Der Kampf ums goldene Kalb, bzw. um die perfekt goldbraun gebratene Pute

Ich weiß nicht warum ich mir in den Kopf gesetzt habe, Ende Oktober eine Pute zu braten.

Zum ersten Mal in meinem Leben.

Wahrscheinlich haben mich amerikanische Filme mit thanksgiving-Festen dazu animiert. Ich liebe diese riesigen gemütlichen New-Yorker Wohnungen, in denen solche Ereignisse selbstverständlich stattfinden. Meistens mit einer Riesenmenge an Verwandten und den dazu gehörigen anspruchsvollen Gesprächen und ausgelassener Stimmung – bedingt durch eine erkleckliche Menge an Alkohol. Wie halt so Klischees entstehen. Woody Allen sei Dank.

Zuvor war allerdings wochenlanges Studium diverser Rezepte Pflicht.

Um es gleich zu sagen: es gibt so viele Rezepte wie Sandkörner in der Wüste. Mit unterschiedlichsten Größen, Füllungen, Beilagen. Zitat: „Jede amerikanische Familie hat ihr ureigenstes Rezept.“

Ich sah den Wald vor lauter Puten nicht mehr.

Schließlich verzweifelte Rücksprache mit meiner kocherprobten Tante. Sie beruhigte mich. „Kein Thema!“ Und erläuterte mir in allen Einzelheiten und stundenlang jeden einzelnen Schritt. Sie redet halt gern – besonders wenn sie jemanden belehren kann.

Zwischendurch nickte ich mehrmals ein.

Aber die Kerndaten waren mir nun klar.

Versprach eine einfache Geschichte zu werden.

Der Einkauf stellte mich gleich vor ein Problem.

Ich wollte ein 4 kg schweres Tier.

Ich hatte die Wahl zwischen entweder 3 kg und ab 5kg aufwärts.

3 kg für sechs Personen mit mindestens vier sehr hungrigen Männern – das geht gar nicht!

Und 5 kg? Ein Riesenteil. Wer sollte das alles essen?

Nun  gehöre ich zur Fraktion: lieber sehr viel zu viel als zuwenig. Ein Albtraum, dass jemand am Tisch nicht satt wird (ein Erbteil meiner Mutter). Also lieber Kasernenmengen und tagelanges Reste-Essen als vor ratzekahl abgeräumten Tellern und noch knurrenden Mägen zu sitzen.

Denn: womöglich würde in Zukunft niemand mehr kommen wollen, weil es bei Familie L. nur Kinderportionen gibt.

„Schrappich!“ würde man hinter unserem Rücken tuscheln.

Mit dem Finger auf uns zeigen.

Wir wären mit einem Bann belegt.

Wir müsste fortziehen und in der Fremde neu anfangen …

Ich möchte hier nicht weg.

Also wurden es 5,4 kg!

Ich wusste dank einer versierten Tante, dass ich strategisch vorgehen musste. Die Pute an sich ist ein empfindlicher Vogel. Schnell wird er trocken und fade. Dann kaut man und kaut und kaut und das Stück wird im Mund immer größer und man kriegt es einfach nicht runter

Das wollte  ich vermeiden.

Deshalb wird am Samstagmittag ein Zeitplan erstellt.

Jeden Schritt wird minutiös aufgelistet.

Ich bin ein Freund von Listen. „Eine Liste ist die halbe Miete.“, so lautet mein Motto.

Am Sonntagmorgen in aller Herrgottsfrühe  – zum Glück hatte ich durch die Zeitumstellung eine Stunde gewonnen – geht es los.

Als erstes muss die Pute leer geräumt werden. Erschreckend riesig sieht der Vogel aus.

Entschlossen krempele ich mir die Blusenärmel hoch, stülpe ich mir Einmal-Handschuhe über und lege mir Messer, Pinzette und Grillzange zurecht.

Bilder von Gerichtsmedizinern aus diversen Krimis schießen mir durch den Kopf.

Ein Film läuft vor meinem inneren Auge ab.

Professor Boerne, mein Lieblingsgerichtsmediziner aus dem Münsterländer Tatort, spricht in ein Diktiergerät: „Die Tote wurde 29. Oktober gegen 9.30 Uhr in unbekleidetem Zustand aufgefunden. Absatz.

Es handelt sich um ein besonders großes Exemplar von  – Moment … Alberich!!! Wo bleiben Sie denn? Typisch, immer wenn man sie braucht, verkrümelt sie sich.“

Er beugt sich über den Leichnam: „Hmmmmm … Die Haut weist nach eingehender Untersuchung keinerlei Verletzungen auf. Sämtliche Haare wurden sorgfältig entfernt. Absatz.“

Er nimmt eine Lupe und betrachtete eine Stelle mit besonderer Aufmerksamkeit. Dann schnappt er sich eine Pinzette und zieht vorsichtig eine Feder, äh ein Haar aus der Haut und tütet es sorgfältig ein.

„Etwas nachlässig, der Täter. Tja, mein Lieber, Ordnung ist das halbe Leben. Gilt auch besonders für Mörder.“

Er schnippt mit den Fingern und diktiert weiter: „Lediglich im Halsbereich deutet der fehlende Kopf auf einen gewaltsamen Tod hin. Absatz.“

Mit einem Ruck und einer gewaltigen Zange öffnet er die Bauchhöhle. „Der Täter hat nach der Tat den Körper ausgeweidet und anschließend Hals und Leber des Opfers, in einer Tüte verpackt, in der Bauchhöhle zurück gelassen. Absatz.

Alberich!! Wo zum Kuckuck sind Sie? Stecken Sie etwa mit da drin? Klein genug wären Sie ja …“

Alberich, die kleinwüchsige Assistentin des Professors, erscheint, schnappt nach der Tüte mit den Eingeweiden  und erwidert ohne die Miene zu verziehen: „Das deutet auf einen Ritualmord hin.“

Professor Boerne zieht verwundert die Augenbrauen hoch: „Da sind Sie ja endlich! Bisschen lang die Zeit, um Ihr kleines Näschen zu pudern.“ Er beugt sich erneut über den Leichnam.  „Ein Ritual? Finden Sie wirklich? Sie scheinen sich ja damit auszukennen, Alberich. Aber vielleicht gar nicht so übel, die Idee. Halloween … der große Kürbis … da gab es doch mal einen Fall … was war es nur …“

Professor Boerne versinkt ins Grübeln.

Meine Phantasie ist mit mir durch gegangen. Energisch verbanne ich Professor Boerne aus meinen Gedanken, krieche in die Pute und zerre einen endlos langen Hals und einen Beutel mit undefinierbaren Innereien heraus – alles weg damit.

Ins Labor! Vielleicht findet man ja Spuren von irgendwelchen Substanzen …

Feierabend! Nicht weiter verfolgen, diesen Gedanken! Die Innereien wandern in den Müll.

Ich schicke ein Stoßgebet gen Himmel zu meiner Oma. „Tut mir leid, Omma. Ich weiß, dass man das nicht tut.“ Früher wurde eben alles verwertet. Undenkbar, Essbares weg zu werfen. Ich schäme mich – eine halbe Minute.

Bei meiner Oma hatte es nämlich auch Euter und andere Dinge gegeben, die ich mir lieber nicht vorstelle. Geschweige denn, dass ich sie essen würde.

Und als junges Mädchen hatte sie beim Schlachten auch eigenhändig in der Blutsuppe herum gerührt. Mit bloßen Händen.

Es war halt eine andere Zeit, ermahne ich mich energisch.

Um mich aus dem Stimmungstief heraus zu holen, denke ich kurz an einen Film mit Mr. Bean. Wie er mit dem riesigen Truthahn über dem Kopf hilflos im Zimmer herum stolzierte. Sehr komisch! Ich kichere albern vor mich hin. Zum Glück bin ich allein in der Küche.

Du nimmst das Ganze nicht ernst genug, schimpfe ich mit mir.

Die Zeit drängt und kurz entschlossen streiche ich die Füllung. „Isst sowieso keiner!“, beschwichtige ich mein schlechtes Gewissen. Stattdessen stopfe ich zwei schnell geschälte Äpfel in den Leib und verschließe die Öffnung mit einer Rouladennadel. Dann pinsele ich den Vogel sanft ringsherum mit Butter ein, binde Beine und Flügel mit Küchengarn zusammen und will ihn in den Bräter bugsieren.

Der Bräter, der noch von meiner Mutter stammt, ist zu klein. Auch mit größter Mühe lässt sich der Vogel nicht hinein zwängen.

Nach hektischem Suchen in sämtlichen Küchenschränken, im Keller und auf dem Spitzboden entdecke ich schließlich eine Form, die den Ausmaßen der Pute entspricht. Noch nie benutzt. Bis heute.

Geschafft! Den Rest besorgt der Ofen.

Dachte ich.

Mein Zeitplan weiß es besser.

Nach einer Stunde muss das klein geschnittene Suppengrün zugefügt werden.

Nebst etwas Gemüsebrühe.

Nach einer weiteren halben Stunde sanftes Einpinseln der Pute mit zerlassener Butter.

Nebst etwas Gemüsebrühe.

Erneutes Einpinseln – diesmal schon nicht mehr so sanft.

Gemüsebrühe.

Einpinseln.

Einpinseln.

Einpinseln.

Einpinseln.

Einpi …

Stunden später:

Nun muss die Temperatur erhöht werden. Der Vogel beginnt braun zu werden.

Misstrauisch beäuge ich den Vorgang alle fünf Minuten durch die Scheibe der Ofentür. Schließlich möchte ich keinen schwarzen Vogel. Sondern einen schön goldbraun gebratenen.

Nach zwanzig Minuten der gefährlichste Teil der Aktion: die Pute muss gedreht werden, damit auch das Bäuchlein eine schöne Farbe bekommt.

Mit Hilfe von diversen Topflappen, riesigen Grillzangen und gebückter Haltung gleitet der Vogel auf die Rückseite.

Jetzt habe ich Kreuz. Und Fettflecken auf der frischen Bluse.

Der Fußboden muss gewischt werden.

Nach weiteren zwanzig Minuten schalte ich den Ofen aus.. Ein eigens für diesen Zweck angeschafftes Bratenthermometer zeigt die Kerntemperatur an. 85° C. Perfekt.

Nun ist der Braten fertig.

Bis auf die Ruhezeit.

Schließlich muss sich Putilein erst einmal eine dreiviertel Stunde von den Strapazen der Sonnenbank erholen.

So viel Zeit muss sein.

Und die bekommt sie. Schön in Alufolie eingewickelt.

Während dieser Zeit erledige ich den einfachen Teil.

Koche Rotkohl. Mit Äpfeln.

Kartoffelklöße.

Und Sauce. Viel Sauce. Weil die Pute an sich trocken ist. Und nur mit viel Sauce heruntergespült werden kann.

Nach mehr fünf Stunden können wir uns an den Tisch setzen.

Bloß … wer soll das alles essen …???

®Perlengazelle

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Über perlengazelle

Ich komme: aussem Pott. Ich bin: eine Rechenknechtin, Erbsenzählerin, Randfichte, Sitzriesin, Heinzelmännin. Ich mag: Woody Allen, Mascha Kaléko, Rilke, Siri Hustvedt, Vilhelm Hammershøi, Hannes Wader, Ludwig Hirsch, Kimmo Joentaa, Professor Boerne, Meryl Streep, Dr. Eddie „Fitz“ Fitzgerald, Walt Kowalski, den Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben, rechnen, Föhr, Kaffee, Katzen … ... und ... und ... und ... mails an perlengazelle@web.de
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