen Mittleren vor, der bei fremden Leuten die Zähne nicht auseinanderkriegt, wie er vor Publikum zur Konservenmusik singt und steppt – und schlucke mein Kichern herunter. Sie meint es doch nur gut mir!

Überhaupt die Blagen! Ein unerschöpfliches Thema. Ihre Tochter – einziges Kind – pubertiert heftig. “Mein Güte, Frau Perlengazelle, was machen Sie erst mit dreien durch!” , seufzt sie, während sie unbeirrt mit Schere und Kamm herumwirbelt. “Ooooch, muss ja!” , murmele ich dann und verschweige, dass ihr nettes Töchterchen schlimmer ist als meine drei zusammen. Aber gleich fühle mich besser. Was mir bei meinen Kindern alles erspart geblieben ist! Ohne Frau Schmidt wüsste ich das gar nicht zu schätzen.

Wenn Frau Schmidt frei hat, schneidet die Chefin Frau Maier selbst. Sie ist äußerst geschäftstüchtig und versucht immer, mir diverse Pflegeprodukte, die ich ihrer Meinung nach dringend nötig habe, aufzuschwatzen. “Frau Perlengazelle, Sie müssen unbedingt was tun. So geht es nicht weiter. Ihre Haare brauchen dringend eine Packung, sonst werden sie immer dünner. Ich habe da genau das Richtige für Ihr Alter.“ Sie empfiehlt mir hartnäckig ein namenloses, aber schweinisch teures Produkt – wahrscheinlich hat sie als zweites Standbein eine Kosmetikvertretung. Ich wehre ab. Auch die Gefahr, dass ich ganz sicher spätestens in zwei Jahren eine Glatze haben werde, stimmt mich nicht um. Tief seufzend wegen meiner Sturheit gibt sie dann auf – bis zum nächsten Mal. “Mein Güte, Sie haben ja Natur!”, staunt sie beim Durchkämmen – bei jedem Besuch kann sie sich wieder aufs Neue über ihre Entdeckung freuen und versteht gar nicht, dass ich die Haare am liebsten glatt geföhnt habe.

Auch um mein Eheleben ist sie sehr besorgt. “Nehmen Sie sich mal eine Auszeit, gehen Sie alleine aus und gönnen Sie sich eine Abwechslung. Das bringt frischen Wind in Ihre Ehe und Ihr Mann profitiert auch davon.” Sie selbst sei sehr unternehmungslustig und ziehe regelmäßig mit den Mädels los. Da täte keinem weh und sie fühle sich anschließend wie neugeboren. Den letzten Rest von Unzufriedenheit bekämpfe sie dann mit Gitarrenstunden, ob das nicht auch was für mich wäre? Jetzt fehlen mir die Worte. Fassungslos und schamrot stammele ich ein: “Vielleicht haben Sie ja recht … könnte mal was Anderes sein … gute Idee … wo gehen Sie denn abends immer hin?” und lasse mir diverse Lokalitäten und einen guten Gitarrenlehrer nennen. Und denke sehnsüchtig an meine gemütliche Couch, auf die ich mich abends fallen lassen kann, ohne Liebhaber und ohne Zupfmusik.

Leider wurde der Laden geschlossen. Vor ein paar Wochen bekam ich eine Postkarte. Sie hätte in Spanien – irgendwo in einer Touristenhochburg – ein neues Geschäft eröffnet und würde sich freuen, ihre alten Kundinnen dort begrüßen zu dürfen. Von Frau Schmidt erfahre ich dann noch, dass sie ihre Zelte in Deutschland komplett abgebaut hat und mit ihrem Neuen dorthin gezogen sei. Ob der eine Abwechslung zuviel in ihrem Eheleben war? An feurigen Spaniern wird es ihr dort nicht mangeln, sollte der Neue sich als Langweiler entpuppen. Aber hoffentlich hat sie ihre Gitarre mitgenommen – für die restliche Unzufriedenheit!

Jetzt bin ich auf der Suche nach einer neuen Friseurin. Keine einfache Sache. Zu jung soll sie nicht sein – keine Kaugummi kauende Tussi mit bauchfreiem Top und sichtbarem ***-Geweih, die mich mitleidig wegen meines fortgeschrittenen Alters mustert und so lustlos und stümperhaft herumschnippelt, dass ich mir am liebsten beim Nachhausegehen eine Tarnkappe aufsetzen möchte. Also schaue ich mir den Laden vorher an. Eine gestandene Person mit langen zotteligen hellblond gefärbten Haaren und dunklen Strähnchen, die mich freundlich begrüßt, flößt mir sofort Vertrauen ein. Sie schleppt augenscheinlich ein paar Kilos mehr als ich mit sich herum. Trägt höchst selbstbewusst einen bunt gemusterten riesigen Faltenrock und grün getigerte Frogs. Mit der will ich es mal versuche. Einen Termin bekomme ich aber erst in zwei Wochen. Der Laden scheint ziemlich beliebt zu sein – hier bin ich richtig!

Groß ist dann der Schreck am festgesetzten Termin. Statt der Vertrauen erweckenden gestandenen Friseurin kommt mir ein junger Mann, Mitte zwanzig, mit schwarzen Locken, knallenger Jeans und Cowboystiefeln entgegen und geleitet mich zu Stuhl.
“Herzlich willkommen. Ich bin David! Was kann ich für Sie tun” säuselt er und schüttelt mir die Hand, wobei er mir tief in die Augen blickt. “Eine ganze Menge!” will ich spontan antworten und vergesse für einen Moment mein Alter. Wie war das doch gleich? Abwechslung bringt frischen Wind ins Eheleben?

®Perlengazelle

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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2 Antworten zu Haarscharf – 1. Teil

  1. SätzeundSchätze schreibt:

    Witzig … danke für den Link, das hat mich so zum Schmunzeln gebracht. Wir könnten bestimmt einen ganzen Roman über Frisösen-Dialoge zusammenstellen 🙂
    Und weißt Du, was zudem ein lustiger Zufall ist? Der Friseur, zu dem ich gehe, nennt seinen Laden …. „Haarscharf“ 🙂

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  2. perlengazelle schreibt:

    Ja, die Frisösen! 🙂 Haarscharf – das ist schräg.
    Und ich habe immer noch trotz meines biblischen Alters naturblonde (dank guter Gene) und dicke Haare Marke Mopp.
    Ich brauche keine Packung!!!!!!!!!!!

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